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Im Sommer '61
Das Neue Jahr hat begonnen. Es ist die Zeit der guten Vorsätze, der Wünsche für die Zukunft aber auch der Rückblicke. Erstaunlich rast die Zeit dahin und man muss aufpassen, dass markante Ereignisse nicht völlig aus dem Gedächtnis gelöscht werden. Also möchte ich einmal nicht ausschließlich über Regler, Kompressoren und Dezibel berichten sondern über einen einzigen Tag, genauer eine Nacht, die nicht nur mein persönliches Leben umfassend beeinflusst hat. Für die heutige aktive Generation ist es selbstverständlich, dass man sich auf der Welt frei bewegen kann. Urlaubs- oder auch Arbeitsorte an der Sonne oder im ewigen Eis kann man nach belieben wählen, wenn es nicht gerade Nordkorea oder der Irak sein soll. Vor dem berüchtigten 13. August 1961 gab es immerhin eine beschränkte Bewegungsfreiheit. Wir gingen in Ost- oder Westberlin nach Belieben ins Kino oder zu Veranstaltungen. Dies war aber nicht im Sinne von Walter Ulbricht und seinen Mitstreitern. Ich habe noch heute die lügnerischen Worte im Ohr: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen“.
Im Sommer einundsechzig Im Sommer einundsechzig, beim Kurs von eins zu fünf, da machten die Grenzgänger sich täglich auf die Strümpf'. Klappe zu, Affe tot, endlich lacht das Morgenrot. Im Sommer einundsechzig, da holten aus Westend, die Werber sich das Kopfgeld, die Waffen der Agent. Klappe zu, Affe tot, endlich lacht das Abendrot. Im Sommer einundsechzig, am 13. August, da schlossen wir die Grenzen und keiner hat's gewußt. Klappe zu, Affe tot, endlich lacht das Abendrot. Text: Heinz Kahlau, Musik: Wolfgang Lesser Von verschiedenen im Einsatz befindlichen Ü-Wagen kamen Lifeschaltungen und auch Bänder mit Reportagen und Interviews von begeistert zustimmenden Menschen an der sich schließenden Grenze. Es wurde uns ziemlich schnell klar was also die Ursachen der „Programmänderung“ waren. Die Nachtschicht verlief zumindest aus Sicht der verantwortlichen Sonderredakteure in makabrer Feststimmung. Man feierte den Erfolg der nun erfolgten Schließung der Staatsgrenze und der Grenze von Ost- zu Westberlin. Es blieb mir nicht viel Zeit zum Verstehen dieses historischen Vorganges. Ich musste auf unbedingte Störungsfreiheit des technischen Ablaufs achten. Ein technischer persönlicher Bedienfehler, also eine „2c“, wäre sicher als Sabotageversuch gewertet worden und das hätte böse Folgen gehabt. Es war natürlich die höchstmögliche Funkschutzstufe angesetzt. Das hieß u.a. das Notstromaggregat lief, die Leitungsführungen bis zu den Sendern waren entsprechend mehrfach gesichert. So verging die „Nachtschicht der besonderen Art“ sicher etwas stressiger als sonst. Nach dem Dienst und der erfolgtem Übergabe an den Frühdienst war es üblich, dass man sich im Schaltraum noch verabschiedete. Dort saß ein auch mir bekannter hoher Sicherheitsbeamter des Rundfunks, ich glaube er hieß Herr Gold. Er fragte mich ohne Vorwarnung danach, wie ich denn die soeben erfolgte Sicherung des „Antifaschistischen Schutzwalls“ bewerte. Das war allerdings nach dem bedeutungsvollen Nachtdienst etwas viel für mich. Ich sagte ihm, dass ich das Ereignis erst einmal durchdenken und verarbeiten müsse. Erstaunlicherweise zeigte er dafür volles Verständnis und anerkannte dies als eine ehrliche Antwort. Damals hätte ich niemals geglaubt, dass die Folgen dieser Nacht unser Leben 28 Jahre lang beeinflussen wird. Heute fragt man sich mit etwas Abstand: Wem nützte diese Entscheidung? |