Bericht:
Torsten Meyer

Fotos:
Torsten Meyer (alle Live-Fotos)
Pressefotos (Textillustration + Grafik oben)





Als ich gestern gegen 19:00 Uhr vor dem Fritz-Club im Postbahnhof auf den Einlass zum GRAZIELLA SCHAZAD-Konzert wartete, rannten an mir riesig lange Menschenströme vorbei in Richtung O2-World, die nur wenige Meter weiter in leuchtendem Blau in den Nachthimmel ragt. Dort hatten die beiden Altmeister Bob Dylan und Mark Knopfler zum gemeinsamen Musizieren geladen. Für einen kurzen, aber wirklich nur ganz kurzen Moment kam ich ins Grübeln, ob ich für meine Samstagabendgestaltung die richtige Wahl getroffen hatte. Ungefähr 3 Stunden später war ich mir hundertprozentig sicher: Ja, meine Entscheidung war goldrichtig.

Normalerweise fasst der Fritz-Club ca. 800 Personen. Gestern allerdings wurde diese Zahl durch die Bestuhlung der Halle auf ca. 250 begrenzt. Dadurch erhielt das Ganze natürlich einen sehr intimen Rahmen, was mir persönlich mehr liegt als diese riesengroßen Sammelbecken. Möglicherweise lag es eben an dieser relativ überschaubaren Größe, dass das Publikum trotz des wieder einmal verspäteten Beginns des Konzertes relativ entspannt wirkte. GRAZIELLA SCHAZAD - was für ein Name! Klingt fremd, und dennoch irgendwie schön, elegant, interessant. Genau das kennzeichnet diese junge Frau mit dem trotz ihrer erst 28 Jahre so ereignisreichen Lebenslauf. Ich war ehrlich gesagt sehr gespannt, ob sich der sehr positive Eindruck, den ich beim Hören ihrer CD verspürte, auch live wiederholen würde.

GRAZIELLAS Markenzeichen ist die Geige, die sie manchmal wie eine Gitarre spielt. So begann auch das Konzert, als sie aus dem Hintergrund langsam auf der Bühne erschien. In den nun folgenden 90 Minuten schaffte die in Berlin aufgewachsene und heute in Hamburg lebende GRAZIELLA es mühelos, ihr Publikum zu fesseln, zu begeistern, mit in ihre Klangwelten zu nehmen, die sich so herrlich abheben von dem täglichen Einerlei der meisten Radiostationen. Dabei fällt auf, dass mancher Song, den man auf ihrem Debütalbum "Feel who I am" vorfindet, am gestrigen Abend auf der Bühne anders klang. Das war eine notwendige Entscheidung, die GRAZIELLA mit ihrer Band getroffen hat, um nicht in Routine zu erstarren und auch nach längerer Zeit noch Spaß daran zu haben, die älteren Songs zu spielen. Das gelang meines Erachtens sehr gut. Allein schon durch den Einsatz von Akkordeon und Kontrabass bekamen die Titel eine besondere Note.

Es ist immer wieder erstaunlich, was für ein Multitalent GRAZIELLA SCHAZAD ist. Sie spielte wechselweise Gitarre, Geige und Ukulele, setzte sich bei LEAVE ME ALONE sogar ans Piano. Zwischendurch plauderte die sehr gelöst wirkende Sängerin immer wieder mit dem Publikum, erzählte mal die Entstehungsgeschichte eines Songs (SAFE), mal erfuhr man einiges über die Gefühle, die sie als werdende Mutter bewegen (Anfang März soll es soweit sein), oder sie verriet einiges zum zu erwartenden neuen Album, welches nach der Geburt ihres Kindes in New York produziert werden soll. Das alles kam sehr charmant rüber, und irgendwie hatte man das Gefühl, dass man diese Frau mit ihrem gewinnend freundlichen Wesen, ihrem süßen Lächeln und ihren warmen, dunklen Augen schon seit Ewigkeiten kennt und ins Herz geschlossen hat.

