Bericht: Petra Heinzel
Fotos: Petra Heinzel







SILLY – verrückt?!
Meinen letzten SILLY-Konzertbericht (30.05.2010 im Berliner Huxleys) beendete ich mit folgenden Worten: „Ich werde mich am 27. August auf den Berliner Asphalt oder auch mit der U-Bahn „unterm Asphalt“ in die Zitadelle Spandau begeben, um beim Open Air Konzert dabei zu sein. Nicht nur ich, ganz viele andere auch, da bin ich mir ganz sicher.“ Nun war es endlich so weit. Wir waren an diesem jenen Freitag Nachmittag keine „verlor`nen Kinder in den Straßen von Berlin“. Nein, wir wussten genau wo wir wir hin wollten. SILLY gibt ein Konzert in der Berliner Zitadelle. Eigentlich hätte man sich fragen müssen „Ja sind die denn völlig verrückt geworden, sind die größenwahnsinnig?!“ Ob sie es nun sind oder nicht, meine Eindrücke bzw. Erlebnisse gibt es im Folgenden zu lesen. Obwohl es natürlich schon reichlich Gegenargumente gibt. Einerseits die erfolgreiche Platzierung des neuen Albums „Alles Rot“, mehrere Wochen in den Top 10 und inzwischen sogar Goldstatus erreicht (dazu später mehr). Andererseits die fast immer ausverkauften Konzerte, so dass Zusatzkonzerte gestartet werden, sowie die damit verbunden hervorragende Arbeit der Fa. undercover. SILLY ist in sämtlichen Medien vertreten und die Fans werden regelmäßig mit aktuellen Informationen versorgt. Sollten diese Fakten jetzt eigentlich als Gegenargumente bezeichnet werden? Verrückt sein kann doch auch was Schönes, was Wunderbares sein!

Termin- und Wolkenschieber
Bevor wir uns auf den Berliner Asphalt in Richtung Spandau begeben konnten, mussten noch einige Termine etwas schneller erledigt bzw. zusammengeschoben werden (Danke liebe Fußtherapeuten!). Wir wollten schließlich rechtzeitig zum Soundcheck in der Zitadelle erscheinen. Dieser begann am frühen Nachmittag, da bereits gegen 17:30 Uhr der Einlass erfolgen sollte. „Alles wird besser aber nichts wird gut“, dachte ich immer wieder als ich besorgt gen Himmel schaute. Ob es nun gut wurde oder nicht, oder auch besser...

Alles Berlin! - die Zitadelle - der Soundcheck
Was kaum zu glauben ist, ich sah meinem ersten Konzertbesuch in der Zitadelle entgegen. Laut Hörensagen eine Art Festung, die nur über eine Zugbrücke (siehe Foto links) erreichbar ist, sonst eventuell nur zu Wasser oder Luft, aber das auch nicht wirklich. Wir überquerten die Zugbrücke, gelangten auf das Anwesen.
Der große Platz, auf dem man nahezu 10.000 Besucher quetschen könnte, war fast menschenleer. Nur ein geringer Teil der Security-Mannschaft war vor Ort. Am anderen Ende erblickten wir die große Bühne auf der bereits einige Musiker ihre Instrumente in die richtige Stimmung versetzten. Nach Klärung aller Formalitäten bekamen wir „freien Lauf“, verfolgten den anstehenden Soundcheck und mussten einige wenige Regentropfen ertragen. Etwas später schloss der Himmel zum Glück seine Schleusen. Gegen 16:00 Uhr wurden die ersten Songs („Erinnert“, „Kapitän“...) gemeinsam geprobt. Zwischendurch sagte Anna: „Keine Hektik, ruhiger Rock`n Roll“. Für den Akustik-Teil war etwas ganz Besonderes geplant, aber leider nur möglich wenn es an der Stelle während des Konzertes nicht regnen würde. Auf- und Abbau wurde geprobt um zu testen ob das in einem zeitlichen Rahmen klappen würde. Einer Darbietung beim Konzert stand also nichts im Wege, wenn da nicht...
Mit einem kurzen Check des Intros und Leo`s (Sohn von Uwe Hassbecker) Einsatz am Schlagzeug beendeten die SILLYs ihren Soundcheck. Die nächste halbe Stunde, bis zum Einlass um 17:45 Uhr, nutzte Tim Bendzko. Kaum den Check beendet beschlagnahmten Fans auch schon die ersten Reihen am Steg und vor der Bühne. In diesem Moment fiel mir auf, dass sich darunter sehr viele Rosenstolzfans befanden. Die eine Band macht eben gerade Pause, und was liegt da näher als ein SILLY-Konzert zu besuchen?! Schließlich war AnNa R bereits bei der SILLY & Gäste Tour dabei und vor einigen Jahren coverte Rosenstolz "Wo bist du".

