Premiere: "Hans im Glück"

aus Melodie & Rythmus 4/1984, Autor: Alexander Jereczinsky, Fotos: Ulrich Wüst



Im Berliner "Haus der Jungen Talente" war Premiere: PANKOW hat mit dem neuen Stück "Hans im Glück" einige Zeitgenossen unseres Alltags ungeschminkt auf die Bühne gestellt, und zwar in der Absicht einer "modernen Adaption in Form von Satire. Es werden Typen karikiert, man soll darüber lachen und sie damit auf den Müllhaufen der Geschichte werfen" (Interview in DT 64 am 3. Februar 1984).

Ausgehend von der Fabel des Märchens wird ein junger Mensch nach Abschluss der Schule, mit allen guten Wünschen und natürlich auch Erwartungen der Gesellschaft, ins Leben geworfen. Er durchlebt – nach dem vermeintlichen Glück suchend – verschiedene Rollen, den Karrieristen, den Geschäftsmann in Sachen privaten Autohandels, den Spießer, den Assi ect. Die Idee, anhand eines Märchens eine Gesellschaftsstudie quer durch alle möglichen sozialen Gruppen zu zeichnen, verdient genauso Anerkennung, wie der dramaturgische Griff, mit einem Erzähler von Episode zu Episode zu führen, übrigens von Frank Hille hervorragend in Szene gesetzt. In der Sicht von PANKOW ist Glück "gute Beziehungen zu seiner Umwelt, Freunde, Familie, eine gute Arbeit zu haben, die einen irgendwie ausfüllt, die einem was gibt; in einer Gesellschaft zu leben, in der man das Gefühl hat, seine Ansprüche verwirklichen zu können, wenn man sich selbst erkennt, nicht irgendwo hängen bleibt, sondern es schafft, immer weiter zu suchen." (ebd.).

Die Gruppe stellt sich folglich hier und heute Problemen unserer Zeit, sie will aktivieren. Ein Anliegen, das mit solcher Konsequenz wohl bisher von keiner unserer Rockgruppen angegangen wurde (das PANKOW eigene Werk "Paule Panke" ausgenommen). Musikalisch bewies die Band auf's Neue, dass mit sparsamen, aber bewusst eingesetzten musikalischen Mitteln, eine dem Text angemessene Stimmung und damit ein PANKOW–typisches Klangbild erzeugt werden kann. Die Musiker beschränken sich bewusst auf das Wesentliche, denn ein üppiger Sound würde sicherlich wichtige Akzente verschleiern. In diesem Fall gewinnt das Detail an Gewicht: wie sie spielen, ihr Instrument beherrschen, die Stilistik, Dynamik, das Zusammenspiel, das diszipliniert wirkt, aber trotzdem von Spontaneität und Kraft strotzt! Die musikalischen Mittel sind pointiert in den Dienst des Inhalts gestellt, ohne dabei an musikalischer Präsenz zu verlieren. Im Vergleich zu ihrem ersten Rockspektakel "Paule Panke" haben sie sich zugunsten des inhaltlichen Anliegens noch mehr in der Kunst des Weglassens geübt, was die Titel mitunter härter, durchschaubarer, kompromissloser macht. Dazu die intensive Spielhaltung und eine sichere, man kann schon sagen selbstbewusste Interpretation von André Herzberg, die allerdings nicht in allen Phasen konsequent die Rollen ausspielte. Die szenische Umsetzung, überhaupt das handwerkliche Niveau des Gebotenen ließ Freude aufkommen.


Frank Hille


André Herzberg


Zweifellos nicht gleichermaßen gelungen, das methodischer herangehen und die geistigen Auseinandersetzungen mit dem Stoff, seine künstlerische Durchdringung. An die poetische Qualität solcher Titel wie "Die wundersame Geschichte von Gabi" oder den "Werkstattsong" reichen die Lieder des "Hans im Glück" nicht ran; von dem Hintersinn eines "Paule Panke", seiner konstruktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt ist bei "Hans im Glück" nicht viel übrig geblieben. Hier wird in einer puren Sprache ausgepackt und einigen Zeitgenossen in einem Teil zynischen, parodistischen, aber auch missionarischen Gestus der Spiegel vor's Gesicht gehalten.

Bei "Hans im Glück" werden Erscheinungen und Probleme nicht aus einer individuellen Sicht heraus in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang gesehen, wird das Konkrete nicht soweit abstrahiert, dass sich jeder aus seinen eigenen Erfahrungen dazu in Beziehung setzen kann, wird ästhetisch nicht hinreichend gearbeitet, noch nicht genügend künstlerisch geformt. Der dialektische Sprung vom Konkreten zum Allgemeinen bei der Reflektion sozialer Beziehungen mittels Kunst erst macht eine differenzierte Sicht möglich und damit auch den Austausch zwischen Bühne und Parkett optimal.


Jäcki Reznicek


Jürgen Ehle und Rainer Kirchmann


Bei "Hans im Glück" wird zwar der Finger auf den wunden Punkt gelegt, aber nicht ausreichend diagnostiziert, um einen Weg der Heilung bzw. Therapie zu suchen (ohne ihn im Stück bereits finden zu müssen). Die Summe der Erfahrungen des "Hans im Glück" müssen nicht unbedingt ein rosiges, aber bei aller Kritik ein objektives Bild ergeben, das in seiner gesellschaftlichen Determiniertheit die verschiedenen Aspekte unseres Daseins zusammenfasst und verdichtet, also eine höhere Stufe der Erkenntnis darstellt, von der aus die differenzierten Beziehungen von Individuum und Gesellschaft fassbar werden.

Sind auch noch einige Mängel zu konstatieren, so bleibt doch mit Deutlichkeit festzustellen, dass das Rock Theater in unserer Republik durch "Hans im Glück" eine wesentliche Bereicherung erfährt. Diese Bereicherung ist nicht zuletzt auch in der die Diskussion anregenden Funktion, die zugleich das gesellschaftspolitische Engagement der Gruppe verdeutlicht, zu sehen.



Übernahme des Textes und der Bilder mit freundlicher Genehmigung der "Melodie & Rhythmus"