Musikalisch lieferte GRAZIELLA SCHAZAD einen Querschnitt aus ihrem ersten Album, und auch einigen neuen Titeln, die dann auf dem Nachfolgealbum zu hören sein werden. Beispielsweise HEY BABY, ein Song, den sie dem kleinen Wesen widmet, welches gerade in ihrem Bauch heranwächst. Oder auch die traumhafte Ballade WHERE DID YOU GO. Egal, ob man nun alle Songs kannte, oder wie ich eher nur einige Titel - es waren irgendwie alles Ohrwürmer, die hängen blieben. Mal klang es richtig frisch und poppig, dann wieder eher ruhig und leise, auch hier und da mal ein wenig orientalisch oder ein ganz kleines bisschen angeswingt. Bei INNER PEACE und LOOK AT ME hatte GRAZIELLA das Publikum sogar soweit, dass mitgeklatscht wurde, was sie sichtlich erfreute.

Der Klangteppich, den GRAZIELLA mit ihrer Band webte, war auf jeden Fall sehr dicht und atmosphärisch, man konnte sich darauf fallen lassen und wurde aufgefangen. Ihre wunderschöne, sehr eigentümliche Stimme fügte sich hervorragend ein. Sie hat zwar nicht das Zeug zu einer Rocklady, aber das muss sie auch nicht. Stattdessen schmeichelte und streichelte sie sich durch ihre Songs, und die Leute hingen regelrecht an ihren Lippen.


Aktuelle CD "Feel Who
I Am" (Rezension: HIER)

Zum gelungenen Gesamteindruck trug auch die sehr spärliche Beleuchtung der Bühne bei. Diese unaufdringliche, meist in dunklen Gelb- und Rottönen gehaltene Lichtchoreographie unterstützte hervorragend den beruhigenden Charakter der Musik und erzeugte ein Gefühl von Gemütlichkeit, war aber natürlich für mich als Fotograf pures Gift.

Unbedingt erwähnen muss ich die hervorragenden Musiker ihrer Band, ohne die diese perfekte Klangharmonie gar nicht machbar wäre. Ob nun Arne Straube an den Keyboards und am Akkordeon oder der Mann am Kontrabass, vor allem aber das Energiebündel Carolina Bigge an den Drums - sie waren eins mit GRAZIELLA SCHAZAD und dieser einfach schönen, entspannenden Musik. Mir gefiel vor allem das Spiel von Carolina. Mal pinselte sie nur ganz leicht über ihre TomToms und Becken, dann konnte sie aber auch wieder richtig "draufhauen", spielte auch hin und wieder mal mit bloßen Händen, aber immer sah man ihr an, mit wie viel Spaß und Enthusiasmus sie dabei war, wie sie sich regelrecht in die Songs rein fühlte.

Nachdem dann auch der letzte Ton der Zugabe verklungen war, stürzte sich eine Vielzahl der Zuschauer auf das auf der Bühne bereitliegende Gästebuch, worin man GRAZIELLA ein paar nette Worte hinterlassen konnte. Es waren zwar diesmal keine 4 Stunden, wie noch 2 Tage zuvor beim Monokel-Konzert. Doch selbst die "nur" 90 Minuten pure akustische Popmusik (wie GRAZIELLAs musikalische Ausrichtung immer wieder bezeichnet wird), die die hochzufriedenen Fans im Postbahnhof geboten bekamen, waren eine Wohltat für die Seele. Wenn ich als Liebhaber der harten Gitarrenriffs solche Worte über meine Lippen bringe, dann will das schon was heißen!!!

Wer GRAZIELLA SCHAZAD bisher noch nicht live erlebt hat, sollte unbedingt die nächste sich bietende Gelegenheit dazu nutzen - es lohnt sich!

Die nächsten Termine:
31.10.2011 - Hamburg - Fabrik
02.11.2011 - Leipzig - Theaterfabrik
03.11.2011 - Magdeburg - Moritzhof
04.11.2011 - Buchholz - Empore
nähere Infos auf der Homepage der Künstlerin...


Bitte beachtet auch:
- off. Homepage von Graziella Schazad: www.graziellaschazad.com
- Homepage vom Postbahnhof Berlin: www.postbahnhof.de
- Interview von Deutsche Mugge mit Graziella: HIER




Live-Impressionen: