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Bericht: Torsten Meyer Fotos: Pressefotos (Textillustration) Natascha Naffin (Live-Bilder) Torsten Meyer (Live-Bilder)
ORTSBEGEHUNG Also lenke ich mein Vierrad am Freitagabend (einem 13.!) nach Berlin-Friedrichshagen. Dieser Ortsteil von Tretow-Köpenick im Südosten der Hauptstadt ist eigentlich ein sehr idyllisches Fleckchen im Großstadtdschungel, bekannt vor allem durch die Bölschestraße und den Müggelsee. Derzeit allerdings macht Friedrichshagen eher Schlagzeilen durch die seit Monaten stattfindenden Montagsdemos gegen den Fluglärm, der mit Inbetriebnahme des neuen Großflughafens Berlin/Brandenburg über die Region hereinbrechen wird. Das soll heute aber nicht mein Thema sein. Fährt oder läuft man die Bölschestraße südwärts, lässt an deren Ende den Müggelseedamm links und rechts liegen, landet man in der Nawrockistraße. In unmittelbarer Nähe findet man übrigens den Spreetunnel - jenes imposante Stück Beton, welches schon 1926 in Betrieb genommen wurde, um die an dieser Stelle 120 Meter breite Spree fußläufig unterqueren zu können. ![]() KULTUR MAL GANZ ANDERS Mein Weg endet jedoch bereits einige Meter vorher. Mich stoppt an einem Eckhaus ein weiß angemaltes Portal. Über der Tür sehe ich ein Schiff, welches hier vor Anker zu liegen scheint, darunter die malerische Aufschrift "Landfall". Ziel erreicht. Auf der etwas schäbig wirkenden, und gar nicht so recht zum strahlenden Weiß der Umrandung passenden hölzernen Eingangstür ist originellerweise die handgeschriebene Speisekarte für diesen Tag abzulesen. Es ist bitterkalt, also gehe ich rein und bin angenehm überrascht. Mich empfängt ein eher kleines, schmales, aber ungemein gemütlich und kuschelig wirkendes... tja, was denn eigentlich? Cafe, Bar, Restaurant, Lokal, oder doch eher ein Club? Ich denke, von allem etwas. Wie ich später erfahre, bietet das "Landfall" 45 Besuchern Sitzplätze an, also eine überschaubare Größe. Ich werde sofort herzlich begrüßt und an meinen glücklicherweise vorbestellten Tisch geführt. Direkt vor mir befindet sich eine kleine Nische, die als Bühne dient und bereits in sündige Phantasien erzeugendes rötlich-bläuliches Kuschellicht getaucht ist. In diesem Ambiente fühle ich mich gleich pudelwohl. Später erklärt mir dann Bernd, der sehr rührig um seine Gäste bemühte Chef des "Landfall", seine bemerkenswerte Philosophie, die diese Location so erwähnenswert macht. So gibt es in der Regel an 2 bis 3 Abenden pro Woche Livemusik bei freiem Eintritt. Das musikalische Spektrum reicht dabei von Jazz über Rock und Blues bis hin zu Liedermachern - jedoch erhalten die Künstler für ihren Auftritt keine Gage. Kein Eintritt - keine Gage, ein interessantes Modell, doch es würde zu weit führen, dieses jetzt näher zu beleuchten. Es gibt auch keine Speisekarte im herkömmlichen Sinn, dennoch aber ein kleines, äußerst schmackhaftes Speisenangebot, welches - wie schon beschrieben - dem Gast bereits auf der Eingangstür präsentiert wird. Ich verputze eine leckere, hausgemachte Currywurst - sehr zu empfehlen, während meine Frau wohl noch tagelang von ihren gefüllten Tortellini mit rotem Pesto schwärmen wird. Und wie ich so am futtern bin, entdecke ich am Nachbartisch das Gesicht, welches ich nun mittlerweile durch meine Vorab-Recherchen sehr gut kenne:
Sie scheint mich anhand meiner bereits neben mir liegenden Kamera zu erkennen, lässt ihr Essen Essen sein und kommt rüber, um mich zu begrüßen. Ich bin überrascht, wie zierlich und wunderbar schlank diese hübsche junge Frau ist. Schon frage ich mich, wie diese kleine Person denn um Himmels Willen dieses übermächtig wirkende Instrument namens Harfe bedienen will, welches da im Halbdunkel der Bühne auf den Startschuss wartet. Bevor ich jedoch eine Antwort auf diese vermutlich saudumme Frage bekomme, gibt JEANINE meiner Frau und mir am Corpus Delicti einen Crashkurs in Sachen Harfenkunde. Wir erfahren, warum auf der Harfe verschiedenfarbige Saiten gespannt sind, was es mit den Fußpedalen auf sich hat und einiges mehr. Mein Respekt vor dem Teil steigt noch mehr. Dann plaudern wir noch ein wenig über das Projekt JEANINE VAHLDIEK BAND, und ich bin schon jetzt gefangen von der erfrischenden Natürlichkeit dieser sympathischen, sehr gelöst und locker wirkenden Frau. Nachdem sich dann noch ihr Mitspieler STEFFEN zu uns gesellt und mir geduldig den Rest meiner unendlich