Golden Earring, Ten Years After und Uriah Heep
live in Berlin-Weissensee am 18. Juli 1989



Als ich mich kürzlich etwas intensiver mit der Seite www.deutsche-mugge.de beschäftigte, stieß ich unter “Live-Berichte” auf den Beitrag von Hartmut Helms über seinen Konzertbesuch bei der Band Ten Years After Ende April 2010 (Konzertbericht: HIER). Diese Woodstock-Veteranen touren also noch immer, allerdings ohne ihren ehemaligen Frontmann, Sänger und “schnellsten Gitarristen der Welt” Alvin Lee. Die Band hatte sich ja in den 70er Jahren schon aufgelöst. Alvin Lee arbeitete dann mit anderen Musikern zusammen. Manch einer wird sich vielleicht noch an den Auftritt im Rockpalast des WDR erinnern. Lee, ein Drummer und ein Bassist nannten sich damals Ten Years Later, die Musik war aber die von Ten Years After. Erst gegen Ende der 80er Jahre fanden die Original-Mitglieder von Ten Years After wieder zueinander. Ich habe die Gruppe im Jahre 1989 auf dem Gelände der Radrennbahn Berlin-Weissensee in einem Live-Konzert erlebt.

Hier hatten geraume Zeit davor schon Joe Cocker, Bruce Springsteen und andere Stars aus dem - wie es damals hieß - NSW ("NSW" stand für das Nicht-Sozialistische Wirtschaftsgebiet) ihre Auftritte. Eines Tages rief mich meine Frau auf der Arbeit an und teilte mir freudig mit, sie habe eine schöne, bunte Eintrittskarte für mich besorgen lassen, und ich würde mich sicherlich freuen. Am Abend hielt ich das gute Stück dann in der Hand: es war eine Eintrittskarte für drei internationale Größen der Rockmusik, das waren aus den Niederlanden Golden Earring und jeweils aus Großbritannien Ten Years After und Uriah Heep. Das alles fand statt am 18. Juli 1989, Beginn: 20:00 Uhr und die Karte kostete 30,- Mark der DDR (oder genauer 29,95 Mark plus 0,05 Mark sog. Kulturabgabe).

Auf dem Gelände in der Rennbahnstraße hatte man eine große Bühne aufgebaut und diese stand voll mit Instrumenten, Lautsprechern, Lichttechnik und allem, was so an Bühnen-Equipment notwendig ist. So voll wie beim Konzert von Joe Cocker oder gar beim Boss war das Gelände der Radrennbahn allerdings nicht. Man konnte sich noch frei bewegen und notfalls auch den Standort noch ändern. Vor dem Konzert hatte es etwas geregnet aber am Abend blieb - soweit kann ich mich erinnern - alles trocken. Aus den Lautsprechern dröhnte laute Musik und diverse Techniker bauten und probierten auf der Bühne noch umher. Dann war es soweit. Pünktlich um 20 Uhr kamen die vier Musiker von Golden Earring auf die Bühne und los ging es.

Aber was war denn das? Zu hören waren lediglich ein lautes Schlagzeug und alles andere nur ganz leise. Das Konzert begann mit einer Panne. Sicherlich hätten die Musiker gut daran getan, abzubrechen und nachdem die Probleme beseitigt sind, nochmals zu beginnen. Aber sicherlich bekommen die Leute auf der Bühne solche Pannen gar nicht mit. Den Titel, der als Eröffnung gespielt wurde, hieß “Back Home”. Dieser Song war mir bekannt, auch der Titel “Twilight Zone”. Ich kenne auch noch einige weitere Golden Earring-Titel wie “Boddy Joe”, “Holy Holy Live”, “The Song Is Over”, “Dong Dong Diki Digi Dong” z.B., aber von dem, was die Band dann spielte, kannte ich nichts. Bis auf die Panne am Beginn spielte Golden Earring ein prima Konzert. Ein besonderer Knüller war das Drum-Solo von Schlagzeuger Cesar Zuiderwijk. Er begann auf seinen Trommeln und Becken zu Trommeln, seine Musikerkollegen verließen kurz die Bühne. Plötzlich warf er seine Sticks weg und trommelte jetzt mit den Händen auf seinem Overall. In diesem waren wahrscheinlich irgendwelche Sensoren eingearbeitet, welche bei Berührung Impulse geben, die dann in Töne ähnlich der Trommeln und Becken eines Schlagzeugs entstehen lassen. Cesar hatte sich für sein Solo auf ein Podest gestellt und beklopfte sich von unten bis oben, bis seine Kollegen wieder auf die Bühne kamen. Nach ca. 45 Minuten war dann Schluss, Instrumente hingestellt, kurze Verbeugung und runter von der Bühne. Natürlich sollte es damit noch nicht gewesen sein. Was ist ein Golden Earring-Konzert ohne “Radar Love”? Dieser Titel, wohl der bekannteste und erfolgreichste Song der Band, wurde jetzt in einer Maxi-Version dargeboten. Danach ging Golden Earring endgültig von der Bühne, damit die Vorbereitungen für die nächste Band beginnen konnten.
Jetzt noch kurz einige Infos zu Golden Earring. Die Band wurde 1961 gegründet und man sagt, sie sei die am längsten bestehende Rockband der Welt. Die Gruppe besteht ja bekanntlich heute noch, und die vier Mitglieder Barry Hay (voc, git, ftp), George Kooymans (git, voc), Rinus Geritsen (bg) und besagter Cesar Zuiderwijk spielen fast von Anfang an zusammen. Der Umbau für die nächste Band ging relativ schnell. Inzwischen war es auch dunkel geworden, und die Lichttechnik kam richtig zur Wirkung.

