Andrea Timm


Andrea Timm, ist keine Unbekannte in der Musikszene im Osten der Republik. Andrea Timm, von Freunden "Timmi" genannt, das ist die zierliche Person mit der großen roten Gitarre, die in der Lage ist, mit ihrer Stimme große Stimmungen zu erzeugen.
Musik macht Timmi schon sehr lange. Bisher zumeist aus Spaß an der Sache. Aufmerksamkeit errang sie an der Seite des verstorbenen Renft Gitarristen Heinz Prüfer als Duo VIA ZVAI. Aus der Idee entwickelte sich das Projekt VIA DRAI, zu dem zunächst neben den beiden Christian "Kuno" Kunert gehörte. Die wenigen Konzerte der drei sind legendär. Als Kunert krankheitsbedingt ausscheidet, holen sich Timmi und Heinz für einige Auftritte Thomas "Monster" Schoppe an ihre Seite. Pläne werden geschmiedet, Lieder geschrieben. Der Gedanke, ein Album zu produzieren, reift. Noch ist wenig Zeit für das neue Projekt, sind Heinz und Monster doch voll eingebunden bei Renft. Von einem Tag zum anderen ändert sich alles. Heinz Prüfer verunglückt tödlich.
Danach zieht sich Andrea Timm zunächst aus der Musik zurück. Am 16.06.2007 tritt sie erstmals wieder auf. Ihr Soloauftritt als Gast von Renft und Cäsar bei einem Konzert auf der Freilichtbühne in Berlin Biesdorf zählt zu den bewegensten Momenten dieses Abends und wird vom Publikum entsprechend gefeiert. Ebenso Ihr Auftritt am 30.11.2007 zum Gedenkkonzert für Heinz Prüfer, wo sie erstmals von Axel Stammberger begleitet wird. Dazwischen liegt etwas, das ganz wichtig ist für Andrea. Die Idee von einem Album mit eigenen Liedern reift. Andrea Timm, die in ihren Programmen bisher neben einigen eigenen Titeln vor allem englisch sprachige Country- und Folkstücke gecovert hat, geht daran, das Repertoire aus der VIA ZVAI und DRAI Zeit aufzubereiten, schreibt Texte für einige neue Titel, entwickelt Melodien und bereitet ihre erste eigene CD vor. Sie soll Heinz Prüfer gewidmet sein. Sie muss nicht lange nach erstklassigen Musikern suchen. Freunde und Gefährten von Heinz Prüfer sind gern bereit Andrea musikalisch zu unterstützen. Mitte April 2008 tritt sie, wieder begleitet von Axel Stammberger, mit einem zweistündigen Programm zur geplanten CD auf. Als Gäste sind Marcus Schloussen und Micha Behm, damals noch Stern Meissen, mit von der Partie. Dass dieses Konzert etwas Besonderes ist, wird dadurch unterstrichen, dass es sich Reinhard Fissler nicht nehmen lässt, in Berlin zugegen zu sein und mit Andrea einige Titel gemeinsam zu singen. Zugleich ist dieses Konzert möglicherweise auch die Geburtsstunde einer neuen VIA VIA Formation.
Produziert wurde Andrea Timms Debutalbum "Ein ganzes halbes Leben" von Bodo Strecke. Zu erwarten hat man, wenn sich alle Beteiligten treu geblieben sind, berührende Lieder. Tiefgründige deutsche Texte zu hervorragender, handgemachter akustischer Musik. Lassen wir uns also von der CD überraschen und hoffen darauf, dass es eine Tour zur CD geben wird.

Bandmitglieder:
- Andrea Timm (Gesang, Gitarre)
- Michael Behm (Percussion)
- Axel Stammberger (Gitarre)
- Marcus Schloussen (Bass)

Gäste:
- Thomas Putensen
- Millers Cat

"Andrea Timm" im Internet:
Offizielle Homepage




Exklusiv-Interview:

Das Interview mit Andrea Timm, vielen vielleicht besser bekannt als Timmi, begann eigentlich wie jedes andere. Doch nach wenigen Worten waren wir in einem so munteren Gespräch, dass ich den erklärenden, fast so dahin gesagten ersten Satz um des Verständnis Willen einfach zur ersten Frage erkläre...

Lass uns beginnen. Ich schalte das Diktiergerät ein und hoffe, dass das Gerät so funktioniert wie ich mir das vorstelle.
Na wenn nicht, musst du dir alles merken, was ich dir jetzt so erzähle. Ist doch kein Problem, denk ich mal...

Stimmt schon. Allerdings wird man älter und da fällt das Merken gelegentlich etwas schwerer.
(lacht schallend) Da kann ich dir ein Lied von singen. Das ist wohl war. Ich kann dir da Geschichten erzählen... Ich bin berühmt-berüchtigt dafür, dass ich mir Texte, die ich mal gelernt habe, sehr gut merken kann. Ich mache ja nicht nur Gitarre und Gesang solo, sondern singe auch seit Ewigkeiten im Chor, Texte, Texte, Texte... heute habe ich es leichter, weil, da geht man mit so Mäppchen auf die Bühne und kann schon mal in die Noten schauen. Und man sagt mir nach, dass ich ein wandelndes Textbuch bin und in über 30 Jahren Gesang kommt schon was zusammen. Du kannst mich nachts aus dem Schlaf reißen - sing mal die zweite Strophe von dem und dem - und das klappt, alles auf der Festplatte. Heute neue Texte zu behalten fällt mir schon etwas schwerer, vor allem bei den von mir heißgliebten englischen Folkballaden, viele haben einen so elend langen Text - übel! (lacht). Andererseits… Alles, was ich mir mal drauf geschafft habe, seit ich so in der 8. Klasse mit der Gitarre anfing, sitzt noch. Das waren eben die Dinge, die man in der Jugend 100fach hörte, da kenn ich noch jedes Wort. Vielleicht liegt es auch daran, dass man sich als Erwachsener um viel mehr Dinge gleichzeitig kümmern muss und für einen Wiederholungsfaktor 100 keine Zeit mehr hat. Dazu mag auch kommen, dass mir heute mehr Musik im Kopf umherschwirrt als damals, als ich anfing, selbst ein bisschen Musik zu machen. Da gab es die großen Favoriten, bei mir die Beatles und Joan Baez und nicht viel daneben. Heute hab ich ein Repertoire aus dem ich an einem Abend schon mal 30 Titel singe und dazu vieles, was möglich wäre, aber gerade nicht passt, oder worauf ich keine Lust (mehr) habe. Ich singe, wie gesagt, unter Anderem englische Folktitel oder Balladen sehr gern. Und wenn der Text (noch) nicht sitzt und ich beim Singen noch drüber nachdenken muss, dann wird der Song nicht gut. Und dann halte ich es eher mit Kuno – ein Notenpult kommt mir möglichst nicht auf die Bühne, lieber verzichte ich auf den Song.

