Es ist schon höchst erfreulich, was gerade bei und mit Ina Müller abgeht. Da kommt eine Frau Anfang 40 plötzlich aus dem Nichts und räumt kräftig ab. Im Jahre 2006 veröffentlichte sie ihre erste Solo-Scheibe "Weiblich, ledig, 40", und wie der Album-Titel schon verrät, war sie da bereits über 40. Sie traf mit ihren Geschichten und Liedern offensichtlich den Nerv vieler Leute, denn zuletzt bekam exakt dieses Album Platin! Auch ihre zweite Scheibe "Liebe macht taub" stieß in ähnliche Gefilde vor. Gerade erst erschienen - sofort Goldstatus. Die Platinscheibe dürfte auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Von den erfolgreichen Konzerten vor bis zu 12.000 Leuten, den diversen Echo-Nominierungen und einer immer erfolgreicher werdenden Late Night-Show im Ersten gar nicht zu sprechen. In den letzten sechs Jahren dürfte sich Inas Leben komplett verändert haben. Einen Einblick in ihre Gefühlswelt und in ihr Privatleben gewährt sie ihren Fans über ihre Lieder, und so ist das im Februar erscheinende "Das wär dein Lied gewesen", ihr drittes Solo-Album, ein weiteres Kapitel im Buch des Lebens von Ina Müller. Wieviel Autobiographisches letztlich drin steckt, wird aber nur Ina selbst sagen können. Im Pressetext heißt es jedenfalls: "13 Songs über 13 Männer und Frauen, die in ihrem Leben irgendeine Rolle spielen oder gespielt haben". Zuletzt wurde bekannt, dass Ina Müller einen wesentlich jüngeren Freund hat. Für Dich und mich vielleicht nicht sonderlich von Bedeutung, aber für viele andere evtl. doch... Was bei Männern offensichtlich normal zu sein scheint, wird bei Frauen immer noch mit einem Stirnrunzeln und einer gerümpften Nase zur Kenntnis genommen. Ina kommt dieser Reaktion zuvor und antwortet darauf ganz souverän mit einem Song. Er heißt "Mit Mitte 20" und schildert mit einem kräftigen Augenzwinkern wie's denn so ist, mit einem so jungen Burschen zusammen zu sein und ihn "bemuttern" zu können. Etwas anders kommt der Titel "Fast drüber weg" daher. Inhaltlich geht's um die Zeit nach einer großen Liebe. Die Zeit, in der man versucht, den Ex-Partner zu vergessen, zu verdrängen gar, aber zumindest souverän mit der Situation umzugehen. In einem Slow-Blues mit kräftigem Schlag Melancholie singt sie darüber, wie beschissen es einem gehen kann, welche seltsamen Rekorde man plötzlich aufstellt ("ich hab Dich heut' noch nicht gegoogelt") und wie man sich stellenweise vielleicht sogar selbst belügt, um drüber hinweg zu kommen. Witzig wird's wieder bei "Paparazzia". In dem Song nimmt sie die skandalgeile Presse auf die Schippe - und sich gleich mit. So beschwert sie sich in ihrem Song darüber, dass kein Pressefuzzi zur Kenntnis nimmt, was sie alles anstellt und welche hausgemachten "Skandälchen" sie da inszeniert, um in die Zeitung zu kommen, denn sie will "in die Bunte, die Gala, die BILD". Beim Song "Gleichberechtigung" dürfte Alice Schwarzer - egal ob die Müller wirklich meint, was sie da singt oder nicht - das Frühstück wieder aus dem Gesicht fallen. Ina Müller singt darüber, dass Frauen inzwischen in vielen "tragenden Positionen" beruflich tätig sind (Pilotin, Chirurgin, etc.), und dass sie damit gerade ein großes Problem hat ("Eine Frau kann alles machen - aber bitte nicht mir"). In diversen Fall-Beispielen