Bobo In White Wooden Houses
„Bobo In White Wooden Houses ist eine deutsche Rockband um die Sängerin Christiane („Bobolina“) Hebold“, heißt es nüchtern in einem bekannten Web-Lexikon. Man könnte es so kurz und bündig in einem Satz stehen lassen, würde dabei aber die vielen kleinen Randgeschichten verschweigen, die aus „Bobo In White Wooden Houses“ eine großartige und bemerkenswerte Musikgruppe haben werden lassen. Dies Band wird maßgeblich durch eine Frau geprägt, die mit ihrer Stimme inzwischen schon viele Musikfreunde im In- und Ausland begeistert hat. Christiane Hebold, genannt „Bobolina“, ist seit nunmehr 20 Jahren Kopf und Seele dieser Gruppe, die in erwähnten zwei Dekaden bereits alle Höhen und Tiefen erlebt hat, die man als Musikgruppe durchleben kann. Da wäre der große Erfolg in den frühen 90ern ebenso zu erwähnen wie der absolute Tiefpunkt nach dem Tod von Gründungsmitglied und Gitarrist Frank Heise im Jahre 1994. Nach der Erfolgsphase, an deren plötzlichem und selbstgewähltem (aber nur vorübergehendem) Ende der Pfeil auf der Erfolgsskala immer noch steil nach oben zeigte, schloss sich eine lange Auszeit an. Auch in dieser Zeit war die Sängerin Bobolina nicht untätig, wie Ihr gleich im Interview selbst nachlesen könnt. Seit 2004 gibt es Bobo In White Wooden Houses aber wieder und die Fans können sich an neuen Platten und Konzerten erfreuen. Der neueste Streich erschien Anfang des Monats und heißt „Transparent“ (Rezension: HIER klicken). Viele Gründe, endlich auch Christiane „Bobolina“ Hebold zu uns einzuladen und mit ihr über die neue CD und die Stationen ihrer Karriere zu sprechen.
Es ging ziemlich schnell und leicht von der Hand, im letzten Sommer haben wir die erste von vier Sessions gemacht und Anfang des Jahres war das Album fertig. Die meisten Songs hatte ich in den letzten beiden Jahren geschrieben, aber die Arrangements sind unser gemeinsames Werk. Wir haben alles live aufgenommen, in einem Kinosaal auf Rügen. Und aus den Recordings hat Jan (Stolterfoht, unser Gitarrist und Produzent) dann am Mischpult den Sound von „Transparent“ gezaubert. Wie würdest Du die neue CD jemandem beschreiben, der sie noch nicht kennt? Was erwartet den Hörer, wenn er sich die CD zulegt? Das überlasse ich jetzt mal anderen... bin selbst gespannt auf die Beschreibungen... Bobo In White Wooden Houses 2010 klingt irgendwie ganz anders als auf der letzten mir bekannten Studio-CD „Cosmic Ceiling“ 1995, was eigentlich ja auch logisch ist, weil dazwischen fast 15 Jahre liegen. Ist der neue musikalische Stil und der Sound ein Prozess der Weiterentwicklung oder ist es ein Abschneiden alter Zöpfe gewesen? Dass sich die Musik im Laufe der Jahre verändert, ist zum Glück eine ganz natürliche Sache.. Wir haben uns zwar verändert, aber die Quelle ist noch die gleiche. Zu anderer Zeit entsteht dann wieder etwas Neues daraus. Wir wissen es vorher selbst nicht so genau. Das ist etwas, das Worte nicht ausdrücken können, sondern nur der Klang selbst...
Für mich ist es das positivste und kraftvollste Album in all den Jahren. Sicher ist die Muse Melancholie bei einigen Songs anwesend, aber die Ausrichtung geht ins Helle. Ich könnte mir vorstellen, dass die CD erfolgreich laufen wird. Welche Ziele habt Ihr Euch damit gesteckt und wen möchtet Ihr erreichen? Jeder Musiker ist sicher glücklich, wenn seine Musik viele Leute berührt. Wenn sie die Lieder hören, während sie unterwegs sind, arbeiten, träumen, lieben. Wenn sich im besten Sinne Stimmung ausbreitet. Ja und erfolgreich laufen, das ist in Deutschland für Alternative Pop nicht so ganz einfach, aber wir lassen uns überraschen. Schön wäre eine Zusammenarbeit mit Filmleuten, da haben wir großes Interesse. Wird es zum Album eine Tour geben bzw. werdet Ihr die neuen Songs überhaupt live präsentieren? Die nächsten Konzerte finden Anfang Mai statt und es werden hoffentlich viele das ganze Jahr über folgen... Live spielen wir das ganze neue Album, aber wir haben auch wieder alte Hits im Set, denn mit Lexa Schäfer am Bass und Andrew McGuiness an den Drums sind ja wieder die Männer der Urbesetzung dabei!
