Unheilig live in Rostock am 28. Januar 2011


Bericht: Marit Suckow
Fotos: Eric Weiss / Universal







Foto: Eric Weiss / Universal

Unheimlich UNHEILIG
Jetzt, nachdem das Konzert ein paar Tage vorüber ist denke ich, dass ich einen 'objektiven' Konzertbericht über den Grafen schreiben kann, sonst hätte mein Ärgernis, dass er "LoHro" (Lokalradio Rostock, Anm. d. Red.) kein Interview geben wollte, mich nur noch mehr beeinflusst. Im Sommer letzten Jahres, war ich schon ein wenig traurig darüber, dass ich nicht zum Unheilig Konzert in Schwerin gehen konnte. Ich liebte seine Musik und habe auch einige seiner CDs. Im Oktober bekam ich erste Zweifel, der Graf gewann den Bundesvisionsongcontest. Mir ist nicht ganz klar, ob man das als alter Gothicfreak gut finden muss. Wenn das Idol auf einmal eine ganz andere, gar Schlagerartige Richtung einschlägt fragt man sich, ob dies alles freiwillig geschieht. Hinter dem Grafen scheint ein sehr gut funktionierendes Management zu stehen, welches wirklich NICHTS auslässt. Im Dezember fuhr ich mit dem Auto meiner Mutter. Um ihren Sender nicht zu verstellen, ließ ich NDR 1 laufen. Als dann Unheilig dort in der langsamen Radio/Schlagerversion mit 'Unter deiner Flagge' lief, habe ich ausgeschaltet. Das konnte ich nicht ertragen.

Am 28. Januar gingen wir dann also zum Konzert in Rostock - in den extra abgesperrten Familienbereich. Erstmalig wollte man mich tatsächlich zwingen bei einem Konzert sitzen zu bleiben. Wegen den FLUCHTWEGEN, obwohl die Gänge dort oben ca. drei Meter breit waren! Wir durften dort oben dies nicht und schon gar nicht das nicht. Und um Himmels Willen bloß nicht aufstehen!! Die Security kam alle paar Minuten vorbei. Irgendwann konnten die mich mal, und ich Hibbelkind stellte mich hin. Unten wurde der Graf gefeiert. Nicht, dass wir neidisch darüber gewesen wären, wir hätten ja runtergehen können. Aber der Über- und direkte Blick auf die Bühne von dort oben hielt uns auf den Sitzen (Die kleine Marit und die kleine Anne möchten bitte nach dem Konzert aus der Kinderabteilung abgeholt werden).


Foto: Eric Weiss / Universal

Wir hatten ein komisches Gefühl als der Graf auf die Bühne kam und uns beschlich der Gedanke, dass es gute Gründe gab warum unser Interview nicht zustande kam. Irgendwie war das nicht mehr die Show von früher. Unheilig sind Familienkompatibel und wollen das wohl auch, obwohl der Graf immer so aussieht, als käme er damit selbst nicht klar. Deshalb wollte er unsere Fragen vielleicht nicht beantworten. Die Menge kreischte und jubelte. Viele sehr sehr junge und neue Fans hat er ja gefunden. Uns fehlten die Menschen, die ihn noch als den Grafen kannten, der noch im Rostocker "Mau", oder auch anderen Klubs gespielt hat. Der Mann, der vor 2 Jahren im "LoHro Studio" war und eine tolle Sendung mit Anne hatte, der danach noch lange bei "LoHro" gesessen war, weil nichts weiter in Rostock anlag, oder er sich vielleicht auch einfach nur wohl gefühlt hat?! Alles scheint weg. Verändert Erfolg den Charakter?

Nur ganz wenige alte 'Ur-Freaks' sah man unten in der Konzerthalle stehen, ich glaube, sie dachten ähnlich wie wir. Das ganze Programm erschien wie auswendig gelernt, jedes einzelne Wort klang unglaubwürdig. Die Songs natürlich überwiegend vom aktuellen Album, bestens vorgetragen und live natürlich klasse. Alles schien so furchtbar perfekt und glatt. Zwischendurch bin ich mal rumgelaufen, habe die Menschen beobachtet. Auf der Treppe begegnete mir ein altes Ehepaar, um die 70 Jahre alt schätze ich. Denen war es wohl zu laut. Sie wirkten sehr verstört, den Grafen aus der Schlagerparade auf NDR1 hatten sie sich wahrscheinlich anders vorgestellt. Persönlich wirklich gefreut habe ich mich über "Sage JA", davon habe ich sogar noch die erste Promo-CD.


Foto: Eric Weiss / Universal

Anne und ich saßen also weiterhin oben und versuchten was Gutes an diesem Konzert zu finden. Wir einigten uns auf den verdammt guten Sound unter'm Hallendach, gegenüber der Bühne, in der Kinderabteilung. Das Bühnenbild erinnerte mich ein wenig an die Traumhochzeit. Links und Rechts riesige, romantische Kerzenständer und in der Mitte der Schiffsbug. Wie früher auf RTL, wo die Braut an der Riesentorte die Treppe runterkam. Diese Bilder veränderten sich auch im Verlaufe des Konzertes nicht. Außerhalb des Saales: Merchandising überall. Und auch für die Kleinen wurde gesorgt. Damit Mutti und Vati in Ruhe das Konzert gucken können, gab es die KIKA Ecke. Spielsachen und eine Bastelstraße, wohldurchdacht und gut gemanagt. Ich persönlich finde, Kinder die im KIKA-Alter sind, haben um diese Uhrzeit auf einem Konzert nichts zu suchen. Aber wie gesagt, es wird nichts ausgelassen, um möglichst viele Zielgruppen zu erschließen.

Als dann bei 'Unter deiner Flagge' auch noch rote Vorhängchen runtergelassen wurden, atmeten wir nur noch tief durch, sind gegangen und haben uns endlich was zu trinken geholt, denn in der Kinderabteilung durfte man ja nichts einnehmen. Wohl wegen dem Fluchtweg? Nicht Mundgerecht? Man könnte kleckern? Hätte ich für die Karte Geld ausgegeben, würde ich mir jetzt in den Hintern beißen. Vielleicht bin ich immer noch ein bisschen befangen, oder einfach nur traurig, mag sein. Dennoch habe ich gehofft ein klein wenig von dem Grafen zu finden, wie wir ihn kannten. Was wir zu sehen bekam, wirkte kalkuliert und wohl durchdacht, um möglichst viele Menschen anzusprechen. Der Graf wirkte dabei wie eine Marionette, die versucht mediengerecht zu sein, um bloß niemandem weh zu tun.
Selbst wenn er Freude daran hat, sich von seiner vergangen Musik zu entfernen, werden wir alten Fans uns wohl damit abfinden müssen. Er hat uns, die ihn 10 Jahre UNHEILIG überhaupt erst feiern lassen konnten, ein riesengroßes Stück verraten und verkauft. Ich bin enttäuscht. Schade.