vielen Fragen beantwortet, freue ich mich auf das, was gleich kommt, nämlich... DAS KONZERT - "POP, KEINE KLASSIK!!!" Es geht auf 21:00 Uhr zu, endlich haben alle Interessenten dank des unermüdlich neue Stühle heranschleppenden Personals einen Platz gefunden. Das Licht auf der winzigen, ebenerdigen Bühne (ich mag das Wort fast nicht verwenden) wird etwas heller, und sanfte Töne, die von JEANINE VAHLDIEK auf ihrer Harfe erzeugt werden, schweben durch den Raum. Man kann jetzt eine Stecknadel fallen hören, so aufmerksam verfolgt das Publikum das Geschehen. Das Intro - ich nenne es mal so - geht nun langsam in eine Melodie über, und ich erkenne den Song "Decision" (ja, ich habe mich gut vorbereitet). Ein ruhiges Lied, wunderbar als Einstieg geeignet. Schon lässt sich erahnen, dass das Motto von JEANINE VAHLDIEK keine leere Phrase ist: POP, KEINE KLASSIK!!! wird hier und heute geboten. Popmusik auf der Harfe, das ist natürlich etwas Besonderes und schwer vorstellbar, wenn man es denn nicht selbst erlebt. Aber es funktioniert. Und wie! Eine verträumte, fast schon zärtliche, und doch irgendwie geheimnisvolle Stimmung durchflutet den kleinen Raum. JEANINE verzaubert das Publikum mit ihrer Spielweise, ihre Finger fliegen mal ganz rasant, dann wieder gemächlich über die 46 Saiten ihrer immer noch riesig wirkenden Konzertharfe. Dabei wird sie wunderbar unterstützt vom zweiten Akteur auf der kleinen Spielfläche, STEFFEN HASS. Offiziell bedient er heute Abend die Percussions, aber das ist wohl eher ein wenig untertrieben. Vor ihm liegen diverse, seltsam anmutende Rasseln und Schüttelinstrumente, die beispielsweise Caxixi und Shaker heißen, und auch ein langes Rohr, welches ich unter dem Begriff "Wunderholz" kenne, kommt zum Einsatz. Des weiteren gehören Chimes und Glockenspiel ebenso zu seiner "Bewaffnung" wie sein Hauptinstrument, der Cajón.
Nach spätestens drei Songs wirkt diese Musik fast schon wie eine Droge, man will immer mehr davon. Und wir bekommen mehr. JEANINEs Unbekümmertheit überträgt sich auf das Publikum, das jeden Titel zunächst mucksmäuschenstill aufsaugt und genießt, um dann um so lauter und begeisterter Applaus zu spenden. UNABHÄNGIGKEIT UND HARMONIE Seit 2009 gibt es die JEANINE VAHLDIEK BAND, seitdem sind eine Unmenge Songs entstanden. JEANINE komponiert und textet alles selber, und darauf sind die beiden unglaublich stolz. Ebenso auf die Tatsache, dass sie ihr 2010 erschienenes Debütalbum "Come with me" in Eigenregie produziert haben. Überhaupt wollen sie sich ihre künstlerische Unabhängigkeit so lange wie möglich erhalten. Natürlich hat man es leichter, nicht zuletzt auch finanziell, wenn eine gut betuchte Plattenfirma im Hintergrund die Fäden zieht, aber das juckt die beiden nicht im Geringsten. Sie sind Kämpfer, ziehen ihr Ding gegen alle Widerstände und Schwierigkeiten durch und sind derzeit dabei, ihren Bekanntheitsgrad immens zu erweitern - auch ohne auf millionenschwere Werbekampagnen oder gar auf die Gnade von Onkel Didi (Bohlen) angewiesen zu sein. JEANINE VAHLDIEK und ihr Partner STEFFEN, die auch im wahren Leben ein Paar sind, verströmen auf der Bühne eine unglaubliche Harmonie. Dieser Einklang zwischen den beiden ist perfekt und erzeugt eine ungeheure Magie, die über die gesamte Spieldauer anhält. JEANINE singt dazu mit ganz viel Leichtigkeit und Wärme in der Stimme, mal leise, mal etwas kräftiger. Nicht vergessen darf man auch hier wieder STEFFEN HASS, denn er untermalt JEANINEs Gesang immer wieder mit wunderbaren Backing Vocals. Das passt, das macht Sinn, klingt phantastisch. Zwischen den Songs lässt JEANINE uns teilhaben an der Entstehungsgeschichte des einen oder anderen Titels, erzählt von kleinen Begebenheiten während ihrer China- und Australien-Aufenthalte, und lässt vor allem dabei immer wieder ihre unerschütterliche positive Lebenseinstellung durchblicken. Es darf auch gerne mal geschmunzelt werden, wenn sie beispielsweise im Titel "Eisenbahn" erklärt, weshalb sie keine deutschen Texte mag, sondern lieber auf Englisch singt. Nämlich deshalb, um nicht über den "Straßenbahnfahrkartenkontrolleur oder Tante Hildegard's Eierlikör" singen zu müssen. Und in "Jellyfish" geht es um ihren Freund, der ständig angebaggert wird. Ihre Freundin erklärt ihr daraufhin, sie soll sich nichts daraus machen, diese anderen Mädchen werden dafür als "Jellyfish" (auf deutsch: Qualle) wiedergeboren.
