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Bericht: Fred Heiduk Fotos: M. & S. Ziegert (außer Pressefoto oben)
Es gibt Tage die bleiben in Erinnerung. Freitag der 27. August 2010 könnte so ein Tag gewesen sein. Zum einen gab es den ganzen Tag einen gewaltigen Regenschauer nach dem anderem, so dass die Nachrichten vor örtlicher Überflutungsgefahr an kleineren Flüssen in Sachsen warnten und zum anderen stand ein besonderes Konzert in der tiefsten sächsischen Provinz, ein paar Kilometer östlich von Wurzen in Meltewitz bei Börln, nahe dem Heideort Dahlen auf meinem Wunschzettel. Letzteres sah ich durch ersteres durchaus gefährdet und freute mich umso mehr, als gegen 18:00 Uhr der Regen aufhörte und die graue Wolkendecke ein wenig aufriss. Beste Voraussetzungen also für ein Konzert der Extraklasse. Denn: dass es ein solches würde, daran zweifelte ich nicht einen Augenblick. Ich sollte Recht behalten.
Den Musikern merkte man geradezu an, dass Sie trotz des zahlenmäßig etwas geringen Publikums und des schlechten Wetters mit Spaß bei der Sache waren. So war es denn auch nur eine Frage der Zeit, wann die Band ihre Improvisationen in die Originalarrangements Günther Fischers einbauen würde. In wie weit das schon beim zweiten Titel "Greensleeves" der Fall war, weiß ich nicht zu sagen. Mir fiel viel mehr auf, mit welcher Eleganz die Band aus der klassischen Volksliedvorlage einen Swing und Jazztitel und umgekehrt machte, und wie sehr Thomas Putensen Bandleader ist. Wenige Gesten und Hinweise seinerseits genügten, um die ganze Band sicher mal diese, mal in jene Richtung zu dirigieren. Ganz wie es dem jeweiligen Titel gut tat. Natürlich registrierte ich auch, dass die Streicher durchaus auch klassisches Handwerk beherrschen, denn genauso war ihr Solopart in diesem Stück angelegt. Es war noch keine Viertelstunde vergangen, da gab es ein weiteres Highlight dieses Abends. Bei "Alone Again", einem Titel der in der Fassung mit Gilbert O' Sulivan ein Riesenhit war, hatte Anett Kölpin einen ersten Solopart. Auch wenn oder gerade weil zu diesem Zeitpunkt die Tonprobleme noch nicht behoben waren, ihre Klasse konnte sie dabei eindrucksvoll unter Beweis stellen. Ich hab bisher nur wenige Sänger erlebt, die mit einer derartigen Leichtigkeit gegen ein ganzes Orchester ansingen können. Nach diesem Titel gab es eine kuriose und irgendwie lustige Einlage. Beim 4. Lied spielten verschiedene Teile der Band unterschiedliche Stücke, so dass Putensen abbrach und neu zu "The more I see you" ansetzte. Wenn man dabei die Augen geschlossen hätte, man hätte meinen können, Manne Krug singe live von der Bühne. Putensen hat stellenweise die gleiche Stimmfärbung und die Technik von Manfred Krug. Dennoch kopiert er dessen Interpretationen nicht, sondern orientiert sich allenfalls daran. Und er hat eine große Breite an Möglichkeiten, so dass seine Interpretationen sehr abwechslungsreich daherkommen, ohne dabei die einzelnen Titel zu verfremden. Der erste Teil des Konzerts orientierte sich an der Manfred Krug/Günther Fischer LP "Greens". Die einzelnen Titel wurden mit Charme und Witz von Thomas Putensen moderiert, wobei er immer wieder eine Gelegenheit fand, auf die Klasse der Musik hinzuweisen. So stellte er unter anderem fest, dass diese Musik eine besondere Einheit von Melodie und Harmonien hat, wie man sie heute nur noch selten findet, ohne dabei jedoch langweilig zu sein.
Ein weiterer besonderer Höhepunkt des Konzerts war die Interpretation des Gilbert Bécaud-Titels "Natalie" in Deutsch. Spätestens hier kam auch die schauspielerische Ader Putensens zum tragen. Für mich gab es den absoluten Höhepunkt des Konzertes etwas später, als Anett Kölpin "Solo Sunny" sang. Welche Musikalität, was für eine Stimme, was für eine Interpretation! Schon beim gekonnten Saxophonintro von Oliver Saar hat wohl jeder im Publikum aufgehorcht. Was Anett Kölpin dann jedoch mit dieser großen Band aus dem Titel machte, das war schier unbeschreiblich. Nach dem recht verhaltenen Anfang den sie so zelebrierte, dass es einem das Herz erweichen konnte, wurde ihre Interpretation ungemein dynamisch. Besonders eindrucksvoll war dabei zu erleben, wie sie gegen den gewaltigen Sound der ganze Band gesanglich standhielt, ohne dabei zu wackeln oder ins Schreien zu verfallen. Sie traf jeden Ton und zauberte eine ganz eigene "Solo Sunny" in die Nacht bei Wurzen, die ihres Gleichen sucht. Etwas jazziger als das Original, aber dem in keinem Punkt nachstehend. Schade, dass es das wohl nicht auf einem Tonträger gibt. Es hatte wahrscheinlich eher weniger mit Anett Kölpin zu tun, dass der kurz vor dem Titel einsetzende Regen, kurz nach dem sie die 1. Strophe von Solo Sunny begonnen hatte in den Nachthimmel zu hauchen, aufhörte. Dass es im Verlaufe des Konzertes noch ein kleines Problem mit einem Mikrophon gab, das ein lautes Brummen auf die Anlage zauberte, störte letztlich die Band nicht wirklich. Der Fehler wurde behoben und das dadurch missgestaltete Stück "Niemand liebt Dich so wie ich" von Franz Lehar wurde einfach noch einmal von vorn begonnen. Der letzet Titel vor einer Pause war "Que sera" in einer wirklich großen Interpretation. Nicht nur Putensens Gesang, sondern vor allem der Bläsersatz machte das Lied zu einem Erlebnis. Hier wurde in bester Jazzmanier noch einmal geradezu gejamt, bevor es in die Pause ging, an die sich ein Querschnitt weiterer großer Günther Fischer Hits anschließen sollte.