Hast Du schon mal darüber nachgedacht, bei solchen Titeln Pseudoenglisch zu singen? Bei einigen Kollegen war und ist das ja nicht unüblich...
Nee, das ist nichts für mich. Im Grunde kann ich Englisch. Entweder der Text stimmt und mir ist wörtlich klar, was ich singe, oder ich lasse es bleiben. Ich weiß, dass Kuno für Demos und um den Charakter eines Songs zu entwickeln, also in der Geburtsstunde eines Songs, mit so einer Art Pseudoenglisch tolle Ideen entwickelte, auch wenn es später garantiert ein deutscher Text wurde. Er erklärte mir das auch mal bei einer Probe in Goslar, das klänge einfach besser als Deutsch. Zumindest bis ein Titel mit deutschem Text wirklich fertig und rund ist. Beispielhaft ist für mich eine pseudoenglische Variante von „September“ von ihm, die wirklich genial ist, leider aber nicht mehr zu einer Endfassung für Renft gelangte. Deshalb ist der Titel auf der jüngsten Renft CD auch als Instrumental verewigt. Es gibt schon aus dem Jahr 2001 eine Gesangslinie und einen englischen Text von mir, den ich unmittelbar nach den Ereignissen vom 11. September 2001 geschrieben habe – daher heißt dieser Song übrigens „September“. Mit „VIA ZVAI“ haben wir diese Variante auch auf der Bühne gespielt. Später sollte eine Bandvariante für Renft draus werden, und Kuno entwickelte eine neue Songline. Und die war gnadenlos besser als meine, was mich sicher nicht davon abhalten wird, den Song in der ursprünglichen Variante von 2001 auch mal ins Programm zu nehmen.

Du hast davon gesprochen, dass Du seit langem im Chor singst. Wie kamst Du überhaupt zur Musik?
Genauso! Von Kindesbeinen an habe ich gesungen. Das ist bestimmt ein wenig erblich bedingt, denn meine Mutter hat in jungen Jahren an Schlagerwettbewerben teilgenommen und ernsthaft mit dem Gedanken einer Schlagerkarriere gespielt, als ein solches Angebot von Heinz Quermann kam. Meine Eltern haben mich mit meiner Schwester dann zum Vorsingen zum Eisenbahner Kinderchor, zu Ehm Kurzweg, geschickt. Der war an unserem ersten Tag wohl nicht so gut drauf, jedenfalls donnerte er gleich mal ordentlich den Alt zusammen. Meine Schwester bekam Horror vor seiner Autorität und wurde nie wieder im Chor gesehen. Ich war vielleicht noch zu klein und hab gar nicht mitbekommen, was da passierte und bin also seit 1971 dabei geblieben. Ich habe letzlich über 30 Jahre bei Ehm Kurzweg in Chören gesungen und jetzt bin ich seit 4 Jahren im Unichor der Humboldt-Universität. Chorsingen ist eine tolle Schule, wenn man später was mit Musik machen will, auch wenn es immer ein wenig nach Langeweile klingt. Ich sehe förmlich, wie Einige anfangen zu gähnen, wenn sie was von Chormusik hören. Meine CD hätte ich Kurzweg so gerne vorgestellt. Leider ist er im Mai dieses Jahres ganz unerwartet verstorben. Er hat mich über die Jahre immer darin bestärkt, solistisch zu arbeiten. Jedenfalls lernte ich bei ihm, wie man musikalisch arbeitet, dass Musik mit Disziplin und Pünktlichkeit mehr zu tun hat, als mit dem Schlendrian, den man der Branche nachsagt. Der führt im Grunde zu nichts und man kann ihn sich vielleicht gelegentlich leisten, wenn man sicher und richtig gut ist und den großen Namen hat. Für mich ist Musik deshalb auch Fleiß und Arbeit, auch wenn es am Ende Unterhaltung ist. Im ganz Besonderen gilt das für alles, was mit Texten zusammenhängt. Bei Rundfunk und Fernsehen, musste immer alles stimmen. Von den Einsätzen über die Aussprache oder Lautstärke…. Und diese Einstellung zur Musik und den Umgang mit Text und Sprache verbinde ich halt mit meinem Chorleiter. Den Chor akzeptierten meine Eltern gerne, aber dass ich auf die Bühne wollte, in Kneipen und Bars gesungen habe, das war später schon problematischer für sie. Und als Nicole damals mit der weißen Gitarre meine Mutter bezauberte, da hab ich wie 'ne eifersüchtige Diva dagesessen, und fand sie gar nicht toll.

Gibt es bewegte Bilder von „Chorkind“ Andrea?
Eigentlich ja. Aber ich habe keine. Sicher, es gibt bestimmt Archive, wo die alten Sendungen schlummern. Da gab es 'ne ganz lustige Episode. Wir haben mal fürs Fernsehen in einer Sendung „Mach mit – Bleib fit“, sowas wie „Mach mit, mach's nach, mach's besser“ für Erwachsene, in Schneeberg mitgemacht. Wir mussten mit Schlittschuhen herumfahren und dazu halbplayback singen. Das hatten wir zuvor in Berlin im Europakino in Grünau fürs Fernsehen aufgenommen. Da passierte es schon mal, dass die Aufnahme unterbrochen wurde, wenn ein Flugzeug von Schönefeld rüberkam... Bei der Sendung bin ich dann jedenfalls vor laufender Kamera hingefallen. Rosa Bommelmütze auf und mit einem mal – Platsch! Ewig her und fast vergessen. Bis zur Winterolympiade in Sapporo, als ich vor dem Fernseher saß und in einer Pause genau diese Szene eingespielt wurde. Sehr putzig. Völlig unvorbereitet, hab ich fast nach Luft geschnappt, so aufgeregt war ich. Aber das ist ja nur ein kurzer Schnipsel und der war ruck zuck vorbei. Was ich habe, ist ein Band einer Sendung „Alles singt“ in Farbe (lacht). Da war ich aber nicht mehr „Chorkind“, sondern 18 oder so. Eine Faschingssendung aus dem Haus der Heiteren Muse in Leipzig, die damals ein Westverwandter einer Freundin in Hamburg aufgezeichnet hatte.

