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Bericht: Torsten Meyer Fotos: Pressefotos (Textillustration) Torsten Meyer (Live-Bilder)
Dibbi-Dibbi-Dibb - Es war einmal in den Neunzigern Erinnert Ihr Euch noch an den Beginn der 90er Jahre? Damals existierte eine seltsame Musiklandschaft. Die schrillen Achtziger, die Dutzende Pop-Perlen, aber mindestens ebensoviel Melodie-Müll hervorbrachten, waren vorbei. Die kurzzeitige NDW-Hysterie lasse ich an dieser Stelle mal gänzlich unerwähnt. Es vollzog sich ein Wandel hin zu dem unsäglichen Eurodance-Bumbum. Bands und Typen wie Culture Beat, DJ Bobo, Haddaway, Snap, 2Unlimited, U96 usw. regierten die Charts, MTV hatte Hochkonjunktur und bestimmte ganz entscheidend mit, was zum Hit werden durfte, und was floppte. Echte Rockbands hatten es schwer.
"Pocket Full Of Kryptonite" Ich kann mich noch genau erinnern, dass ich seinerzeit fasziniert war von diesem phantastischen Sound, den die SPIN DOCTORS da mit "Two princes" auf die Welt los ließen. Es war etwas völlig Anderes, Neues. Dabei hat dieser Kracher einen merkwürdigen Weg hinter sich, ehe er zum Hit werden durfte. Er wurde nämlich bereits 1991 als erste Single des Albums "Pocket Full Of Kryptonite" auf den Markt geworfen. Nur konnte damals mit diesem holprigen Beat und dem etwas stotterigen Gesang von Chris Barron keiner so richtig was anfangen, die amerikanischen Radiostationen wollten es nicht spielen. Also was haben die Jungs gemacht? Einfach eine andere Nummer des Albums hinterher geschoben, nämlich "Little Miss can`t be wrong". Dieser Titel war einfacher, geradliniger gestrickt und kam den Hörgewohnheiten des Durchschnittsamerikaners viel näher. Und plötzlich wurde man auf die SPIN DOCTORS aufmerksam. Keine Ahnung, wer auf die glorreiche Idee kam, es nun noch einmal mit "Two princes" als Singleauskopplung zu versuchen, aber jetzt schlug es ein wie die sprichwörtliche Bombe. In Folge dessen interessierte sich die Musikwelt auf einmal auch für das dazugehörige "Pocket Full Of Kryptonite"-Album. Der Rest ist bekannt: es zählt inzwischen zu den absoluten Rock-Klassikern, verkaufte sich allein 1993 mehr als 10 Millionen Mal weltweit und kassierte diverse Platin-Auszeichnungen. Mir hat sich dieses zugegebenermaßen irre Werk erst viel später erschlossen, weil ich damals, Anfang/Mitte der Neunziger einfach noch nicht bereit war, diesen wahnsinnig intensiven Funk-Rock für mich zu entdecken, aber das tut natürlich der Qualität des Albums keinen Abbruch. 2011 wurde "Pocketfull Of Kryptonite" 20 Jahre jung, was die SPIN DOCTORS zum Anlass nahmen, eine Europatournee zu starten, auf der das Album von vorn bis hinten live präsentiert wird.
Eine der sechs Deutschland-Stationen war am Donnerstagabend der C-Club in Berlin. Wie es bei solchen Anlässen üblich ist, wird für das Vorprogramm gerne mal eine regionale Band gebucht. In diesem Fall zogen haase&band das große Los. Nun braucht man den meisten Deutsche Mugge-Lesern zu dieser Truppe nicht mehr viel zu erzählen, denn oft genug waren sie hier schon mit Interviews und Konzertberichten vertreten. Für mich allerdings war es eine Premiere, sie live zu erleben. Pünktlich um 21:00 Uhr betraten Christian HAASE (voc, g, keyb), Daniela Schwabe (bg), René Schostak (g) und die schon jetzt energiegeladene Tina Powileit (dr) die Bühne. In irgendeiner Vorankündigung hatte ich gelesen, dass es ein Unplugged-Auftritt werden würde, aber glücklicherweise wurde es dann doch eine "elektrische" Kurzparty. Mit dem Titelsong ihres aktuellen Albums "Bessere Zeiten" ging es los. "Die bessren Zeiten stehen im Stau, sie haben gesagt, sie kommen, doch wissen sie nicht wann genau..." - eine wunderbare Textzeile. Mit den "Fledermäusen" rockte es dann richtig los, Tinas wuchtiges Spiel knallte wunderbar durch den Saal, Renés Gitarre weckte auch den letzten Zuschauer auf. Die ganze Vielfalt des Albums wurde präsentiert, mal klang es ein wenig poppig ("Will sein" und "Mittendrin"), dann dominierten nochmal die rockigen Klänge ("Leben zum Fressen gern"), ehe haase&band mit dem schwungvollen "Lass mich" auch schon am Ende waren.
SPIN DOCTORS - das Konzert Es war ein Donnerstagabend, manch einer (so auch ich) sah bereits nervös auf die Uhr, weil am nächsten Tag wieder der böse Wecker zum alltäglichen Ritual des frühen Aufstehens rufen würde. Doch es half alles nichts, es musste erst 22:00 Uhr werden, ehe die vier Objekte der Begierde auf die Bühne sprangen und Gitarrist Eric Schenkman mit dem knarzenden Intro zu "Jimmy Olsen's Blues" den Startschuss zu einer zweistündigen Mugge gab, die so manch einen im leider nur sehr spärlich besetzten C-Club ordentlich ins Schwitzen bringen sollte.