Tim Bendzko und Band
Für das Konzert in der Zitadelle hatte man sich etwas Besonderes einfallen lassen. Tim hatte dieses Mal nicht nur seinen Gitarristen zur Seite. Um Punkt 19:00 Uhr eröffnete er mit seiner Band den Konzertabend. Fünf Männer sorgten für einen entsprechenden Auftakt in der Zitadelle:

Tim Bendzko - Gesang
Peter Wanitschek - Schlagzeug
Arne Nitzsche - Bass
Daniel Hoffknecht – Gitarre
sowie ein Gastmusiker, der mir namentlich nicht bekannt ist.

Im Huxleys bewiesen Tim und sein Gitarrist Daniel ihr akustisches Können. Nun, beim großen Open Air Konzert sorgte seine Band vor nahezu 7.000 Konzertbesuchern für ordentlich Druck und Kraft im Popsound. Sie animierten mit ihrem halbstündigen Auftritt das Publikum zum Mitklatschen und Mitsingen. Diese wollten "Mehr davon" und sangen nachdem die fünf Musiker an "Das Ende der Welt" sahen und diese auch "Nur noch kurz retten" wollten: "Ich hab heut keine Zeit, ich steh' erst auf wenn ich aufgewacht bin. Ich hab heut' keine Zeit, ich mach heut' frei". Es herrschte ausgelassene Stimmung. Die Fans hatten sich diesen Abend extra frei gehalten, keine Zeit für andere Dinge, und freuten sich wahrscheinlich sogar auf den nächsten Tag, der ein Samstag war, an dem sie ausschlafen und frei machen könnten.
Tim verwies auf den Merchandisingstand, an dem man ihre Musik käuflich erwerben konnte. Er erzählte mir nach dem Konzert, dass es sich um ein Demotape handelt, daher auf Kassette erhältlich.

Alles Rot!
In der 30-minütigen Pause wirbelten die Techniker. Aus den Lautsprechern ertönte eine Ansage, wie man sich im Notfall zu verhalten hat. Also mit anderen Worten "was zu tun wäre, wenn jemand rot sieht", auch wenn wir alle an dem Abend "rot" sehen bzw. hören wollten. Und dann... wurde erst einmal nichts besser, denn es begann zu nieseln. Zwei Minuten vor acht ertönte das Intro, also war... alles wieder gut! Der Regen spielte keine Rolle mehr, denn es ging *looos*. Jäcki hatte den genialen Überblick. Er stand mit seinem schwarzen Bass mittig vor'm Steg und wirkte sehr cool, als sein Blick den Steg entlang in die Massen ging. Er muss es genossen haben, der Rock-Bass-Kapitän. Alle anderen Männer instrumentierten, wie gewohnt, an ihrem "Arbeits"platz. Anna kam zu Beginn des Titels "Nackter" hinzu und begrüßte danach die Berliner: "Guten N'abend Berlin! Wir haben so viele Karten verkauft, wir als Band alleine, wie noch nie... Dankeschön, dass ihr alle gekommen seid! Vielen, vielen Dank!"
"Findelkinder" und kreisförmige Animationen auf der Bühnenrückwand ließen uns in schwingende Bewegungen gleiten, trotz inzwischen übergestülptem Ganzkörperkondom (der schwache Nieselregen wurde stärker). Anna betonte anschließend: "Wir sind heute tierisch aufgeregt. Aber wir hoffen ihr nehmt uns die Last ab." Kaum ausgesprochen, schon abgenommen. "Ich sag nicht ja" versetzte die Zitadelle in Partystimmung, viele klatschten und sangen. Als ich später die Textzeile "Die Furcht der Fische vor dem Land" hörte, dachte ich nur "die brauchen doch keine Angst haben, es ist feucht genug, ein Austrocknen nicht möglich".
Die Setlist hat sich eigentlich nicht oder nur geringfügig verändert. Die SILLYs touren mit dieser erst seit dem Frühjahr und wollen damit natürlich noch viele Städte beglücken. Auch die alt bekannten Titel hatten sie im Gepäck. "S.O.S" rockte ordentlich, die Zitadelle ging nicht im Regen unter. Nein, ganz im Gegenteil! Bei "Mont Klamott" hielt es Uwe nicht mehr auf der Hauptbühne, er musste einfach an die vorderste Front und uns ein Solo vom Allerfeinsten präsentieren. Nicht nur die Höhe, die er durch den Steg erreichte, machte ihn groß, sondern auch sein fantastisches Gitarrenspiel da oben im Regen.