...soll man bekanntlich aufhören. Dieser Zeitpunkt wird unweigerlich auch heute Abend wieder erreicht. Längst sind mehr als 2 Stunden vergangen, in denen ich mich fallen lasse, wie lange nicht mehr bei einem Konzert. Ich würde schon fast von einer Art Seelenmassage sprechen, die einem als Zuschauer zuteil wird, wenn man bereit ist, sich auf das Klangerlebnis eines JEANINE VAHLDIEK-Konzertes einzulassen. Es ist doch immer wieder erstaunlich, was Musik vermag. JEANINE und STEFFEN wollen mit dem, was sie machen, die Menschen berühren, sie in ihrem Innersten erreichen, mit ihren Texten zum Nachdenken über das Leben anregen. Das haben sie geschafft an diesem Freitag, den 13., im "Landfall". Ich bin wahnsinnig froh, dass ich die Möglichkeit genutzt habe, diesem großartigen Ereignis beiwohnen zu dürfen. Musik voller Harmonie und Phantasie, mal melancholisch, nachdenklich und ruhig wie das wunderbare "No clue" oder mein seit heute zum Lieblingslied der JEANINE VAHLDIEK BAND erklärten "Possibly can"; dann auch wieder lebhaft und schwungvoll wie "Just relax" oder "You made it", und sogar ein Titel, der für mich deutliches Hitpotential in sich trägt ("Little courage") - das erwartet den Besucher eines solchen Konzertes. Dabei rutscht nichts ins Kitschige oder Banale ab, weder musikalisch noch textlich. Dargeboten wird dies alles ausschließlich auf einer 46-saitigen Konzertharfe und ein paar Schüttel- und Percussionsinstrumenten durch zwei handwerklich perfekte, bodenständige, menschlich überaus sympathische und angenehme Typen - wo kann man so etwas sonst hören oder sehen? Leute, wann immer Ihr auf einem Plakat oder im Netz eine Konzertankündigung für die JEANINE VAHLDIEK BAND seht - tut Euch selbst den Gefallen und geht hin, vor allem solange sie noch in kleinen Clubs und Sälen spielen. Live klingen sie noch hundertmal besser als auf der ohnehin schon gut produzierten CD. Traut Euch, gebt Euren Hör- und Sehsinnen die Chance, etwas Neues kennenzulernen. Ich verspreche Euch, so gelöst und relaxt, so innerlich zufrieden werdet Ihr nach einem Konzert nie wieder sein. Das ist keine Lobhudelei, sondern schlicht und einfach meine persönliche Erfahrung nach diesem wunderschönen Abend. Nur frage ich mich jetzt mehr denn je, wie man Song für Song bei diesen unendlich vielen Saiten der Harfe immer die richtige trifft? Ich könnte nicht mal "Hänschen Klein" auf dem Klavier spielen, selbst wenn man mir die Tasten entsprechend nummeriert. Mein Fazit des Abends: Es muss nicht immer laut krachen, und es geht auch mal ganz ohne Gitarre. Aber nur dieses eine Mal! P.S. Und allen Berlinern lege ich einen Besuch in Bernd's und Nana's "Landfall" nahe, möglichst an einem Abend mit Live-Musik. Die Termine dafür und alles Weitere findet Ihr auf der "Landfall"-Webseite (siehe unten).
Die nächsten Termine: 07.02.2012 - Bad Sulza - Vollmondkonzert: Toskana Therme 10.02.2012 - Dresden - Club Passage 17.04.2012 - Bad Elster - Königliches Kurhaus 08.06.2012 - Stralsund - Kulturkirche St. Jakobi 11.06.2012 - Zingst - Museumshof Zingst 20.06.2012 - Ahrenshoop - Schifferkirche 30.06.2012 - Feldberger Seenlandschaft - Abendsegler 02.08.2012 - Dierhagen - Dorfkirche 09.08.2012 - Sellin/Rügen - Kirche Sellin 10.08.2012 - Trent/Rügen - Kirche Trent 22.09.2012 - Tangermünde - Salzkirche Tangermünde 14.10.2012 - Nennhausen - Schloß Nennhausen 02.11.2012 - Ückermünde - Kulturspeicher Ueckermünde 03.11.2012 - Waren - Kulturkneipe FloMaLa 16.11.2012 - Dötlingen - Heuerhaus (Klassik) Bitte beachtet auch: - off. Homepage von Jeanine Vahldiek: www.jeanine-vahldiek.com - Homepage vom "Landfall" in Berlin: www.landfall-berlin.de |