Chris Barron, der olle Schlawiner, hatte wohl vorher extra ein paar Brocken Deutsch geübt, mit denen er zunächst die Fans begrüßte und später noch den einen oder anderen Wortfetzen gucken ließ ("Du bist lieb... und gut!"). Aber die Hauptaufgabe des Abends hieß ja: spielt "Pocketfull Of Kryptonite" komplett durch. Und das taten sie dann auch. Wer das Album kennt, der weiß, dass es alles andere als Mainstream ist, sondern durch Funk-Rock vom Allerfeinsten begeistert. Der schon erwähnte Opener "Jimmy Olsen's Blues" ist für mich der eigentliche Favorit auf dem Album und gab schon die Richtung für den Abend vor. Mit dem durch und durch funkig angelegten Hammersong "What time is it" wurde dann so richtig diesem einzigartigen Musikstil die Ehre erwiesen. Bassist Mark White, der meine ungeteilte Bewunderung für sein irres Slapping erhielt, gab den Ton an. Und es ging munter weiter. Chris Barron's Titelansagen hörten sich so an: "The next song... ist the next song from the album." Recht hatte er. Funk-Rock live zu erleben ist nochmals eine enorme Steigerung zum Hören der CD. Dieser brutale Rhythmus der Musik zwingt sowohl die Musiker als auch den Zuschauer dazu, ständig in Bewegung zu sein. Ich habe noch kein Konzert erlebt, in dem das Publikum derartig in Schwingung war wie gestern Abend. Jeder hat auf seine Art gewackelt, getanzt, gependelt, gewippt, body- und headbanging betrieben, einfach unglaublich. Mein Nachbar zur Linken hat seine Beweglichkeit bis zum Äußersten ausgereizt, so dass ich nur innständig hoffte, er möge sich doch bitte keinen Hexenschuss holen.
Kurz vor Ende des regulären Teils gab es zunächst ein wunderbares Schlagzeugsolo, zu welchem sich auch Tina Powileit am Bühnenausgang einfand und Aaron Comess "bei der Arbeit" zusah. Schließlich haute Mark White noch ein minutenlanges Solo auf seiner Bassgitarre rein und zeigte dabei seine Extraklasse. Im Gegensatz zur "normalen" Rockmusik wird der Bass einer Funkband mit der sogenannten "Slap"-Technik gespielt. Dabei schlägt der Daumen der Spielhand auf eine Saite am Ende des Griffbrettes. Den Daumen muss man dann ganz schnell wieder zurückziehen, damit die entstandene Schwingung der Saite nicht gleich wieder gedämpft wird. Dadurch entsteht dieser typische, abgehackte funkige Basston. Ich will nicht wissen, wie viel Hornhaut der Kerl auf seinem Daumen haben muss, um das den ganzen Abend durchzuhalten.
Nach ziemlich genau 90 Minuten hatten die Herren es geschafft, der letzte Ton des Albums verklang. Aber Feierabend war deshalb noch längst nicht, denn die "Imageberater" (deutsche Übersetzung für SPIN DOCTORS) waren in einer solchen Spiellaune, dass sie glatt noch volle 4 Songs drauflegten, für die sie wegen der nicht enden wollenden solistischen Einlagen eine weitere halbe Stunde benötigten. Habe mich übrigens sehr gefreut, dass zu den Zugaben auch "Cleopatra's Cat" vom zweiten DOCTORS-Album "Turn it upside down" (1994) gehörte. Der Gag des Abends folgte dann am Ende. Mitten hinein in die letzten Takte schmetterte Chris Barron allen Ernstes ein Stück deutsches Liedgut ins Mikrofon. Er sang in feinstem Deutsch, wenn auch mit viel Akzent, die erste Strophe von "Alle meine Entchen". Es war natürlich ein gelungener Brüller zum Abschluss, der Kerl hat echt Humor. Nur schade, dass der C-Club allerhöchstens zur Hälfte gefüllt war, denn diese erstklassige Band hätte für ihre begeisternde Show ein volles Haus verdient gehabt. Vielleicht lag es ja am Wochentag und der ungünstigen Anfangszeit. Andererseits ist Funk-Rock mit den verbundenen Abstechern zum Jazz und Blues eben nichts für jedermann, man muss diese Art Sound schon sehr mögen, um es abendfüllend auszuhalten. Nicht gefallen hat mir die Tatsache, dass ab der Hälfte des Konzertes Sänger Chris Barron eigentlich kaum noch zu hören war, es sei denn, es wurden gerade besonders leise Passagen intoniert. Ansonsten wurde seine Stimme durch die zwar hervorragend klingende, aber viel zu dominante Klampfe von Eric Schenkman total untergepflügt. So was muss ein Tontechniker einfach hören, das ist sein Job. Ansonsten habe ich aber einen ganz wunderbaren Abend mit einer Band verleben dürfen, die ihre 20 Jahre alten Songs ohne jede Müdigkeit und Langeweile gespielt hat, die unwahrscheinlich Bock auf die Mugge hatte und dementsprechend erstklassige Unterhaltung bot. Nein, die SPIN DOCTORS sind keine Chartband, sie haben kommerziell wenig zu melden, aber sie lieben das, was sie machen: ehrliche, handgemachte Funk-Rock-Musik. Und wie man hört, basteln die SPIN DOCTORS wohl endlich wieder an einem neuen Album, welches dann "back to the roots" in Richtung Blues gehen soll. Ich bin gespannt darauf.
Bitte beachtet auch: - off. Homepage der Spin Doctors: www.spindoctors.com - Homepage von haase&band: www.haase-band.de - Portrait über haase&band: HIER |