Ich wusste schon ganz früh, dass Singen mein Lebenselixier ist, und da wir zuhause viel musiziert haben, war es ganz selbstverständlich für mich. Mit 17 habe ich dann angefangen, Gesang zu studieren und bald darauf in Bands gesungen. Welche musikalischen Vorbilder gab es zu dieser Zeit für Dich und welche später? Als Kind bin ich mit Bach und Händel aufgewachsen und als Teenager habe ich viel Joni Mitchell, Fleetwood Mac und Pink Floyd gehört. Und alle, die toll gesungen haben, Folk, Jazz und Soulsänger... Wann entstanden die ersten eigenen Songs von Dir? Oh ziemlich spät, da war ich schon über 20...
Wir haben immer gescherzt: Wenn schon Provinz, dann Berlin... Wie kam es dann zu „Bobo in White Wooden Houses“? Wie ist die Band entstanden? Es hat ein bisschen gedauert, bis wir die richtige Besetzung gefunden hatten. Aber mein damaliger Freund und späterer Manager hatte ein gutes Gespür. Er hat Heise, unseren Gitarristen, mit ins Haus gebracht... und auch Lexa, den Bassisten, den wir aus der Weimarer Zeit kannten. Später kam unser Drummer Andrew McGuinness aus London angereist und ist gleich geblieben. Erst neulich hat er uns bei der Probe erzählt, dass ihm jemand in London ein Tape von uns vorgespielt hat, auf dem ein Song von uns ihn an seine Lieblingsband erinnert hat. Das war „What I Mean“. Und wegen dieses Liedes ist er zu uns nach Berlin gekommen. Daran schließt sich auch die nächste Frage an: Wie habt Ihr Euren Plattenvertrag bekommen? Seid Ihr noch ganz klassisch entdeckt worden oder habt Ihr Demos verschickt? Das hat unser Manager organisiert. Er ist zur Bank gegangen und hat die Jungs dort überzeugt, für eine völlig unbekannte Band Geld rauszutun, von dem wir dann eine Record Produce Party und einige Studiotage bezahlt haben... und ziemlich bald danach kam Polydor Progressive unter der Schirmherrschaft von Tim Renner als ehrwürdige Majorfirma und hat das Album veröffentlicht.. Und dann ging alles sehr schnell.
Sicher ist das eine Ehre, mit Björk verglichen zu werden... Bobo in White Wooden Houses war sehr erfolgreich. Eure Platten verkauften sich gut, die zweite und dritte Scheibe waren jeweils in den Albumcharts, und der Name der Band war den Leuten ein Begriff. Wie hast Du die Zeit zwischen 1990 und 1995 und den Aufstieg der Band erlebt? Ich habe damals sehr in meinem eigenen Kosmos gelebt. Am aufregendsten waren immer die Livekonzerte, das pure Musikerleben, das war der große Kick. Das Unterwegssein habe ich immer sehr geliebt. Für das Musikbusiness habe ich mich damals nicht sonderlich interressiert, so manches ist an mir vorbeigerauscht. Mitte der 90er, nach der CD „Cosmic Ceiling“, löste sich die Band auf. Was waren die Gründe dafür? Unser Gitarrist Heise war nicht mehr am Leben und ohne ihn wollten und konnten wir nicht weitermachen. Das war ein großer Einschnitt. "Cosmic Ceiling" ist ja dann auch von anderen Musikern gespielt und von Moses Schneider produziert worden. Wir wollten Neues ausprobieren, weitergehen...
Oh je, da muß ich ganz schön ausholen, denn das ist ja eine lange Zeit. Erst einmal war ich glückliche Mutter meiner kleinen Babytochter, die natürlich all meine Liebe und Fürsorge auf sich zog, da blieb erstmal nicht viel Zeit für anderes. Songwriting braucht ja absolute Hingabe und viel Energie, das ging erstmal nicht. 1996 kam dann „Glow“ heraus, ein Album mit Orchesterversionen einiger meiner eignen Songs und vieler Coverversionen. Mit dem London Session Orchestra aufzunehmen war eine große Sache für mich... Bald darauf hatte ich wieder Lust auf eine Band und wir haben Alaska gegründet. Die Arbeit hat fast drei Jahre gedauert, wir haben viele Songs geschrieben, aber es war irgendwie schwierig. Das aufwendig produzierte Album kam dann letztendlich nie heraus. Die Band ist daran zerbrochen. Ich musste danach erstmal ein paar Steine aus dem Acker holen, das hat viel Zeit gebraucht. Dann kamen verschiedene Projekte: Mit dem DJ und Produzentenduo Blank & Jones und mit Musikern namens Saal 3, die in Kirchen Ambientmusik improvisiert haben. Sehr inspirierend war auch die Zusammenarbeit mit der Pianistin Ulrike Haage, früher bei den Rainbirds, deren Lieder ich für Hörspielproduktionen gesungen habe. 2004 fing ich ein völlig neues, ungewöhnliches Projekt an: “Lieder von Liebe und Tod“ mit Sebastian Herzfeld aus Halle und der Saxophonistin Anne Kaftan aus Köln. Das Album erschien 2007 und ist eine Reminiszenz an unsere Herkunft und mein erstes deutsches Album. Dafür haben wir Gedichte und Lieder der Deutschen Romantik und alte Volkslieder eher unkonventionell musikalisch in die Moderne gebracht. Live waren wir damit in der Weltmusikszene unterwegs. Zur gleichen Zeit kam auch „Mental Radio“ heraus, ein neues Bobo in White Wooden Houses-Album, das wir aber, da ich damals kein Label hatte, nur auf Konzerten verkauft haben. Jetzt habe ich ziemlich ausufernd geantwortet, aber es ist doch so einiges passiert in den Jahren... Darauf wirst Du sicher besonders oft und ständig angesprochen: Dein Part in Rammsteins Hit „Engel“. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Dir und Rammstein? Wir sind befreundet und sie fragten mich damals, ob ich ins Studio komme, um etwas zu singen. Daraus wurde dann der Refrain von Engel. Was bedeutet Dir dieser Song heute? Ich mag den Song immer noch sehr!