Was bedeutet Dir Musik? Ein schönes Hobby, das Du jetzt mit einem eigenen Album krönst?
Wenn ich so drüber nachdenke, ist das eigentlich immer mehr als nur ein Hobby gewesen. Für mich war als Kind und als Jugendliche die Zeit im Chor, die Zeit mit Musik und Bühne wichtiger als alles andere (Dieses alles andere spricht sie so nachdrücklich aus, dass kein Zweifel bleibt, sie meint wirklich wichtiger als alles andere und dafür hätte sie wohl einiges geopfert. - Anm. d. Verf.). Ich hätte sonstwas getan, das Vaterland verraten, wie es heißt, wenn ich einen Auftritt nicht hätte wahrnehmen können. Und da gab's auch keine Diskussionen, ob Chorproben oder Auftritt – absagen oder keine Lust gab es nicht. Kurzwegs Maxime war "ganz oder gar nicht", und die hat er uns durchaus vermittelt. Als meine Tochter geboren wurde, wollte ich ja eigentlich aufhören, stieg zeitweilig aus, aber irgendwie fehlte etwas. (lacht) So stell ich mir Entzugserscheinungen vor. Und so bin ich dann doch, als Ulrike etwas größer war, nach der Wende wieder richtig in meinen Chor eingestiegen. Und wie es so ist, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Meine Tochter singt mittlerweilen seit einigen Jahren in einem Jazzchor. Ich glaube, sie ist gut. Ich hatte ihr auch Klavierunterricht „verpasst“, aber ohne Zwang, wie ich betonen möchte, auch wenn es ein eigener Traum war, den ich nicht erfüllt habe. Kurzum – Musik ist sehr, sehr wichtig für mich. Es ging und geht nicht ohne Musik. Überhaupt nicht! Nach Heinz' Tod hat mich der Chor geradezu aufgefangen. Dann eines Tages wieder auf der Bühne zu stehen, das hat mir wirklich geholfen. Musik als Lebenselixier. Klingt zwar sehr überzogen, trifft es aber schon ein Stück weit.

Wann hast Du begonnen Gitarre zu spielen? Und wie bist Du nun zur Live-Musik und auf die Bühne gekommen?
Dass ich anfing, selbst Gitarre zu spielen, hat damit zu tun, dass ich mich in der 8. Klasse in einen aus meiner Klasse verliebte, der Gitarre spielte. Ich wollte auch und hab' mit seiner Hilfe angefangen zu lernen. Mein erster Song war "Hey Jude" in A - aus heutiger Sicht unmöglich. Nun gab es in der DDR nicht so einfach eine Gitarre zu kaufen. Ich spielte ab und zu auf der meines Freundes, eine 12 saitige, was anderes hatte er auch nicht. Ich hab mir die Finger wund geübt... Zum Teil bin ich dann da heimlich hingegangen, weil meine Eltern irgendwann mal merkten, das es nicht nur um Gitarre spielen ging und den Typen nicht akzeptierten... Und ansonsten hab ich mir einen Gitarrenhals mit Bundstäben auf Pappe gemalt und darauf geübt. War alles recht abenteuerlich. Es dauerte fast 2 Jahre bis ich Ende der 10. Klasse meine erste eigene Klampfe bekam, abgekauft von meinem Stabülehrer, der mich laut hatte auf dem Schulhof fluchen hören – über den Staat, was ja überhaupt nicht ging... weil mir just eine Gitarre, die ich bei „Takt & Ton“ schon in der Hand hielt, wieder abgenommen wurde, da ich keinen Bezugsschein einer Kindergartenschule vorweisen konnte. Leider hatte ich nie professionellen Unterricht und während andere ins Profilager wechselten und immer besser wurden, hab ich brav die Schulbank gedrückt und ein Studium gemacht. (lacht) Und ein bisschen hab ich ja da auch geklimpert z.B. mit meinem Kumpel Frank. Das ist auch eine Geschichte, die ich sehr gerne erzähle:
Frank war Schüler meines Vaters – meine Eltern sind beide Lehrer - damals so 15 oder 16 Jahre und half mir bei meinem ersten Umzug - 4. Stock, Seitenflügel - trug meine Gitarre und fragte mich ganz anerkennend: "Oh! Du spielst Gitarre?" Ich: "Ja, ich lerne da gerade ‘n bisschen." Er zurück: "Ich auch. Kannst mir ein bisschen was erklären?" "Na klar..." Von da an haben wir uns recht regelmäßig getroffen und unsere musikalischen Laienkenntnisse ausgetauscht und uns gestritten, wer nun „besser“ sei – Bob Dylan oder Joan Baez... Wir sind heute noch miteinander befreundet. ...mein Kumpel Frank. Er hat mich rasch überflügelt und spielte bald viel, viel besser als ich. Später sogar als Gitarrist bei Reinhard Fißler, als der selbst nicht mehr spielen konnte. Heute spielt er bei Miller‘s Cat und ich finde das, was sie machen, richtig gut.
Nachdem meine Tochter da war, im dritten Studienjahr, und der entsprechende Mann dazu, habe ich nahezu zehn Jahre fast gar nicht mehr gespielt, mich leider in diese Richtung auch nicht mehr weiterentwickelt. Englische Abende an der Hochschule mit ersten eigenen Songs waren recht verheißungsvoll, aber das war's dann auch. Aber es waren erste Soloschritte (lacht). Dann kamen die Pausenjahre. Frank machte mich schon 1992 auf das „Steamboat“ aufmerksam. "Timmi, da gibt es diese Kneipe in Friedrichshagen, da wird Livemusik gemacht, da ist immer Session und da kannst‘e spielen." Das war das“Steamboat“ - eine Countrykneipe in Friedrichshagen. Nach der Trennung von meinem Mann – also nach 10 Jahren Bühnenpause - erinnerte ich mich an das „Steamboot“ und ging 1998 dorthin, zur Session. Ich war sehr skeptisch. Nach so vielen Jahren allein auf 'ne Bühne... Es war eine ganz tolle Zeit. Damals lernte ich dort auch Reinhard Fißler kennen. Als das Steamboat zumachte, sind wir in eine andere Kneipe umgezogen. Nach der ersten Session kam der Kneiper zu mir und fragte: "Und? Haben wir schon einen Termin?" Ich war völlig verblüfft: "Was denn für einen Termin?" Antwort: "Na willst Du hier spielen oder nicht?" So kam ich zu meiner ersten echten eigenen Mugge. Dann hab ich mich zu Hause hingesetzt und eine Liste gemacht. Einen ganzen Abend sollste jetzt spielen? Oh je…! So ein Abend ist lang. Seit dem mache ich Live-Musik – jetzt genau 10 Jahre.