Ten Years After kamen auf die Bühne und lieferten ein erstklassiges Konzert ohne Pannen ab. Los ging es mit “Rock And Roll Music To The World”. Natürlich gab es auch “I’m Going Home”, wo Alwin Lee den Beweis antrat, der schnellste Gitarrist der Welt zu sein. Seine Finger gingen mit einer Leichtigkeit und einem rasanten Tempo über das Griffbrett seiner roten Gibson ES, dazu sang er mit seiner kräftigen, nasalen Stimme. Bei “Good Morning Little Schoolgirl” zog der Meister dann den Mikrofonständer über die Saiten, so dass es klirrte und pfiff, danach die Bassfigur und wieder die Stimme Lees. Weitere Titel waren noch “Love Like A Man”, “Hear Me Caling” und “Baby Won’t You Let Me Rock’n Roll You”. Nach ca. 45 Minuten wieder die Verbeugung der Musiker und natürlich eine Zugabe. In einem Mitschnitt des DDR-Fernsehens, der Tage später gesendet wurde, zeigte sich in einem Interview Alvin Lee begeistert vom DDR-Publikum. Lee gab ansonsten nur selten oder gar nicht Interviews, so sagte man. Hier ließ er sich nicht lange bitten. Nach Ten Years After erfolgte wieder ein Umbau mit Soundcheck, der dieses Mal ausgesprochen lange dauerte.

Als Uriah Heep dann endlich den ersten Titel spielte, passierte eine ähnliche Panne wie bei Golden Earring. Erst beim zweiten Lied hatte man alles im Griff. Zu Uriah Heep kurz einige Erklärungen. Die Band wurde Ende der 60er Jahre gegründet. Der Gitarrist Mick Box ist und war auch damals schon das einzige in der Band verbliebene Gründungsmitglied. Wenn man bei Wikipedia unter Uriah Heep nachschaut stellt man fest, dass im Laufe der Bandgeschichte über 20 Musiker bei den "Heeps" mitspielten bzw. noch dabei sind. In der Besetzung, in der die Band an diesem Abend auf der Bühne stand, bestand die Band seit 1986 und blieb bis 2007 auch unverändert so bestehen. Hier verließ Schlagzeuger Lee Kerslake die Band und wurde durch Russel Gilbrook ersetzt. Neben Kerslake spielten damals bei Uriah Heep besagter Mick Box (git), Trevor Bolder (bg), Phil Lanzon (Keyboard) und Bernie Shaw (voc). Über alle vorher ausgeschiedenen Musiker hier zu schreiben wäre mühevoll. Einige waren nur eine so kurze Zeit in der Band, dass sie kaum groß in Erscheinung getreten sind. Drei ehemalige Leute sollten aber erwähnt werden. Die größten Hits wie “Easy Livin'” oder “Gypsy” wurden von David Byron eingesungen. Er verließ Uriah Heep aber 1976 und verstarb 1985. Von der Bandgründung bis 1980 wurde die Hammondorgel von Ken Hensley gespielt. Aus seiner Feder stammen auch eine ganze Reihe von Titeln, beim Original von “Lady In Black” ist Hensley außerdem der Leadsänger und spielt auch Akustik-Gitarre. Nach dem Ausstieg von David Byron übernahm bis 1979 das Gesangsmikrofon das ehemalige Les Humphries Singers-Mitglied John Lawton. Er sang z.B. “Free Me”. Jetzt aber weiter beim Konzert in Berlin. Als alles funktionierte, spielte Uriah Heep Ihre alten Hits wie “The Wizard”, “Gypsy”, “Look At Your Self”, “Stealin” und natürlich “Lady In Black”. Die Band spielte aber auch Titel, die damals neueren Datums waren. Irgendwann kam dann auch noch “July Morning” und da merkte ich, dass der nächste Juli-Morgen nicht mehr weit war und ich am anderen Morgen um um 7:00 Uhr wieder auf der Arbeit sein musste. Bis nach Hause war es auch noch ein Stück. Es war inzwischen nach 24:00 Uhr. Man stelle sich das heute mal vor: An einem Wochentag ein Open Air-Rockkonzert mitten in Berlin, und das bis nach 24:00 Uhr. Ich denke, spätestens um 23:00 Uhr ist die Polizei da und dreht den Strom ab.

Auf dem Weg zum Ausgang und zum Bus hörte ich noch Uriah Heep. Zu Hause angekommen blieben noch ein paar Stunden zum Schlafen, bevor der Wecker wieder klingelte.