Ich wollte damals kein Revival. Ich habe es akzeptiert, dass die alten Zeiten vorbei waren. Es hat mir auch Spaß gemacht, mit anderen Leuten zu spielen, das waren alles tolle Musiker. Und Abstand von sich selbst und der Vergangenheit zu nehmen, tat auch gut. Ich hatte damals noch totale Angst davor, dass mich alle immer nur mit „Bobo früher“ vergleichen. Dass es jetzt wieder soweit ist, mit den Jungs der Urbesetzung der WWH zu spielen, hat eine tiefere Bedeutung. Dass es so gekommen ist, habe ich eigentlich Lexa zu verdanken. Er wollte so gern wieder mit mir spielen und hat den Gitarristen Jan Stolterfoht mitgebracht. Da hat sich spielend eine wundervolle Zusammenarbeit ergeben. Und schließlich, zum Ende der Aufnahmen, kam auch Andrew McGuinness wieder in die Runde. Lexa spielt nun mal am liebsten mit ihm. Und so hat sich der Kreis auf schöne Weise geschlossen... Und nun kommt „Transparent“ in die Läden. Ist diese CD Euer Jubiläumsalbum, 20 Jahre nach Bandgründung, oder wird dieses Jubiläum nicht gefeiert? Wie lustig, daran hatte ich selbst gar nicht gedacht. Bei uns stehen die Uhren eher auf Neubeginn... Wir haben über Dich zuletzt im Juli des letzten Jahres berichtet, als Du in Berlin auf dem „Badeschiff“ aufgetreten bist. Damals gab es auch einige Songs, die Du gemeinsam mit Deiner Tochter vorgetragen hast. Macht Ihr auch weiterhin gemeinsam Musik? Für Transparent haben wir zusammen „Higher Ground“, eine Coverversion des Stevie Wonder Songs, aufgenommen. Zuhause singen wir zusammen und manchmal auch auf der Bühne. Beim Record Release Concert war sie dabei. Sie ist schon jetzt eine passionierte Musikerin!
Das war Afenginn, eine dänische Band, die ich großartig finde. Wir haben im letzten Jahr zusammen auf einem Festival gespielt... Du bist eine Künstlerin, die sich ihren Erfolg stets hart erarbeitet hat. Welche Tipps würdest Du jungen Musikern an die Hand geben, wie sie sich heute verhalten sollten und welchen Weg sie gehen sollten? Jeder hat seinen eigenen Weg. Und wer die Berufung zum Musiker hat, wird ihn sicher finden. Man muß Täler durchschreiten und trotzdem risiko- und abenteuerlustig bleiben, das wird Musikern oft abverlangt. Und ich würde aus eigner Erfahrung empfehlen, sich auch mit wachen Augen für das Business zu interessieren. Also, falls es dazu kommt: Immer schön die Verträge lesen und wissen, was drin steht! Gibt es noch etwas, das Du Dir beruflich erfüllen möchtest, vielleicht eine Zusammenarbeit mit einem anderen Künstler oder Produzenten? Im Moment bin ich happy... aber ich liebe Collaborationen mit anderen Musikern, möchte gerne mehr Duette mit tollen Sängern singen. Damit sind wir am Ende des Interviews. Möchtest Du unseren Lesern abschließend noch etwas mit auf den Weg geben? Behütet Eure Lebensträume! Und traut Euch, wenn es wichtig ist, gegen den Strom zu schwimmen. Interview: Christian Reder Bearbeitung: kf, cr Fotos: Archiv Bobo |