Ein überaus ungewöhnlicher Weg. Wie hast Du die Kurve von der Hobbysängerin zur Solistin bekommen?
Für meine musikalische Entwicklung, bis hin zu den Soloauftritten, war Vielfalt wirklich wichtig. Auf dem Weg habe ich die verschiedensten Musikstile kennen und singen gelernt. Mein Repertoire heute reicht vom Kinderlied über Schlager bis zu Musical und Folk und dann eben noch die eigenen Songs. Das alles mal gemacht zu haben und eben ganz viele Musikrichtungen zu kennen, das ist schon von Vorteil, ein richtiger kleiner Schatz. Zumal ich damit die Möglichkeit habe, zu improvisieren, was mir gelegentlich sehr entgegen gekommen ist. Das ist in kleiner privater Runde so, wo ich mir das Publikum ansehe und dann entscheide, was genau ich mache. Der Rahmen für eine goldene Hochzeit oder so etwas steht, aber Nuancen setzte ich in der Regel vor Ort. Ich denke auch an einen spontanen Auftritt bei einem Konzert von Millers Cat, wo mich die Jungs ziemlich spontan als Special Guest auf die Bühne beorderten, oder auch den ersten Auftritt nach Heinz' Tod, als innerhalb eines Konzertes von Renft und Cäsar ein Titel mit mir geplant war und das Publikum noch Zugaben wollte. Es soll ja dann auch passen und nicht den Rahmen sprengen. Deine Frage lautete aber, wie kommst du vom Chor zum Solo. Das kann man so eigentlich gar nicht sagen. Denn Chor und Solo laufen seit langem nebeneinander. Nachdem sich Kurzweg als Chorleiter in den Ruhestand begab und ich mit dem Nachfolger nicht richtig klarkam, verließ ich nach 34 Jahren diesen Chor, eine schmerzhafte, aber konsequente Entscheidung. Danach kam zunehmend mehr Bewegung in die Solo- und Duosachen, und ich war ich fast jedes Wochenende mit der Gitarre unterwegs, und habe dabei teilweise die Stimme bis an die Grenze belastet. Irgendwann habe ich mir gesagt - wenn du weiter singen willst, musst du wieder was für Deine Stimme tun, richtige Stimmbildung. Und so bin ich dann zum Humboldtchor gekommen. Ich hab da richtig vorsingen müssen, beim Stimmbildner und beim Chorleiter, mit Blattsingen (konnte ich damals kaum) - zum Glück wußte ich das vorher nicht… Ich hatte mir diesen Chor eigentlich nur aus praktischen, fahrtechnischen Erwägungen heraus im Internet gesucht und habe da einen absoluten Glückstreffer gelandet. Ganz hohes Niveau und ein tolles Gemeinschaftsgefühl. In einem Chor kann man prima ausprobieren, wie Ernst es einem mit dem Singen ist, ob man sich entsprechend disziplinieren und in eine Gruppe einfügen kann. Gerade für Kinder halte ich das für einen guten Weg, um zu sehen, wie weit musikalische Ambitionen nur Mode oder echte Leidenschaft sind. Zudem gibt es in einem guten Chor Stimmbildung und ähnliches in einem Maß, auf dem man aufbauen kann, wenn Interesse und Talent da sind. Dazu gibt es das fast gratis. Wie wichtig Stimmbildung ist, hab ich immer wieder erfahren, weil ich immer mal wieder dazu neigte, etwas heiser zu werden bis hin zu Stimmknötchen. Dann hab ich, wenn das stärker wurde, auch schon mal Stunden genommen, um die Stimme wieder in Form zu bringen. Ich war auch mal bei Angelika Weiz für Gesangsstunden, wollte von ihr ein wenig lernen, wie man powert ohne heiser zu werden. Das war sehr lustig. Zuerst hat sie mich angesehen und mir auf den Kopf zu gesagt, sie habe das Gefühl, dass da etwas wäre, das meine Stimme behindern würde. Ich neigte den Kopf immer so in eine Richtung beim Singen und da gäbe es eine Art Übergewicht, so eine Energie, ob ich denn auf der Seite Amalgam-Füllungen hätte – hatte ich, und zwar nur auf der Seite. Sie erklärte mir da einige Zusammenhänge, da kann man drüber denken, was man will, ich ließ mir die Füllungen entfernen um diese unnötigen Strömlinge in meinem Kopf loszuwerden und fühlte mich besser. Überdies haben wir in der Zeit viel geredet. War wirklich eine gute Sache, fast so eine Art Therapie und ich habe eine tolle, ganz warmherzige Frau kennen gelernt. Ich kannte sie zuvor „nur“ als Sängerin, die unglaublich schöne eigene Titel gemacht hat. „Lovers“ - für mich ein Welthit. Ja, Geli würde ich gern mal wiedersehen.

War VIA ZVAI Deine erste Station mit musikalischen Partnern?
Nein, neben den beschriebenen ersten Soloabenden lernte ich bei einer Session den Geiger „Mr. Miller“ kennen, und er brauchte gerade eine musikalische Partnerin, und er hatte Termine!! Also bin mit ihm eine Weile regelrecht getingelt, wir haben jede „Hundehochzeit“ bespielt. Ich merkte, dass es mit deutschen Titeln und Anmoderation auch in Kneipen besser gelingt, das Niveau zu halten. Wenn das gelang, hat auch das Musizieren in so 'ner Kneipe Spaß gemacht. Das war sonst schon mal richtig hart. Da hättest' manchmal auch 'ne CD auflegen können, denn es interessierte keinen, was du da machtest, ob du gut warst oder nicht, der Lärmpegel stieg mit dem Alkohol ständig an… Ich erinnere mich an eine Mugge, da haben wir im „Le Prom“ in Marzahn gespielt. Nach x Stunden früh um 2 Uhr, die Sachen gingen ja auch immer uferlos lange… Ich hatte zum Schluss ein paar ruhige Folksachen von Joan Baez und so gesungen, fand mich auch ganz gut, war mit mir zufrieden, kommt ein angetrunkener Typ an die Bühne und fragte: „Ehj! Kannste auch was von Aerosmith?“ (Die Stimme wird Andrea wohl nie vergessen, denn sie imitiert sie gerade bühnenreif – einfach köstlich … um dann unter lachen fortzufahren - Anm. d. Verf.) Ich dachte: Na Klasse! Da machst du 'ne geile Mugge und gibst alles und ALLES UMSONST… Heute ist das eine amüsante Geschichte, aber damals hab ich gedacht: Na toll! Da kannst ja gleich ganz aufhören… Ich hatte und habe den Anspruch, gut zu sein. Einfach Quantität, das ist geht bei mir nicht. Mein Geiger hat mich da bekehren wollen, zumal ich mich oft in den Kneipen heiser gesungen habe, so sehr hab ich mich da reingekniet. Er meinte: "Mach doch mal Sparflamme, volle Kanne ist doch gar nicht nötig…" Ich konnte das nicht. Entweder richtig oder gar nicht. So im Rückblick war es aber eine gute Lehrzeit, ich habe gelernt, wie das so im Groben mit der Bühnentechnik geht, Aufbau und Abbau, alles an seinem Platz und Wiederfinden und immer cool bleiben und ich hab gelernt, wie man bis spät in die Nacht Musik macht und am nächsten Morgen wieder ins Büro geht. (lacht)
Viel Spaß gemacht haben mir auch meine Solo-Auftritte auf so großen Countryfesten, schöne große Bühnen, großes Publikum und meist an der Ostsee und im Sommer...

