Text: Reinhard Baer (11.10.2011)
Fotos: Pressematerial





Die Stones wieder auf Welttourne
Im Jahre 1994 veröffentlichten die ROLLING STONES ihr 30. Studioalbum mit dem Titel "Voodoo Louge". Insgesamt 15 damals ganz neue Titel enthält diese Scheibe. Erstmalig musste die Band ohne Bassist Bill Wyman auskommen, denn dieser hatte 1993 seinen endgültigen Ausstieg bei den Stones verkündet. Man nahm auch keinen neuen Bassisten mehr in die Band auf. Für diese und auch zukünftige Produktionen und Liveaktivitäten wurde der 1961 in Chicago geborene Studio- und Session-Musiker DARRYL JONES als Gastmusiker verpflichtet. Für mich war das Voodoo Lounge-Album die erste CD, die ich mir jemals gekauft habe. Dabei hatte ich damals noch nicht einmal einen CD-Player. Ich hatte mir das Album erst einmal auf Musik-Kassette überspielt, um es mir dann auf dem Recorder oder Autoradio anhören zu können.

Am 19. Juli 1994 starteten die ROLLING STONES dann die Voodoo Lounge Welttournee mit einem Konzert im RPM-Club in Toronto/Kanada. Während es hier nur ca. 800 Zuschauer waren, zählten die weiteren 134 Konzerte, welche die Stones auf dem amerikanischen Kontinent, Australien, Südafrika, Japan und Europa gaben, Zuschauerzahlen im fünf- und sechsstelligen Bereich.

Den absoluten Zuschauerrekord gab es am 5. August 1995 im Strahov-Stadion in Prag. Hier sollen es ca. 127.000 Zuschauer gewesen sein. Da ich zum Termin am 17. August 1995 im Olympia-Stadion Berlin (ca. 77.000 Zuschauer) verhindert war und Karten für das Konzert in Prag auch in Deutschland angeboten wurden, entschloss ich mich, mal eine Reise nach Prag zu machen. Gegen Mittag des besagten 5. August setzte ich mich ins Auto, die A13 bis Dresden, durch Dresden durch und dann Richtung Grenzübergang Altenberg-Zinnwald. An der Grenze zur damaligen Tschechoslowakischen Republik brauchte ich nur den Ausweis zu zeigen und weiter ging es Richtung Prag. Das Strahov-Stadion fand ich auch ziemlich schnell und eine Parkmöglichkeit ebenfalls. Aus einem Hotel rief ich erst einmal zu Hause an und sagte, dass ich gut angekommen sei, danach ging ich ins Stadion.

Die Eingangskontrolle war ziemlich lax. Man schaute lediglich, ob die mitgenommene Wasserflasche auch aus Plastik sei, ein kurzer Blick in die Tasche... das war's. Nun sah ich dieses riesige Stadion mit der Stones-Bühne von innen. Das Stadion ist ein riesiger, rechteckiger Platz, umgeben von Tribünen aus Stahlbeton. Insgesamt machte die Arena einen etwas verwahrlosten Eindruck. Es gab keinen Rasen, sondern eine geschotterte Fläche mit einigen Gully-Deckeln, stellenweise stand hohes Unkraut. Dieses Stadion diente weniger für Fußball und Leichtathletik, es fanden in früheren Jahren hier große Massenveranstaltungen und Aufmärsche statt. Das Fassungsvermögen wird mit 220.000 bis 250.000 Menschen angegeben. Da ja die riesige Bühne aber eine Breitseite und Teile der zwei angrenzenden Tribünen verdeckte und als Backstage-Bereich diente, passten "nur" 127.000 Menschen rein. Als ich das Stadion betrat waren aber erst wenige Leute da. Ich ging bis kurz vor die Bühne und da blieb ich stehen. Ich hatte mir Zeitschriften mitgenommen und las, um die Wartezeit bis zum Konzertbeginn totzuschlagen.

Die große Bühne (siehe Foto in der Überschrift) war extra für diese Tournee entworfen worden. Es war ein riesiges Gebilde mit einem Mittelteil, der die eigentliche Bühne war. Rechts und links daneben standen zwei große Türme, in die die Lautsprecher integriert waren. Dazwischen über der Bühne war eine riesige Videowand und rechts und links von der Bühne weg führten Laufstege. Die Bühne hatte noch die sogenannte Kobra, ein halbkreisförmiges Gebilde, welches wie eine Schlange aussah (ebenfalls auf dem Bild zu sehen). An der Kobra und deren Kopf war noch etliches an Lichttechnik angebracht. Wie Mick Jagger und Keith Richards in einem Interview im Fernsehen erklärten, gab es diese Bühne ohne die Technik drei mal. Während an einem Ort ein Konzert stattfand, wurde am nächsten Ort schon eine weitere Bühne aufgebaut. Die gesamte Elektronik und Lichttechnik, die nach einem Konzert als erstes abgebaut wurde, wurde dann auch als erstes zum nächsten Spielort gebracht und an die schon stehende Bühne montiert. Unter der Bühne befanden sich riesige, mit Wasser gefüllte Behälter, die die Standsicherheit der Konstruktion gewährleisteten. Die Bühnen wurden nach der Tournee verschrottet; eine Einlagerung hätte zu viel Geld gekostet und so wurde für jede weitere Tour wieder eine neue Bühne gebaut.

