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Es war fraglos ein Risiko, welches FOLKERT KOOPMANS, der Chef der Hamburger Konzertagentur "FKP SCORPIO" zum 20-jährigen Gründungsjubiläum seiner Firma eingegangen ist, als er im Frühjahr diesen Jahres der Presse sein brandneues Konzept "HAMBURGER KULTURSOMMER" vorstellte. Bislang war das Thema "Open Air"-Konzerte in der Hansestadt bei einem anderen Konzertveranstalter nahezu vollständig angesiedelt. Hoffnung und Skepsis hielten sich bei Fans und Eingeweihten also die Waage: Würde es "FKP SCORPIO" gelingen, eine Alternative zu den alt-eingesessenen Stadtpark-Konzerten erwähnten (aber nicht namentlich zu nennenden) Veranstalters aufzubauen... oder endete dies womöglich im finanziellen Fiasko? - ganz und gar nicht: Das Vorhaben gelang auf ganzer Linie!
Nachdem bereits am vergangenen Dienstag, dem 24. August 2010, die eher jugendliche Musikfreunde ansprechende Neo-Punkband "BLINK 182" ganze 15.000 (!) Zuschauer nach Hamburg-Bahrenfeld zur dortigen Trabrennbahn, Ecke "Luruper Bogen", zu locken in der Lage war, erwies sich einen Tag später (Freitag, 27.08.2010) das Areal wiederum als äußerst gut gefüllt.
Als Hauptband des Abends sollte die derzeit Hitparaden und Feuilletons gleichermaßen beherrschende Kulttruppe "UNHEILIG" fungieren, die zwar schon seit 1999 existiert, aber erst jetzt so recht Charterfolge und kontroverse Diskussionen für sich in Anspruch nehmen kann. Doch immer der Reihe nach! Den Anfang an jenem Freitagabend, der hinsichtlich seiner Wetterstruktur mehr an den April, als an einen lauschigen Spätsommertag erinnerte, machte eine dem Rezensenten bislang völlig unbekannte Band aus Sachsen-Anhalt, die 2003 gegründet wurde, und kürzlich ihr aktuelles, insgesamt drittes Album "Wildes Herz" (Premium Rec./Vertrieb: Soulfood) veröffentlichte. Der langmähnige Sänger "NEO-SCOPE" (Typ: deutscher Ville Valo), Gitarrist "CARTER", Schlagzeuger "MR. MAHONY" und Bassist "CONVEX", die derzeitige Besetzung der düsteren Deuschrock-Hoffnung "DOWN BELOW", begeisterten kurz nach 17.00 Uhr die zigtausenden Anwesenden mit einer sowohl lyrisch, als auch musikalisch zwar sehr ungewöhnlichen, aber gleichsam immens faszinierenden Mixtur aus knalligem 80er-Jahre-Powerpop, dunklem Romantik-Rock, hymnischen, vorantreibenden Melodien und durchwegs überzeugenden, ehrlichen und proper formulierten Texten. Das Dessauer Quartett spielte überwiegend Songs aus "Wildes Herz" (sobald mir diese Silberscheibe vorliegt, werde ich sie an dieser Stelle ausführlich vorstellen!), die da etwa hießen "Dein Wille", "Sand in meiner Hand", "All Deine Wege" oder "Ein letztes Mal". Besonders anregend wirkte die neueste Singleauskoppelung "Sommer 2010" - eine kraftvolle, straighte, gitarrenlastige Rocknummer, die etwa einem "Summer of 69" (Bryan Adams) oder einem "Sommer 96" (Howard Carpendale) in Sachen Intensität, Optimismus und Melancholie gleichermaßen in nichts nachsteht. Inhaltlich geht es darin um die Hoffnung, der "Sommer 2010" möge eine ganz tolle, unvergleichliche, konstruktive Ära werden - Wirtschaftskrise, nahezu tägliche Rücktritte von Politikern, Bischöfen und Co., ständige Ankündigungen, Protestparteien zu gründen etc., haben den Sinn des Textes ggf. im Nachhinein konterkariert, was diesem eingängigen Rock-Ohrwurm vielleicht sogar weit mehr historische Relevanz verleiht, als die Band selbst zu demjenigen Zeitpunkt, als sie ihn schrieb, annahm! Von "DOWN BELOW" werden wir ganz bestimmt in Futuro noch eine ganze Menge hören. Die vier Pop/Rock/Gothic-Chaoten haben es einfach drauf. Mal kucken, wie es mit der "Münchener Freiheit des Gothic-Rock" (Holger Stürenburg) weiter geht. Ich tippe auf eine steile Karriere!