Spielte Ostmusik für Dich eigentlich eine besondere Rolle?
Ostrock eher nicht, Liedermacher ja. Mir waren die namhaften Bands oft viel zu theoretisch und irgendwie künstlich. Dazu kam, dass meine Jugendfreunde ja auch vor allem englische Sachen hörten und teilweise selbst Musik machten. Die haben dann internationale Titel nachgespielt. Meine ersten Gitarrentöne waren nachgespielte Beatlestitel. Dagegen kam nichts an, auch wenn ich wohl doch recht viel unterschwellig mitbekommen habe. Ich erinnere mich, dass Karussell mir gefiel und ich auch die ein oder andere Ost-Platte hatte. „Weißes Gold“ von der Stern Combo hatte ich, obwohl ich mit den vielen Keyboards und diesen halb sinfonischen Sachen nicht so viel anfangen konnte. Wenn, dann waren es die Gitarrenbands mit gutem Sologesang, die mir gefielen. Die Stones habe ich als Beatles-Fan gemieden, sicher ganz blöd, aber ich war jung. Von den Beatles hab' ich versucht soviel wie möglich zu bekommen. 1977 war ich mit dem Chor für ein paar Wochen in Artek auf der Krim. Auf dem Rückweg bin ich ins GUM in Moskau gestürmt und hab mir die original russischen Beatlesplatten von Melodia und alles was es zu den Beatles gab gekauft. Ich hab die heute noch. Original Übersetzung und mit kyrillischen Buchstaben, „??????“ für „Help“; das finde ich heute noch witzig. Zum Abi hab' ich das „Weiße Album“ bekommen, wofür sich mein Vater schon einiges hat einfallen lassen.
2001 bin ich durch Heinz Prüfer dann ja mitten hinein in die Szene geraten. Und natürlich gibt es da die Musiker, die richtig, richtig gut sind. Ich erinnere mich an ein Konzert in Landsberg. Da spielten mehrere Bands. Neben Renft auch Dirk Michaelis. Als der das „Fischlein unterm Eis“ begann dachte ich, der hat viel zu hoch angefangen, das geht in die Erdbeeren, aber denkste… das hat richtig Eindruck bei mir hinterlassen. Viele andere gute Sachen sind an mir regelrecht vorbei gegangen. Zum Beispiel Gundermann. An ihn erinnere ich mich, wie er ziemlich grotesk im Fernsehen was von Baggerfahrern und Braunkohle sang. Erst viel später hab ich realisiert, dass er sehr schöne Texte geschrieben hat und ein ganz großer Liedermacher war, heute bekomme ich Gänsehaut bei der Musik. Wenn ich's recht überlege, ist die Wendezeit musikalisch mein schwarzes Loch. Da hab ich fast nichts mitbekommen und eben auch nicht wirklich selbst Musik gemacht. Als ich Heinz, das wandelnde Ostrocklexikon (lacht), kennenlernte, hab ich „nachgesessen“. Die großen Größen aus Amiland gleich noch dazu und die Vita der wichtigsten Gitarristen obendrauf (lacht).

Renft spielte auch keine Rolle?
(lacht) Nee! Nicht wirklich, dafür war ich zu jung. Als ich ein wenig Gitarre konnte, schob mir mal jemand einen Text rüber: "Du! Spiel das mal! Das ist von Renft. Die sind verboten." Da hab ich zumindest bewusst mitbekommen, dass es Renft gab. Das waren der „Apfeltraum“ und das „Liebeslied“. Ich hab mich gefragt – warum sind die denn verboten und wir haben in diese harmlosen Texte reininterpretiert, was nie drin war. Den kleinen Otto oder den Bausoldaten, das hab ich auch noch zu Ostzeiten mitbekommen, keine Ahnung wodurch. Möglicherweise hab ich die Platten auf irgendwelchen Partys gehört. Vielleicht waren es auch die Titel von Cäsar, die er bei Karussell zum Teil sang… Jedenfalls konnte ich bei meinem ersten Renftkonzert 2001 eine ganze Reihe der Lieder mitsingen ohne zu wissen, woher ich die Songs kannte. Mein erstes Konzert hab ich weniger wegen Renft besucht, viel mehr, weil Heinz mich darauf angesprochen hat. Allerdings hat mich das Renftfieber dann schon gepackt. Ich finde das Umfeld der Gruppe, die „Renft Familie“ unglaublich. Renft war und ist eine ganz besondere Band, mit allen Extremen, extremen Charakteren und einem regelrechten eigenen Schicksal. Es fällt mir allerdings heute schwer, zu einem Konzert der Jungs zu gehen. Das Monster und Cäsar mir im Sommer 2007 den Auftritt in Biesdorf ermöglichten, ist etwas anderes, und ich rechne ihnen das ganz hoch an. Aber heute vor der Renft Bühne zu stehen, das fällt irre schwer. Ich sehe Lücken und Schatten und die Musik verblasst angesichts der vielen Erinnerungen. Auf die Renft-Bühne gehöre ich aber auch nicht. Nur weil ich jemanden kenne, der jemanden kennt...?

Reinhard Fißler ist ein Stichwort für mich. Du erwähntest bei Deinem Auftritt mit Cäsar und Renft im April 2007 in Biesdorf, dass Reinhard Fißler etwas mit Deiner Gitarre und Deinem Gitarrenspiel zu tun hat. Bitte erzähl uns etwas mehr von der Geschichte.
Zunächst muss man wohl nicht viel zu Reinhard Fißler sagen. Er war der Frontmann und Sänger der Stern Combo Meißen. Und das über viele Jahre, in denen Gruppen wie Renft verboten waren und viele gute Musiker in den Westen gingen. Reini blieb und sang. Er war bekannt und markant. Ein grandioser Sänger und ganz feiner Mensch. Ein wirklicher Freund. Die Wege mir sehr wichtiger Menschen kreuzen sich immer wieder. Mein Weg mit dem Frank’s, dessen mit Reinhard und zuvor Reini mit Heinz. Die beiden machten zusammen Musik, seit IC bei der Stern Combo Meißen Frontmann war. Reinhard und Heinz spielten damals bei Reggae Play und später in der Fißler Gang. Irgendwann war Schluss und es gab wohl eine Zeit, da hatte Heinz alle Instrumente verkauft. Als dann 1992 Klaus Renft vor seiner Tür stand und ihn als Gitarristen für Renft wollte, begann für Heinz ein neues Zeitalter – sein Renft-Virus. Auch bei Reinhard veränderte sich einiges. Er trat viel solistisch auf und entwickelte dabei seinen eigenen Stil auf der Gitarre. Er hatte eine spezielle Anschlagtechnik, mit so einem Stopp, besser kann ich das nicht ausdrücken, die er insbesondere bei Reggae einsetzte. Die brachte er Frank authentisch bei, mit dem ich 20 Jahre zuvor C-Dreiklang und G- Dur als Anfänger geübt habe (lacht). Ich hab dann auch von Reini direkt einige Sachen erklärt bekommen, z.B. die Zupftechnik für das „Don't think twice“, was ich dann in Biesdorf gespielt habe. Aber mit meiner roten Takamine hat er nichts zu tun. Die hat mir Heinz aufgeschwatzt (lacht) als er noch bei Andy Krause im Musicpoint war, und ich dort 'ne Gitarre reklamierte. Da hab ich Heinz überhaupt das erste Mal gesehen. Er hat mir zu der roten Gitarre geraten, die ich erst gar nicht wollte. Wie kann man denn mit 'ner roten Gitarre… Mir war unbegreiflich, dass eine Gitarre anders aussehen könne, als braunes Holz. "Ach! Die passt doch prima zu Dir. Spiel mal… " Als ich die Gitarre im Laden ausprobierte und ein bischen vor mich hin trällerte, fand er irgendetwas daran „umwerfend“. Heinz Prüfer - ich wusste damals nicht mal, dass es Renft schon seit Jahren wieder gibt. Am Ende bin ich mit 'ner roten Gitarre aus dem Laden und 'nem Marshall–Verstärker dazu. Zumindest hat er es gelegentlich so erzählt. Der Rest ist Geschichte.

