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Wacholder am 08.02.2008 in der Moritzbastei Leipzig Bericht: Fred Heiduk Fotos: Frieder Kenzlin
Lange war dieses Konzert angekündigt – fast sieben Jahre. 2001 fand das letzte "offizielle" Konzert einer der bekanntesten Folkbands Deutschlands genau an dieser traditionsreichen Stelle, dem Leipziger Studentenklub "Moritzbastei", statt. Damals versprach Scarlett O, charismatische Frontfrau der Gruppe Wacholder, zu einem besonderen Jubiläum möglicherweise noch einmal gemeinsam mit "Kies" und "Ko" auf die Bühne zu gehen. Der 30. Geburtstag der Gruppe Wacholder, die 1978 in Cottbus gegründet worden war, war nun dieser Anlass. Und Wacholder hielt Wort. Zur Freude der Fans gingen die drei auf Tour und absolvierten in allen Teilen Deutschlands insgesamt 33 Konzerte in 2 Monaten. Zur Halbzeit gastierten die Musiker nun wieder in der Veranstaltungstonne der "Moritzbastei". Ich darf es vorweg sagen – ein Konzert der Extraklasse, wie man es nicht alle Tage erlebt und leider nur noch wenige Male bis zum 01.03.2008 andernorts erleben kann und wird. Aber der Reihe nach. Eine ganze Weile vor Konzertbeginn begegnete mir Wacholder an diesem Tag mitten in Leipzig das erste mal. Nicht die Musiker, sondern zwei offensichtlich Leipzig-Unkundige, die sich nach dem Weg zur Moritzbastei erkundigten. Schon da konnte man erwarten, dass das ein besonderer Abend wird, denn wir kamen völlig unkompliziert ins Gespräch zu Wacholder und "alten Zeiten". Allerdings stellte ich auch fest, dass es ein Klassentreffen der Folk- und Volkstanzszene mit leicht gealterten Teilnehmern werden könnte, waren doch meine Gegenüber wie ich selbst nicht mehr 20, sondern mittlerweile leicht angegraut. So ging ich also mit gehöriger Vorfreude und hohen Erwartungen wie vor einigen Jahren mit Freunden zu einem Folkkonzert in den Studentenklub der Uni Leipzig. Damals war es allerdings etwas schwerer hineinzukommen, speziell als BAHU. Und auch im Inneren hat sich die Moritzbastei etwas verändert. Gegen 20:00 Uhr öffnete sich die Veranstaltungstonne für das Publikum. Und das strömte geradezu hinein, nachdem jeder wie früher den Eintrittsstempel auf den Handrücken erhalten hatte. Die Tonne war schließlich brechend voll. Das heißt, sicher 250 Menschen, eher mehr, waren zu diesem letzten Leipzigkonzert der Gruppe Wacholder gekommen. Das sind zwar weit weniger als die Menschenmassen zu Open-Air-Zeiten in Berlin, aber es tat der Stimmung keinen Abbruch. Die war unglaublich locker und irgendwie familiär. Zu meiner großen Freude hatte Frieder (unser Fotograf) es geschafft, sich an exponierter Stelle zu postieren, um für uns und auch die Gruppe eine ansprechende Fotoserie zu schießen. So gerüstet konnte ja fast nichts mehr schief gehen. Bevor das Konzert begann hatte ich die Gelegenheit, mich mit dem Tontechniker Wacholders über die bisherige Tour zu unterhalten. Er erzählte mir, dass die bisherigen Konzerte alle sehr gut besucht und teilweise ausverkauft waren. Die Stimmung war überall, auch bei den Konzerten in Niedersachsen und dem Saarland, toll. Überall wurde mitgesungen und gefeiert. Dass das auch an diesem Freitag in Leipzig der Fall sein würde, stand außer Frage. Und genauso kam es dann auch. Wacholder ließ sich nicht lange bitten. Unter Applaus betraten Scarlett, Kies und Ko die Bühne und bewaffneten sich mit Mandoline, Ziehharmonika und Alulöffeln, um sofort loszulegen. Nach dem ersten Ton stellte sich eine Frage: Wenn das Konzert so losgeht, was erwartet uns dann noch…? Das Programm wurde mit "Es waren 3 Gesellen" eröffnet, jenem Lied, das auch die erste Wacholder LP von 1983 und die AMIGA CD von 2007 eröffnet, einem der bekanntesten deutschsprachigen Folkhits überhaupt. Die Musiker ließen keinen Zweifel daran, dass sie mit Freude bei der Sache sind und ihr Metier beherrschen. Die Instrumente erzeugten sofort