Das Akustikset fand, wie man inzwischen schon vermuten kann, auf der Hauptbühne statt. "Asyl im Paradies" wurde mit ins Programm genommen und ließ meine Gedanken im Regen abschweifen, mit gesenktem Kopf, in Gedanken an Tamara. Danach durfte ich einen meiner Lieblingstitel genießen. "So 'ne kleine Frau" erklang im exzellenten Akustiksound. Und ich hatte sie dabei - wie seit einigen Jahren gewohnt - die Sonnenblume, die Anna etwas später auf dem Steg fand. Denn Anna traute sich nach dem Akustikset hin und wieder dort hinauf, auf dem durch den Regen sicherlich unheimliche Rutschgefahr bestand. Sie heizte den Fans ein, lebte die Songs, hatte den direkten Kontakt zum Publikum, egal inwieweit ihre Haare und ihr Shirt inzwischen durchnässt waren. Ein weiterer Titel, wie eigentlich auch viele andere, durfte bei diesem besonderen Open Air Konzert natürlich nicht fehlen. Werner Karma, der auch vor Ort war, umschreibt ihn in seinem Text wie folgt: "Du trägst vier Streifen auf'm Arm". Klar ist der "Kapitän" gemeint. Textlich sehr aussagekräftig, und der macht Spaß... der rockt. Bevor es dann mit dem Song auf den wohl viele gewartet haben weiter ging, betonte Anna noch, dass das Publikum sie "entklemmt" hat. Die Zitadelle muss vor Charme errötet sein, denn alle sangen "in mir drin ist alles rot - das Gegenteil von tot, mein Herz es schlägt sich noch ganz gut". Man spürte die Wärme und Lebendigkeit der Massen, sie ließen sich auf SILLY ein, bejubelten sie, belohnten sie mit frenetischem Beifall. Mit so viel Herzenswärme war es sogar möglich den Regen zu vertreiben. Die drei Zugaben "Bataillon d`Amour", "Leg mich fest" und "Sonnenblumen" sorgten kurz vor 22:00 Uhr für einen krönenden Abschluss. Alle SILLYs versammelten sich auf dem Steg (wie auch schon vor den Zugaben), verabschiedeten sich von ihren Fans, und Anna sagte: "Ihr seid das geilste Publikum! Alles Berlin!"

Alles Gold!
Der Abend sollte aber noch lange nicht vorbei sein. Wichtige Dinge standen noch an. Auf der Aftershowparty, so ca. eine Stunde nach dem Konzert, wurden alle Anwesenden vor einer kleinen Bühne zusammen getrommelt. Universal hatte Wichtiges vor. Das SILLY-Album "Alles Rot", das am 19. März 2010 nach 14-jähriger Pause erschien, hat inzwischen Goldstatus erreicht. Diese Auszeichnung sollte im entsprechenden Rahmen überreicht werden. Während der Anmoderation bzw. der Verkündung dieses wichtigen Ereignisses standen die SILLYs (in meinen Augen) gerührt vor der Bühne. Anna durfte als Erste ihre Goldene in Empfang nehmen. Ihr folgten Uwe, Ritchie und Jäcki. Die vier Glücklichen ließen sich gerne ablichten und dankten allen, die am Erfolg maßgebend beteiligt waren, mit einer Goldenen: ihren Musikern Ronny Dehn, Herrn Petereit, Daniel Hassbecker, Leo Hassbecker, Basti Reznicek, ihrem Texter Werner Karma, Ingo Politz und Bernd Wendlandt von Valicon, dem undercover-Team, dem Universal-Team, dem Plantage-Team, Jörg Stempel, u.a. ...ein wahrer Goldrausch! HERZlichen Glückwunsch!

Nun noch auf die eingangs erwähnte Frage zurück zu kommen: verrückt oder gar größenwahnsinnig? Das müsste ich wohl jetzt hier gar nicht mehr beantworten. Tue es aber trotzdem:
Größenwahnsinnig - nein! Dafür gibt es genug Gegenargumente. Verrückt – ja! Aber nur weil es was Schönes, was Wunderbares sein kann! Man muss nur verrückt genug sein einen Neustart zu wagen und diesen mit einer neuen Platte zu besiegeln.

Vielen Dank für den großartigen Nachmittag/Abend, er bleibt unvergessen. Eigentlich wollte ich nicht schon wieder über ein SILLY-Konzert berichten, das mal anderen Kollegen überlassen. Da aber die geplanten Kollegen kurzfristig verhindert waren habe ich dann doch die Berichterstattung übernommen, gerne sogar. Alles Berlin - Alles Rot - Alles Gold!






Fotoimpressionen:

Der Soundcheck













Tim Bendzko & Band



















SILLY rockt Berlin





































































Alles Gold! (Backstageparty & Gold-Verleihung)