Biesdorf... Woher nahmst Du die Kraft dort wieder aufzutreten?
Mit Heinz' Tod war für mich alles zu Ende, das Privatleben, die Musik, alles. Eine große Leere, viele Trümmer und der Zwang, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, die unschön sind. Die Stimme weg, der Kopf leer und irgendwie ausgebrannt. Reinhard ermutigte mich, meine Gedanken und Gefühle in eigene Texte und Lieder zu fassen. Er verglich meine Situation mit seinen Erfahrungen und meinte, er hätte in besonders extremen Situationen seine besten musikalischen Ideen entwickelt. Und er hat Recht behalten. Eines Tages war es wieder da. Ich konnte wieder schreiben und auch wieder singen. Um mich selbst zu treiben und das Eis zu brechen, hab' ich Monster vorher angerufen und gefragt, ob ich in Biesdorf auftreten könne. Eigentlich überhaupt nicht meine Art. In der Situation ging das aber in Ordnung. Ich hatte riesigen Bammel vor dem Auftritt und Reini musste mir 'ne Menge Mut zusprechen. Er sagte im Grunde nur: "Geh' raus und Du wirst sehen, Du haust die Wand durch." Er sollte erneut Recht behalten. Ich stand da auf der Bühne und wusste - das ist es! Da musst Du hin, Deine Songs singen und auf die Bühne. Da war die Welt für den Augenblick wieder in Ordnung. Vermutlich ist das im Publikum auch so angekommen. Ich war einfach überzeugend. Und wenn man einmal den Virus hat, wenn man einmal Anerkennung und Zuspruch erfahren hat, dann kann man wahrscheinlich gar nicht anders. Man muss das wieder haben, auch um gesund zu werden.

Welche Bedeutung haben VIA ZVAI und DRAI für Dich?
VIA ZVAI hatte schon durch die Klasse von Heinz ein anderes Niveau als meine vorherigen musikalischen Intermezzi. Zunächst hab ich mit Heinz ein paar eigene sowie einige gecoverte Songs gespielt, innerhalb kürzester Zeit ein ganzes eigenes Programm. Als Kuno dazu kam und wir uns VIA DRAI nannten, ging richtig die Post ab. Wir probten und hatten, was nahe liegt, auch einige Pannach/Kunert-Titel und seltener gespielte Renft- Akustiktitel im Programm und ganz tolle Satzgesänge. Kuno hat heiße Verehrer, die darunter leiden, dass er nicht mehr dabei ist, und insbesondere seine Moderationen mit Esprit und Witz vermissen. Für die war der 30.11.2007, als Kuno nochmal richtig gut drauf war, sicher ein Festtag. Ich dachte nicht, dass ich ihn noch einmal so erleben würde. Eine riesige Leistung, wenn man sich vor Augen führt, dass Kuno so gut wie gar nicht mehr hört. Ein schlimmes Schicksal für einen so begnadeten Musiker. Dann gab es irgendwann die Überlegung, VIA DRAI mit Monster neu zu formieren, weil entsprechende Nachfragen da waren. Dieses VIA DRAI hatte einen anderen Charakter im Vergleich zur Kunovariante, war auch rockiger und bestand aus drei Blöcken sozusagen. Timmi und Heinz akustisch und Monster und Heinz mit Renfttiteln und alle gemeinsam. Monsters Spielfreude war schon ein Erlebnis. Mal schlug er die Rasseln, mal spielte er eine zweite Gitarre, mal sang er eine zweite Stimme und improvisierte zu meinen Songs, die er nicht so gut kannte (lacht). Wir hätten dieses Programm weiter ausbauen können, doch dazu kam es nicht mehr, ebenso wenig wie zu der CD von VIA ZVAI, die geplant war, zu der aber noch einige Songs fehlten. Heinz hatte dies in einem Interview mit rockradio bei unserer letzten gemeinsamen Mugge im März 2007 schon mal angekündigt und auch die Vorabsprachen mit Bodo Strecke für die Aufnahmen im Schloss Selchow waren schon gelaufen.

Demnächst gibt es aber die erste eigene CD von Dir, Du hast sie mit Musikern der Extraklasse fertiggestellt. Folgt auf VIA ZVAI und VIA DRAI jetzt VIA VIA?
Der Name ist entstanden als Wortspielerei, als Heinz und ich für unser Duo einen Namen brauchten. VIA hat was von Viva, klingt wie wir, heißt auch Straße/Weg und bietet eben jede Menge Deutungsmöglichkeiten. Man könnte sogar VIA VIA draus machen, zumal wir ja wirklich jetzt zu viert auf der Bühne stehen. Dass es überhaupt zu der CD gekommen ist, hat übrigens auch direkt mit dem Auftritt in Biesdorf zu tun. Nach dem Konzert kam Bodo Strecke zu mir und fragte: "Mann, Timmi, wollen wir nicht mal ein paar Aufnahmen machen?" Ja, und nun ist es soweit, die CD ist fast fertig. Ein unglaublicher Vorfall, eine Solo-CD „Halbes, ganzes Leben“ , Andrea Timm, nach 10 Jahren Live-Mugge. Für einen Künstlernamen ist es wohl eh viel zu spät (lacht), zumal mich ja nun viele nur als Timmi kennen. Timmi klingt aber immer noch nach Country und Folk und ist sowieso kein Bandname. Bei den Aufnahmen waren Axel Stammberger (Gitarre), Marcus Schloussen (Bass) und Micha Behm (Percussion) mit dabei, hat sich bestimmt inzwischen herumgesprochen. Die CD ist zunächst mal das Eine. Wie wir dann zu Bühnenpräsenz kommen, da müssen wir dran arbeiten, das ist eine lohnende Sache, wenn alle wollen und danach sieht es derzeit auch aus. Dann findet sich auch ein Name. Vielleicht ja wirklich VIA VIA. Mir würde es gefallen, denn immerhin ist das Namenskonstrukt mein Baby. Manchmal denke ich schon, ich sollte das schützen lassen, sonst ist es „schnapp“ weg.