Irgendwann gab es dann die nächste faustdicke Überraschung. Für mich völlig unvermittelt war Georgi "Joro" Gogow (City, Der wilde Garten) mit einer Gitarre in der 3. Bandreihe, ganz hinten. Dass Putensen sich gelegentlich Gäste zum Beat Ensemble einlädt, war mir bekannt. Allerdings hatte ich Joro viel deutlicher und früher erwartet. Sein wirklich großer Auftritt sollte erst noch folgen. Je weiter der Abend fortschritt, je mehr Spaß hatte die Band, hatte man den Eindruck. Zum Teil übertrug sich das auf das Publikum, dass gar nicht genug von Putensens Beat Ensemble bekommen konnte. Doch irgendwann näherte sich unweigerlich der Schluss des Abends. Nach der Vorstellung der einzelnen Bandmitglieder dieses Abends wurde zunächst noch ein Blues angekündigt. Genau das richtige um die Zuhörer noch einmal richtig auf Touren zu bringen. Den Abschluss des offiziellen Teils dieses denkwürdigen Konzertes bildete ein grandioses Duett zwischen Thomas Putensen und Anett Kölpin. Wenn man Musik mit Stimme und Gesten sichtbar vermitteln kann, dann schafften die beiden das mit ihrem Auftritt. Der folgende Krug Titel sollte der letzte des Programms sein. Aber Putensen kündigte bereits in der Ansage an, das man danach noch was Besonderes, ganz anderes spielen würde.
Nach dem Konzert nutzte ich die Gelegenheit, mich kurz mit Joro Gogow zu unterhalten. Dabei gab es zwei interessante Neuigkeiten. Zum einen ist Joro mit der aktuellen Besetzung von "Der wilde Garten" dabei ein neues Album einzuspielen, das spätestens im Frühjahr 2011 fertig sein soll. Darüber hinaus arbeitet er aktuell an einigen anderen Projekten. Zum anderen beantwortete er ein paar Fragen zum Thema NO 55. Da gab es vor kurzem anlässlich des Geburtstages von Bernd Haucke einen gemeinsamen Gig in der Originalbesetzung. Laut Joro war es, als habe die Band nie aufgehört zusammen zu spielen. Alles klappte als wäre man gut eingespielt und hat riesig Spaß gemacht. Allerdings wird es aus jetziger Sicht wohl zumindest vorerst bei diesem einmaligen Auftritt bleiben. Gegen 23:30 Uhr machten wir uns dann bestens unterhalten auf den Heimweg. Nach diesem Konzert wären wir auch im Regen zufrieden zurück nach Hause gefahren, aber der hatte ein Einsehen und machte noch ein paar Stunden Pause. Mir bleibt ein Fazit zu ziehen, und das sieht wie folgt aus: Was für ein Musikerlebnis! Was für tolle Musiker und was für eine grandiose Musik! Putensen sagte mir vor dem Konzert, für ihn habe die Fischermusik durchaus etwas mit Beethoven oder Bach gemeinsam. Wer einen Auftritt des Beat Ensembles gehört hat, kann die Aussage Thomas Putensens nur unterschreiben - die Musik von Günther Fischer ist gerade in den Interpretationen von Manfred Krug nahezu zeitlos. Dass die Darbietungen von Thomas Putensen und seinen Mitstreitern den Krugschen durchaus ebenbürtig sind, davon konnte ich mich live überzeugen. Es war ein Abend den man so schnell nicht vergisst. Und? Appetit bekommen? Hier ein paar ausgewählte Termine in der nächsten Zeit. Hingehen lohnt sich! 03.09.2010 - Zinnowitz (Usedom) - Kurmuschel 04.09.2010 - Stralsund - Museum 05.09.2010 - Schwedt 11.09.2010 - Rerik - Kirchweg 21 17.09.2010 - Greifswald - "Keller" 24.09.2010 - Waren - "Flomala" 25.09.2010 - Chemnitz - "Alternative Schule" 20.10.2010 - Berlin - "Prenzlauer Berg" 21.11.2010 - Dresden - "Societätstheater" Weitere Infos auf Thomas' Myspace-Seite: HIER
Fotoimpressionen:
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