Nun aber zum Konzert: Irgendwann schaute ich mal um mich und sah Menschen über Menschen um mich rum. Es gab erst eine englischsprachige Vorband, dann spielte noch eine tschechische Gruppe, die die einheimischen Leute gut zu kennen schienen. Wer in den 70er Jahren mal Vaclav Neckac erlebt hat der weiß, wie das bei tschechischen Künstlern abläuft. Es wird ein Titel gespielt, dann wird eine Weile geredet, dann wieder ein Titel, dann wieder Gerede und das diesmal auf tschechisch. Das Vorprogramm war ziemlich langatmig.

Es wurde nun dunkel und die Geräusche aus den Lautsprechern ließen ahnen, dass es nun los ging. Aus einem Rohr aus dem Kopf der Kobra kam ein Feuerstrahl, Trommelwirbel und dann standen die Stones auf der Bühne. Der erste Titel hieß "Not Fade Away", ein Stück aus alten Zeiten, bei dem Mick Jagger auch Mundharmonika spielte. Danach kamen mit "You Got Me Rocking" und "Sparks Will Fly" zwei Songs vom damals aktuellen Album "Voodoo Lounge". Weil es so schön war, gleich mit "It's All Over Now" und "Tumbling Dice" noch zwei "Oldtimer" hinterher. Zwischendurch hatte Mick Jagger alle herzlich begrüßt und artig auch einige Worte auf tschechisch gelernt. Der Kulttitel "(I Can't Get No) Satisfaction" ließ dann auch nicht lange auf sich warten.

Von der Vorgänger-LP "Steel Wheels" gab es das Lied "Rock In A Hard Place". Beim Titel "Miss You" spielte Mick Jagger Gitarre, die er aber mitten im Titel zur Seite stellte und sich der Background-Sängerin Lisa Fischer näherte. Diese nahm auf einem Hocker Platz und Mick begann, ihr die Füße und Beine zu streicheln. Letztlich zog er ihr einen Schuh aus und roch daran, um ihn danach zu küssen. Ihr schien das alles Spaß zu machen; es war alles Show.

Ein besonderer Höhepunkt war dann, als sich der Mittelteil der Bühne einige Meter in Richtung Zuschauer bewegte. Auf dieser Scheibe stand ein Schlagzeug und ein Keyboard und es begann mit "Sweet Virginia" eine Art Unplugged-Teil. Danach folgte der Hit "Angie". Natürlich sang Keith Richards auch wieder zwei Titel. Der eine hieß "The Worst" und war ebenfalls vom neuen Album, genau wie "I Go Wild", der an diesem Abend auch noch zu hören war. Mit "Like A Rolling Stone" huldigte man Bob Dylan und bei "You Can't Allways Get What You Want" sang das Publikum mit. Sowohl Mick Jagger als auch Keith Richards und Ronny Wood bewegten sich über die gesamte Bühnenbreite und besonders Mick erwies sich als ausgesprochen fit. Einmal stand er auf dem seitlichen Laufsteg wenige Meter von mir entfernt. Ich hatte mich kurzzeitig bis hier her vorgearbeitet, dazwischen waren lediglich nur einige Dixi-Klos, die vor der Bühne standen.

Nachdem das gesamte Stones-Repertoire über "Honky Tonk Women", "Gimme Shelter", "It's Only Rock'n Roll", "Brown Suggar" und "Sympathy For The Devil" gespielt war, ging es dem Ende entgegen. Das gesamte Konzert wurde begleitet von einer exzellenten Lichtshow. Auf der Videowand liefen Clips bzw. die Stones und ihre Musiker waren in Großaufnahme zu sehen. Nach der Verbeugung noch ein kleiner Zugabenteil und mit "Jumpin' Jack Flash" war dann mit dem musikalischen Teil des Konzerts Schluss. Musikalischer Teil? Was folgte denn noch? Es gab noch ein tolles Feuerwerk und dann erst gingen die Lichter an... Die 127.000 Menschen verließen das Stadion.

Wie ich später erfahren habe, befand sich der damalige tschechoslowakische Präsident Vaclav Havel auch unter den Zuschauern. Irgendwann fand ich dann mein Auto und bewegte mich erst mal Richtung Heimat. Irgendwo zwischen Grenze und Dresden steuerte ich aber einen Parkplatz an, trank noch ein Tschechisches Bier aus der Büchse und legte mich im Auto für einige Stunden schlafen. Am nächsten Nachmittag traf ich wieder zu Hause ein. Ich hatte mir vor dem Stadion in Prag bei einem Afrikaner noch ein Tour-Shirt gekauft, zum halben Preis und somit günstig, dachte ich mir. Hätte doch lieber woanders den vollen Preis zahlen sollen, das Shirt fiel nach kurzer Zeit von selbst auseinander. Billig ist eben nicht immer gut. Die Voodoo Lounge-Tour der Stones endete am 30. September 1995 in Rotterdam.

The ROLLING STONES waren damals:
Mick Jagger (voc, git, harp) - Keith Richards (g, voc) - Ron Wood (g) - Charly Watts (dr) - Mit ihnen standen als Gastmusiker auf der Bühne: Darryl Jones (bg), Chuck Leavell (key, back-voc), Lisa Fischer (back-voc), Bernard Fowler (back-voc), Bobby Keys (sax), The New West Horns, bestehend aus Andy Snitzer (sax), Michael Davies (tromb), Kent Smith (tromp)