begründet sie sogar sehr schlüssig, warum und weswegen die Frauenwelt in verschiedenen Rollen ihrer Meinung nach (oder vielleicht doch der der Männer?) nichts zu suchen haben. Weitere "Abrechnungen" und Sichtweisen der Ina Müller, wie z.B. der Song "Brittpopp", bei dessen Arbeitstitel keineswegs die englische Musikrichtung gemeint ist, oder in "Handtaschen", in dem sie den Taschenwahn der Damenwelt hochnimmt, folgen und sind ebenso amüsant und interessant, wie die eben als Beispiele angeführten Songs. Musikalisch verpackt die Künstlerin ihre Geschichten in erstklassige Deutschrock- und Popsongs. Munter bedient sie sich vieler musikalischer Elemente, so dass 13 eigenständige Kapitel auf ihrem neuen Album entstanden sind. Mal in Up-Tempo-, mal in langsamen und melancholischen Nummern verpackt, kann man viele besondere Momente entdecken. Ein ganz großes Plus der neuen Scheibe (wie auch ihrer Vorgänger) ist die Künstlerin aber ein großes Stück selbst. Es ist die Art und Weise, wie Ina Müller die Songs singt. Sie hat eine Stimme mit großer Wiedererkennbarkeit. Sie ist sicherlich keine Whitney Houston (Gott sei Dank), aber wer bitteschön braucht noch eine weitere jammernde Schräpe, wie sie uns das Ami-Land bisher schon in rauen Mengen über den großen Teich geschickt hat? Ina Müller singt deutsch, sie hat Botschaften zu vermitteln, sie macht Spaß und sie fängt nicht irgendwann an zu nerven - das kann man nach drei bereits eingesungenen Alben wohl schon zu 100% sagen. Die Müller schafft es auf ganzer Linie, verschiedene Stimmungen zu erzeugen. Es ist aber auch ihre Glaubwürdigkeit: Man nimmt ihr ab, was sie singt, und sie wird durch viele dieser Geschichten einfach sympathisch, liebenswert und man entdeckt in ihr den Kumpel von nebenan. Vielleicht ist Ina Müller derzeit die beste deutsche Sängerin, das möchte ich an dieser Stelle nicht beurteilen. Ich kann aber für mich feststellen, dass sie weit oben in der Rangliste der singenden Weiblichkeit steht und einige "große" Namen locker hinter sich lässt. "Das wär dein Lied gewesen" ist ein weiteres Ina Müller-Album, das sich für die Künstlerin zum nächsten großen Erfolg entwickeln könnte. Hier gibt's ohne Ende Ohrwürmer, Songs, die im Kopf bleiben und Lieder, die einerseits berühren und andererseits zum Lachen bringen. Schenkt man den selbst-aufgestellten Regeln des Marktes Glauben, dürfte es Ina Müller als erfolgreiche Sängerin gar nicht geben. Sie ist halt keine 20 mehr und sie muss auf der Bühne nicht groß mit dem Hintern wackeln, um auf sich aufmerksam zu machen. Ina Müller ist Leistung pur, gesanglich wie vom Auftreten her. Eine große Ausstrahlung, tolle Gesangsleistungen - genau das ist das Geheimnis ihres Erfolgs. Mag die BRAVO in ihr vielleicht keine "Story" sehen, gutes Zeug setzt sich auch ohne BRAVO durch. Ina Müller hat es wieder geschafft, ein Album für Männer und Frauen gleichzeitig zu machen. Man entdeckt viele Dinge, die man auch auf sich selbst übertragen kann, und das geschlechterübergreifend. Teilweise sogar "altersübergreifend", denn manche Probleme einer Mitt-Vierzigerin haben auch Mitt-Zwanziger oder Mitt-Sechziger. Und weil das so ist, kann man die "Regeln des Marktes" auch schon mal ganz locker aus den Angeln heben... (Christian Reder) |