das bekannte Folkflair. Ich fühlte mich unvermittelt in die Folkszene vergangener Jahre versetzt, hatte ich doch lange diese Töne nicht mehr live gehört. Dazu kamen die Stimmen der 3 Urwacholder, die mir live reifer und voller erschienen, als ich sie von Platte und CD kenne. In wie weit das an der Technik lag, vermag ich nicht zu sagen. Die stimmte jedoch. So waren jedes Wort, jeder Ton bestens zu verstehen und die Ausleuchtung der Bühne war überaus angenehm. Die stimmige Atmosphäre übertrug sich auf die Zuhörer. Diese erwiesen sich als durchaus textsicher und begannen sofort mitzusingen. Erstaunlicher- und erfreulicherweise übertönte dieser Chorus Wacholder nicht, sondern rundete eher die Folkstimmung im Konzertsaal ab. Sollte es überhaupt jemanden im Raum gegeben haben, der irgend einen Vorbehalt gegen ein Folkkonzert gehabt hätte oder skeptisch gewesen wäre, ob ein solches Konzert mitreißen kann - nach der ersten Moderation hatte Wacholder sicher auch den letzten im Saal erreicht und überzeugt, dass Folk nichts mit der volkstümlichen Musik in heutigen Medien zu tun hat und hier Meister ihres Faches auf der Bühne standen. Kies kündigte nach den Gesellen ein Programm mit Liedern über Alkoholismus, sexuelle Ausschweifungen und das Sterben an, in denen es auch viele, viele Tote geben werde. Er erntete prustendes Lachen des Publikums und zweideutige Kommentare von Scarlett und Ko. Auf diese Konzerteinführung der anderen Art folgte aber doch ein "Volkslied" in bestem "dicke Backen Stil". Wie Kies bemerkte, habe man sich damit jahrelang vergeblich bemüht, in die volkstümlichen Hitparaden zu kommen, was dazu beitrug, weiterhin "andere" Folksmusik zu machen. Die Ballade vom Bremberger und das Klagelied einer Mutter in Platt sorgten dafür, dass nicht vergessen wurde, dass die Folkmusik gerade in der DDR nicht nur unterhaltenden Charakter, sondern auch Anspruch hatte. Und dass viele der Texte, die heute so lustig und beschwingt gesungen werden, tiefgründig und inhaltsreich sind. Damals wie heute sind sie teilweise höchst aktuell. Alle, ob lustig, traurig, nachdenklich oder frivol, verbindet, dass sie Ausdruck der Befindlichkeit des Volkes waren und sind. Sie erzählen von Freud und Leid der Menschen in ihrer Zeit. Beim fünften Titel griff Scarlett zu einem legendären Instrument - ihrem Brummtopf. Neben der Anleitung zum Bau eines Brummtopfes von Scarlett, gab es einige hämische Kommentare der Herren bezüglich der Bedienung dieses Instruments, das nur Frauen spielen können (es zumindest besonders gern tun), und der notwendigen (oder unterstellten) Qualitäten der Spielerinen. Das Publikum wieherte vor Lachen. Die drei bewiesen Entertainerqualitäten und eine gehörige Portion Selbstironie. Die Vorbereitung galt dem Titel "Der Bettelvogt", den das Publikum wieder vielfach mitsang. Den kulturpolitisch wichtigen Beitrag zur Leitkultur (oder doch Light-Kultur), wie Scarlett O zu wissen gab, wollte Wacholder mit ihrer bekannten Variante des Osterspaziergangs von Goethe setzen und erntete verdient Beifall. Ob die Parallelen zu "Hubschraubereinsatz" von Foyer des Arts zufällig oder gewollt sind, könnte man gelegentlich mit den Wacholders klären. Vielleicht hab ich mir die auch nur eingebildet… Jedenfalls ist der Titel recht speziell. Noch vor der Pause gab es sechs weitere Lieder (u.a. McPherson) und ein Kriegsliedermedley aus sieben Titeln (u.a. mit Kriegsballade, Badisches Wiegenlied, Die Stadt die ich so geliebt und Es ist an der Zeit). Dazu die Geschichten, wie die Schotten mit schlechten Musikanten umgegangen sind und wie sich Nonnen vermehren. Die erste gute Stunde vergeht wie im Flug. Dann ist Pause. Nach der Pause, in der die drei Cd’s, Plakate, etc. signierten, wurde das Programm zunächst mit je einem Titel aus den aktuellen Soloprojekten fortgesetzt. Höchst beachtliche Dinge, die da zu Gehör gebracht wurden und die