Die Band begann ihr Programm mit dem hymnischen Eröffner der 2008er-CD "PAIN, LOVE & POETRY", "This is the Day", es folgten z.B. der personifizierte, düstere, tiefschwarze ‚Gothic Blues' "Bloodmoon" oder der rasende Punkkracher "Sleeping my Day away". Aus der erst an jenem Freitag erschienenen Sechs-Track-EP "Comedown" kamen u.a. der aufpeitschende Titelsong, der an die "Sisters of Mercy" der späten 80er (vgl. "This Corrosion", "More") gemahnt, oder der morbide, still und akustisch, rein auf Pianobasis gehaltene Friedhofsschleicher "My darkest Hours" zum Zuge. Als gleißender Höhepunkt des Auftritts von "Mono Inc." ist zweifellos eine nur zur Akustikgitarre vorgetragene ‚Lagerfeuer-Version' von Iggy Pops Jahrhunderthit "The Passenger" anzusehen, bei dessen Aufführung das begeisterte Auditorium lautstark mitsang. "Mono Inc." vereinen auf intelligente, wohlschmeckende Weise Stilelemente von Szene-Heroen der kühlen Dekade a la "Sisters of Mercy", "Depeche Mode", "The Cure", "U2" oder Billy Idol mit trefflichen Einflüssen des Gothic-Rock/Dark Wave der Neuzeit (z.B. "Rammstein", "Him", "Nightwish", "Disturbed") - somit schaffen die hanseatischen Kultmusiker, die übrigens, was nicht allzu häufig im männerdominierten Rockbusiness vorkommt, eine Frau, genau gesagt: das mystische Mädel Katha Mia, als Schlagzeugerin beschäftigen, eine genialische, punktgenaue Verbindungslinie zwischen uns unverbesserlichen Alt-80ern und der (für uns oft kaum noch nachvollziehbaren) Jugend von Heute! Auch "Mono Inc." sei eine gute Zukunft prophezeit - neben all dem schnellvergänglichen Chartsmüll, abstrusem Hip Hop, bumsendem Dancefloor und noch schrecklicherem Tekkno, stellen alternative, eigenständige, nicht am reinen Kommerz orientierte Bands, wie "Mono Inc.", eine sprichwörtliche ‚Offenbarung' dar!
Perfektionistisch, geradezu diabolisch, inszenierte "Der Graf" sich, seine Show und sein aktuelles Tourrepertoire, das überwiegend die Beiträge aus "Grosse Freiheit" repräsentierte. Nach Hildchen Knefs "Für mich soll's rote Rosen regnen" und Hans Albers' "Auf der Reeperbahn nachts um halb Eins" aus der Konserve, startete "Der Graf" - seine Mitmusiker dienten letztlich als reine Staffage -, der sich diesmal betont maritim, Hamburg-orientiert gab - nicht selten ließen die Folkrock-Epen des späten Achim Reichel klanglich grüßen -, mit dem philosophischen Mid-Tempo-Rocker "Das Meer", gefolgt vom eher härteren, aber nicht weniger nachdenklichen, vertrackten Gitarreninferno "Seenot". Eine hartrockende Selbstreflexion, Selbstkritik, ist die in sich gekehrte Klangkaskade "Schenk mir ein Wunder (Ich wünsch es mir)". "Feuerengel" stellt sich brodelnd, fordernd, quasireligiös, offensiv und zugleich verträumt und sehnsüchtig dar. Das urban-nächtliche Frühwerk "Freiheit" geriet zu einem Zwiegesang zwischen dem "Grafen" und den laut jubelnden Zuhörern: "Wenn Du spürst / Dass Du anders bist / musst Du lauter schreien / Freiheit / ich will nicht leise sein" - simple Worte voller Kraft, Intensität und Ausdrucksstärke. Die durchaus radiotaugliche Popballade "Unter Deiner Flagge" erinnert ohne Frage an die quergedachten Liebeslieder des Heinz Rudolf Kunze der letzten Jahre, sowohl, was Intonation, als auch Text und musikalische Umsetzung betrifft. HRK's "Längere Tage" trifft hier auf dessen "Ich bin immer für Dich da" - "Unter Deiner Flagge" scheint eine (gewollte? ungewollte?) Melange dieser beiden Kunze-Emotionsstatements zu sein! Am 24. September 2010 erscheint der Titel über UNIVERSAL/Berlin als Handels-Maxi - und dürfte sich dann garantiert recht schnell auf den höchsten Rängen der "Media Control"-Listen einfinden.