Wie kommst Du als relativer Neuling zu so einer Band?
(lacht) Wie so oft und vieles in meinem Leben… richtig gute Freunde, ein bisschen Zufall und der Wille und die Kraft gegen Übel, Angst und Verzagtheit anzukämpfen. Dazu, der Drang zu musizieren. Axel mit seiner Gitarre ist ja bei vielen tollen Produktionen beteiligt gewesen. Von Vroni Fischer in den 70ern bis zur Begleitung von Kurt Demmler bei den Liedern des kleinen Prinzen. Ein echtes Urgestein und ein ganz toller Musiker. So brauchte ich meine „Rote“ nicht zu quälen (lacht). Mit Axel schließt sich gewissermaßen wieder ein Kreis. Heinz und Axel haben zusammen Musik studiert an der Musikschule Friedrichshain, haben zusammen bei „Morgenrock“ gespielt, kannten sich also seit langem. Mit VIA ZVAI hatten wir einen unserer ersten Auftritte in einer Pause von „Franky goes to Liverpool“, der Beatlesband, in der Axel seit Jahren spielt. Vor einiger Zeit gab es von Axels Seite die Idee, dass er, Heinz und ich eine New-Country-Sache gemeinsam aufziehen könnten. Das viele Auf und Ab in den letzten Jahren bei Renft hatte Heinz als Manager und Gitarrist der Band kaum noch Luft und Zeit gelassen, schon gar nicht mehr für weitere Projekte, auch wenn er große Lust darauf hatte. Aber geblieben ist mir seither ein Freund, der mich ermutigte, das Projekt CD anzugehen und mir seine Hilfe anbot. Er begleitete mich dann erstmals am 30.11.2007 im Neu–Helgoland beim Konzert für Heinz; mit der Produktion hatten wir schon im August 2007 begonnen. Ursprünglich war das Album als eine CD nur mit Gitarrenbegleitung gedacht. Axels Ideen für andere Arrangements waren aber so überzeugend, dass ich nicht lange gezögert habe, die Produktion zu erweitern. Marcus hat sofort zugesagt, er wusste ja, um welche Songs es geht. Die Idee, die CD Heinz zu widmen, stammt, soweit ich mich erinnere, auch von ihm – eine schöne Idee. Micha wollte erstmal was auf die Ohren und sich dann entscheiden, saß dann eines Tages bei mir, und ich spielte ihm die Demos vor. Er wurde ganz ruhig und sagte dann: "Das ist aber schön. Das können wir machen!" Für mich war's wie ein Ritterschlag (lacht). Wir kannten uns von langen Gesprächen hinter der Bühne, wenn Renft mit dem Sachsendreier unterwegs und die Stern-Combo dabei war, und waren von Anfang an irgendwie auf einer Wellenlänge. Ich habe das gute Gefühl, dass diese gestandenen Musiker mich als musikalischen Partner akzeptieren und mich bei der Umsetzung meiner und Heinz' Musik wirklich mit Freude und aus Überzeugung unterstützen.

Was erwartet uns auf Deinem „Halben ganzen Leben“?
Die CD wird 12 Songs haben. Dabei sind Titel, die wir bereits bei VIA ZVAI im Programm hatten. Für diese Titel hatte Heinz die Musik und ich die Texte erfunden. Dann lagen da noch ältere Texte von mir, zu denen habe ich neue Tönchen gemacht und dazu kommen die Titel, die richtig neu sind. Hier sind dann auch die Ergeignisse und Emotionen, die mit Heinz' Unfall verbunden sind, in irgendeiner Weise verarbeitet. Besonders Axel zeichnet für die musikalische Umsetzung und die Arrangements verantwortlich und hat damit sozusagen die Titel zum Leben erweckt. Einige Melodien sind so geblieben, wie ich sie mir vorgestellt habe. Bei anderen sind Nuancen verändert worden. Lustig war es bei einem Titel, da meldete sich - nachdem wir entschieden hatten: Nur Gitarre und Gesang! - Micha ganz ernst: "Waaas? Bei dem Song soll ich nicht trommeln? Das wird ein Hit! Da will ich auch trommeln..." - Riesengelächter! Wir hatten durchaus Spaß bei den Aufnahmen auch wenn es teilweise ernste Themen sind. Durch Axel haben wir auch noch weitere Musiker für die Produktion gewonnen, wunderbare Akzente. Tanja Hirschmüller spielt im Song „Mitte“ ein eigenes Solo auf der Klarinette, und ein Gitarrenschüler von Axel, Markus Schönfelder, spielt uns eine richtig fette improvisierte E-Gitarre in „Scherben“, in dem diese Gitarre fast eine symbolische Bedeutung hat. Im „Lied an einen schlafenden Schutzengel“ haben wir Reinhard Schmidt am Saxophon, dass einem die Gänsehaut über den Rücken läuft. Einen Titel möchte ich auch noch besonders erwähnen. Der ist als Bonus auf der CD. Es ist das „Winterlied“, das Heinz und ich auch mal für eine CD meines alten Chores produziert haben. Da wir die alte Aufnahme nicht verwenden konnten, haben wir das Werk als Kunstkopfaufnahme nochmal kurz vor Produktionsschluss im Wald in Jahnsfelde aufgenommen. Ich habe verdammt lange gebraucht, das Lied in einem Stück quasi fehlerfrei einzuspielen, Gitarre und Gesang – mir taten die Finger weh, wie nach 'ner Mugge. Bin eben kein Gitarrist (gibt es da 'ne weibliche Form?). Der Titel ist ca. von 1982 und ist mal bei mir hängengeblieben, aus einer bewegten Zeit in Prenzlauer Berg.
Dann habe ich hin und her überlegt – Gestaltung Cover und Booklet. Was erzählst Du den Menschen zur CD? Machst du eine Vita, oder einen Dank, eine Einführung. Und ich habe den Wunsch, mich bei einigen Menschen besonders zu bedanken, die mich begleitet haben. Was ist mit Texten, Bildern etc. Da ich sehr textorientiert bin, ist es mir wichtig, dass die Texte drin sind und lesbar. Es gibt ja CD’s, da sind die Texte drin, und man kann sie doch nicht lesen – wozu das Ganze? Was mich besonders freut ist, dass meine Tochter sehr gelungene Illustrationen zu den Texten gemacht hat. Jetzt drückt die Zeit etwas, weil die CD fertig werden muss, damit sie auch zum Record-Release-Konzert am 24.10. im Kino Kiste in Hellersdorf auf dem Tisch liegt. Meine erste CD, alles neu und tausend Dinge gleichzeitig, dabei habe ich so viel Hilfe, aber es ist trotzdem ein Riesenprojekt und die Angst, dass was Entscheidendes übersehen oder vergessen wird, ist immer mit dabei. Meine größte Sorge ist noch der Vertrieb der CD, ich weiß noch nicht ob Buschfunk an der CD interessiert sein wird. Das entscheidet sich in Kürze. Einzelheiten dazu gibt's inzwischen auch auf meiner Seite im Netz bzw. auf dem Stehversuch einer Seite oder wie auch immer unter www.andreatimm.de. Die Seite wird mal viel besser, jetzt musste es alles sehr schnell gehen. Ich habe noch ganz viele Ideen, aber jetzt erstmal keine Zeit dafür.