die drei Musiker in ihrer Individualität und ihrem jeweiligen Stil zeigen. Darüber gilt es an anderer Stelle zu berichten. Nach diesem Programmpunkt, der keinesfalls störend wirkte, sind die drei wieder gemeinsam als Wacholder auf der Bühne und überraschen die Zuhörer mit einem der beliebten Sonderinstrumente, die Wacholder ja immer wieder einsetzte. Scarlett bedient das "Ei". Die Vorstellung dieser Rassel der Marke Eigenbau wird zur Freude des Publikums wieder von "passenden" Kommentaren der Herren an Scarletts Seite begleitet. Scarlett bleibt jedoch nichts schuldig. Auf der Bühne herrscht eine völlig entspannte Atmospähre. Die drei Freunde sind gut gelaunt und musizieren, singen und moderieren entsprechend souverän. Sie verstanden es, ihre gute Laune auf das Publikum zu übertragen. Dort wurden einzelne Titel mittlerweile mit Begeisterungsrufen oder Szenenapplaus begleitet. Vom zunehmenden Beifall und mitgesungenen Passagen ganz abgesehen. Ähnlich dem Kriegsliedmedley gab es nach der Pause ein Medley "mehr oder weniger merkwürdiger" Liebeslieder. Die reichten vom Minnesang über das klassische Volkslied bis zum derben Gesellenlied - immer im Wacholdergewand. Dabei wurde ebenso mitgesungen wie bei den folgenden Liedern. Beim "Zahltag", einem der späten Lieder der Gruppe, band Wacholder schließlich das Publikum direkt ein und ward nicht enttäuscht. Falsch und laut wurde der Chorus von den Anwesenden intoniert. Ganz wie es die Gruppe gefordert hatte und wie es in Hochzeiten der Folkmusik usus war. Niemand geniert sich, vielmehr hatte der Zuschauerchor etwas natürlich, fröhlich freundliches. Das Konzert ging mit einem Klassiker nach gut zwei Stunden Programm allmählich zu Ende. "Es, es und es" als letztes Lied war durchaus passend, wie ich finde. Ist es doch ein wirklich harter Schluss, dass mit Wacholder einer der renommiertesten Vertreter des Folk in Deutschland nicht nur Leipzig nach dieser Tour für immer verlassen wird. Dass es wohl kein weiteres Comeback geben wird, sagte Scarlett zur Pause auf entsprechende Fragen recht bestimmt. Wacholder wurde mit tosendem Beifall gefeiert und kam natürlich nicht ohne Zugaben von der Bühne. Letztlich waren es vier Lieder, die noch erklatscht wurden. Der Saal tobte bei "Herr Wirt, so lösche uns`re Brände" ebenso wie beim folgenden "Lustig, lustig". Das á capella Lied "Der Abt" zeigte noch einmal, das die drei durchaus richtig singen können und schließlich erklang mit "Weil die Nacht kommt" nach weit mehr als zwei Stunden der letzte Ton eines sagenhaft schönen Konzertes. Einige der Titel gefielen mir von der "kleinen" Besetzung dargeboten besser, als ich sie von den Platten und CD’s kenne. Ich kann jedem in diesem Zusammenhang nur empfehlen, soweit möglich noch eines der letzten Konzerte selbst zu besuchen, und/oder die Übertragung des allerletzen Konzertes am 01. März um 20.00 Uhr aus dem Babylon in Berlin bei rockradio zu verfolgen. Dann wird man auch Aufklärung erhalten, was Kies mit der Platte "Friday night in San Francisco" von De Lucia/di Meola/McLaughlin zu tun hat, wie sich die Nonnen vermehren, was Wacholder mit dem ersten multikulturellen Projekt der DDR zu tun hatte, wie Schotten mit schlechten Musikern umgehen und vieles mehr. Dazu gibt es Musik, wie man sie heute leider nur selten hört und Texte, die, obgleich teilweise sehr alt, hochaktuell, mal bissig frech, mal nachdenklich traurig sind. Mir war es ein besonderes Vergnügen, bei diesem Konzert zugegen gewesen zu sein. Ich habe es jedoch mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgt. Ob der Klasse und der Stimmung sowie der Tatsache, dass die Tour überhaupt stattfand, empfand ich viel Freude. Der Gedanke, dass es das unwiderruflich letzte mal Wacholder live gewesen sein wird, hinterlässt dagegen ein wenig Traurigkeit. Foto Impressionen: ![]()
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