Der rasante Wave-Rocker "Für immer" erzählt über eine ganz intensive, hautenge Liebe. Ein Mann fühlt sich seiner Liebsten derart nahe, dass er nicht nur mit ihr mit träumt, mit fühlt, mit weint, mit hasst; wenn sie am Abgrund steht, hält er sie fest - und wenn sie sich zum Suizid entschlossen haben könnte, spränge er mit! "Brauchst Du mich bei Deinem letzten Schritt / ich springe mit... braucht Du mich bei Deinem letzten Schritt / ich halte Dich" (Textzitat). Ewige Liebe kann man kaum besser ausdrücken, als in diesem intimen Liebesgeständnis aus der Feder des Herrn "Grafen". Die rockige "Kleine Puppe" (2008), die bizarre Auseinandersetzung mit der "Maschine", einer Art Frankenstein-Schöpfung, die, splitternackt, mitten in der Nacht, ihr stählernes Herz, ihre stählerne Haut vergisst, sich plötzlich zu bewegen wagt, und sich dem Protagonisten des "Sisters of Mercy"-ähnlichen Düsterrockers in die Arme wirft, erklingen ebenfalls.
Im besten Sinne des Wortes ‚populistisch' bis fast ‚messianisch', mit vollster Absicht pathetisch und monumental, agiert "Der Graf" mit seinen Bandkollegen. Die Vier boten ein bis auf den kleinsten Moment ausgearbeitetes, phänomenal austariertes Szenario, das zusätzlich von surrealen Videoanimationen auf einer Großleinwand untermalt wurde. Nur der umkippende Mikrophonständer während eines Songs war nicht geplant ;)) Ob nur manch genüsslich sein Bierchen trinkender Zuschauer ‚voll' war, oder auch das Playback bei den auftretenden Bands, mag dahin gestellt bleiben... "Der Graf" ist Marketingstrategie pur; wenn er seine Arme ausbreitet könnte man glauben, er wolle die nächste Protestpartei gründen - vielleicht wäre dies gar nicht sooo übel: Protest gegen Dummheit, Oberflächlichkeit, Arroganz, Mainstream und Vorhersehbarkeit. Gut, in der ‚schwarzen Szene' sind "Unheilig" nicht unumstritten, seitdem das Bandprojekt in den Hitparaden aus und eingeht, aber Purismus und Dogmatismus tun niemandem gut. Diversen Generationen gefällt der ‚schlagerhafte Gothic-Rock' des Herrn "Grafen" - seine Texte laden intuitiv dazu ein, sich in ihnen wieder zu finden. Und der Rezensent ad Personam hält es, in Anbetracht des derzeit stetig voranschreitenden Kulturverfalls, für weitaus ergiebiger und konstruktiver, wenn sich junge Leute über die lyrischen Inhalte von "UNHEILIG" den Kopf zerbrechen, als sich denselben mit primitiver Gewaltverherrlichung seitens "Bushido", "Sido" und anderer "Aggro-Rapper" zuzudröhnen |