Wirst Du auf der CD englische Titel singen?
Nein! Da gibt es nur 3 Zeilen auf englisch (lacht) in einer Covervariante mit einem eigenen Text auf die Song „Another cup of coffee“ von Mike & The Mechanics. Auf der CD wird ausschließlich deutsch gesungen. Ach ja, bei dem Titel kommt Bodos „Toy-Piano“ zum Einsatz, und wir haben im Nachhinein nicht mehr mit Sicherheit feststellen können, wer dieses Intro gespielt hat. Im Ausschlussverfahren haben wir uns jetzt auf Axel geeinigt (lacht). „Burn out“ hat zwar einen englischen Titel aber einen deutschen Text. Ich hab mich für meine Musik auch ganz klar auf deutsche Texte festgelegt. Für meine eigenen und vor allem für die neuen Sachen finde ich es konsequent. Das habe ich ja auch bei den Texten für VIA ZVAI so gehalten, außer bei „September“. Am bekanntesten dürfte da wohl das Lied „Flügel“ sein, das ich für meine Tochter geschrieben habe, auch auf der Suche nach Themen, die mal nichts mit Partnerbeziehungen zu tun haben – was zugegeben schwer ist. Auch der Titel wird gelegentlich anders interpretiert, was mich nicht stört. Ich finde es gut, wenn ein Text streitbar und interpretierbar bleibt, dann ist er gut, nicht alles auf dem Tablett servieren. So etwas in der Art hat mir mal Michael Sellin gesagt, mit dem ich mich mit Heinz mehrmals getroffen hatte, da er auch zwei Songs von Heinz betextet hat. Einer dieser Songs sollte mit seinem Segen auf die CD, daraus wurde nichts – Urheberrecht, Probleme mit der Rechtsnachfolge. Da kann man nix tun, außer den Titel eben auf der Bühne live zu singen. Ich hab zwar auch schon mal ein paar englische Songs geschrieben und englisch zu singen, lässt sich in meinem Bühnenprogramm nicht wirklich vermeiden; in gewisser Weise ist das sicher inkonsequent, aber im Grunde stehe ich auch zu meinen geliebten englischen Balladen, so! Die CD ist definitiv ein deuschsprachiges Projekt und wird es auch bleiben. Freunde, die schon mal reingehört haben, haben mir gesagt, es sei eine Platte zum Zuhören, insbesondere wegen der Texte, zu schade für nebenbei eben. So wird es auch mit den Konzerten sein. Das sind schon große Komplimente.

Dann lass mich noch zwei ganz andere Dinge ansprechen? Wie kommt eine echte Berliner Pflanze zum Beispiel zum Skifahren?
(lacht) Woher weißt du das denn?

Recherche!
Oh je, gut, also ich kam über den Langlauf und ein paar Versuche Abfahrt in Harrachov zum Skifahren, Ende der 90er. Das ist auch schon wieder alles eine Weile her. Danach bin ich Jahre nicht gefahren. Erst jetzt wieder mit Heinz, obwohl ich das immer noch nicht wirklich toll kann. Ich bin sehr vorsichtig, da ich schon viel gestürzt bin und mir dabei sehr die Knochen verbogen habe. Dass ich mich immer wieder drauf gestellt habe, liegt zum großen Teil daran, dass ich die Berge und Natur um das Skifahren drum herum so faszinierend finde. Und um das immer wieder zu sehen, muss ich rauf und wieder runter und das Ganze ohne anschließende Krankenhausbehandlung. Mittlerweile komme ich mit Spaß und sicher ins Tal, aber vielleicht mache ich doch irgendwann noch den ultimativen Skikurs (lacht).

Dein Fable für Natur führt mich zu einem anderen Hobby: Gärtnern.
Naja. Ich bin leidenschaftliche Gärtnerin und freue mich, wenn es wächst, grünt und blüht und kämpfe derzeit einen kleinen Privatkrieg gegen Wühlmäuse und Maulwürfe, funktioniert bloß nicht wirklich. Ich liebe es, im Garten zu buddeln und fühle mich dabei pudelwohl; nur leider fehlt oft die Zeit und es bleibt viel liegen. Ich wollte übrigens ursprünglich mal Gärtnerin werden und dann Landschaftsarchitektur studieren. Mein Weg wurde dann – leider - beruflich ein anderer, aber das jetzt noch alles zu erzählen, wäre zu langweilig und würde das Interview sprengen.

Welche Überraschungen hält Andrea Timm für ihre Fans noch bereit? Wir haben jetzt eine Weile miteinander gesprochen und es war sehr spannend, Dir zuzuhören. Hast du schon mal daran gedacht, das alles selbst aufzuschreiben?
Nun ja. Gelegentlich hatte ich schon mal den Gedanken, das zu tun. Dazu muss man wahrscheinlich schriftstellerisch begabter sein, als ich es bin. Ich hätte schon mit dem Zeitenwechsel ein ewiges Problem. Und dann bleibt immer der Zweifel, ob deine Geschichte überhaupt jemanden interessiert. Wer bist Du, dass sich andere dafür interessieren sollen? Das wird ja dann im Grunde noch viel privater als so ein Interview, wir haben ja alle Klippen umschifft – und ich glaube eher nicht, dass ich das möchte, da kämen noch ganz andere Dinge zutage als die, die Du hier rausgekitzelt hast. Vielleicht wenn ich achtzig bin. Ganz konkret plane ich aber seit längerer Zeit, meine Texte und vor allem Gedichte, die ich im Laufe der Zeit geschrieben habe, mal als Buch zu veröffentlichen. Der Titel könnte jedenfalls der gleiche bleiben. Die Zeit war bisher immer schneller als ich, parallel zur CD war das nicht zu schaffen, also bleibt mir dieses Projekt auf jeden Fall noch für später.

Meine letzte Frage: Ich hab gehört, Du wärst an einem Projekt mit Andreas Hähle, Christian Haase, Axel Stammberger und Patricia Heidrich beteiligt. Worum geht es?
"Worum ging es?" muss die Frage leider richtig heißen. Weil - ich hab mich da zurückgezogen. Bei dem Projekt ging es um eine Aufführung der Lieder des kleinen Prinzen von Kurt Demmler als Theaterprogramm mit Lesung des Originaltextes. Axel hatte ich mal erzählt, dass mich früher Liedermacher wie Demmler, Schöne, Wader und so sehr inspiriert haben, es war meine Musik – Gesang und Gitarre. Womit wir schnell beim „Kleinen Prinzen“ waren, mit dem Programm tourte er ja mit Demmler. Dann war da Andreas Hähle, der nun wiederum Axel kannte und das Projekt schon lange mit sich herumtrug. Und da sich der 65. Geburtstag Demmlers näherte, das Buch 65 Jahre alt wird, reifte der Gedanke, dieses Programm umzusetzen und auch Kurt Demmler war sehr angetan von der Idee. Die Proben ließen viel Gutes erwarten. Viel mehr möchte ich dazu gar nicht sagen. Denn wie gesagt, ich bin raus. Spaß hat es mir gemacht. Sehr sogar. Bis zu den aktuellen Entwicklungen um Kurt Demmler. Ich könnte derzeit nicht mehr unbefangen an den Titeln arbeiten, und deshalb bin ich ausgestiegen.

Andrea, ich danke Dir für dieses Gespräch und wünsche Dir, dass die CD ein großer Erfolg wird und wir Dich mit der Band demnächst auf vielen Bühnen erleben dürfen.





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