Zum Poster: SKORPIO
(aus Melodie & Rythmus 9/1975, Autor: Roswitha Baumert)





Wer sich nicht rechtzeitig um eine Karte bemüht hatte, konnte am Abend des Konzerts nur noch mit sehr geringer Wahrscheinlichkeit auf den Erwerb einer Eintrittskarte hoffen. Da war ich mit meiner Pressekarte im Vorteil, und so sah ich dann auch dem Getümmel, das mich vor dem Filmtheater Lunik in Berlin-Wilhelmsruh erwartete, recht gelassen entgegen. Viele kannten SKORPIO, die neueste ungarische Rock-Formation, bereits, hatten ihre Konzerte besucht oder die Funkaufnahmen mit der Gruppe gehört. So stimmte man sich in "Fachgesprächen" schon vorher auf das zu erwartende Spektakel ein. Zeit dafür blieb genug, denn das akademische Viertel ließ sich SKORPIO nicht nehmen. Dieser taktische Zug (?!) bewirkte zumindest eine steigende Spannung, die sich dann beim Erscheinen der vier Musikanten auf der Bühne in Pfiffen und ähnlichen Beifallsäußerungen entlud.

Die Gruppe tat mit harten Rock-Titeln das Ihre, und ich hatte echte Bedenken, wie die vier Musikanten diese Ekstase über 90 Minuten hin durchhalten wollten. Doch sie verstanden es, sich und den Zuhörern Fixpunkte zu setzen, die dann Gelegenheit boten, die instrumentalen Fertigkeiten jedes einzelnen Musikers und die interessanten, teilweise sehr melodischen Eigenkompositionen der Gruppe zu bewundern. Hervorragend ihre Rock-Version von Gershwins "Rhapsodie in Blue". Besonders der Einsatz des Synthesizers bringt hier, wie auch in allen anderen SKORPIO-Titeln, interessante Klangfarben, ist eine echte Bereicherung und prägt entscheidend den Sound der Gruppe. Die Vier kennen ihr Publikum und verstehen es immer wieder, durch den Wechsel von anspruchsvollen Instrumental-Titeln und hartem Rock in einer Phon- und Lichtschau zu begeistern. Und es fällt selbst dem kritischen Betrachter schwer, sich dieser ansteckenden Ausgelassenheit, die von der Bühne ausgeht und sich im Saal fortsetzt, zu entziehen. Nach zwei Zugaben musste sich das Publikum dann zufriedengeben, und bekannte Superlative wie "einfach stark", "das fetzt ein", "irre" und dergleichen mehr waren im Gespräch. Für mich Zeit, mehr über die "SKORPIOS" zu erfahren, von denen ich nicht viel mehr wusste als ihr Plakat aussagte:
"Károly Frenreisz (b, sax, fl, voc), Gyula Papp (org, p, synt), Antal Szücs (g), Gábor Fekete (dr, perc)"


Quelle: Melodie & Rhythmus (9/1975)

Die erwarteten Sprachschwierigkeiten blieben aus, denn Károly Frenreisz, Chef, Hauptkomponist und Sänger der Gruppe, ist im Deutschen beinahe ebenso perfekt wie in seiner Musik. Schon mit fünf Jahren setzte man ihn ans Klavier. Später studierte er am berühmten Béla-Bártok-Konservatorium Klarinette und Saxophon, spielte in der populären ungarischen Gruppe METRO, begann zu komponieren, stieg auf Bassgitarre um und wurde Solovokalist der Band. 1970 gründete er das Ensemble LOCOMOTIV GT, das auch in unserer Republik bekannt und beliebt wurde. Damals begann er auch, die Texte für seine Kompositionen selbst zu schreiben. Die von der in Ungarn sehr populären Sängerin Sarolta Zalatnay produzierten vier LP enthalten fast ausschließlich Frenreisz-Kompositionen.

Im Sommer 1973 schlug dann die Geburtsstunde für SKORPIO. Mit Károly, Gyula, Antal und Gábor fanden sich vier Musiker, die in ihren musikalischen Auffassungen weitgehendst übereinstimmen. Bis auf Gábor, der bei dem bekannten ungarischen Jazz-Gitarristen Andor Kovács in die Lehre ging, haben alle am Béla-Bártok-Konservatorium klassische Musik studiert und dann in populären Jazz- und Pop-Formationen, wie MINI, HUNGARIA, LOKOMOTIV GT u.a. gespielt. Heute belegen sie nur vordere Plätze auf den Ranglisten ungarischer Instrumentalisten. Kaum eine Gruppe ihrer Heimat wurde so schnell populär. Bereits wenige Monate nach ihrer Gründung spielten sie in den Budapester PEPITA-Studios ihre erste LP ein. Mit dem Titel "Das Rennen" wurde sie in Ungarn eine der erfolgreichsten Platten des Jahres 1974. Der Titelsong und "Der Urgroßvater" erreichten auch in den Spitzenparaden des Rundfunks der DDR mit der deutschen Textversion von Ingeburg Branoner vordere Plätze. Die Aufnahmen für eine zweite SKORPIO-LP wurden gerade abgeschlossen, und PEPITA will diese Platte noch im Herbst auf den Markt bringen. Zum gleichen Zeitpunkt wird die Gruppe nach Gastspielen in Polen und Jugoslawien wieder die Fans in ihrer Heimat mit zahlreichen Konzerten begeistern. Anhänger der Band in unserer Republik dürfen auf ein Wiedersehen und -hören mit SKORPIO im Jahr 1976 hoffen.





Übernahme des Textes mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"