Bericht:
Andreas Hähle

Fotos:
Pressefotos (Textillustration)
Bernd Enke (Fotoimpressionen)






ES WALZT EIN WUNDER IN DER WABE
Die Premiere des neuen Programms "Wunderwalzer" des musikalischen Enfant terrible Thomas Putensen mit großer und kräftiger Unterstützung seines Beat Ensembles war von einem schrecklichen Sandsturm begleitet. Auf der A 19 tobte dieser und wie schrecklich er wirklich war, wurde mir erst einen Tag später klar. Mag das Konzert teilweise stürmisch gewesen sein, es war auf jeden Fall alles andere als schrecklich. Wer Thomas Putensen als Musiker kennt und nicht nur aus Filmen, der weiß, was auf ihn zukommt. Dennoch ist die Premiere eines neuen Programms immer wieder etwas Besonderes, etwas Einzigartiges. Nicht, dass Thomas Putensens Leben arm an Premieren von neuen Programmen wäre. Ein Ereignis bleibt es allemal. Für diejenigen, die sie aufführen wie auch für diejenigen, die sie erleben dürfen. Der mittlerweile über 25 Jahre alte Veranstaltungsort "Wabe" in Berlin war gut gefüllt, jedoch nicht ausgefüllt. Einige bekannte Gesichter selbst musikalisch Tätiger waren darunter. Doch das ist in Berlin relativ normal bei solchen Anlässen, besonders in der Mitte.

Die CD zum Programm wird zu einem späteren Zeitpunkt erscheinen. Wohl wird auch diese "Wunderwalzer" heißen. Natürlich wird diese dann auch hier besprochen werden. Auch habe ich mich für diesen Anlass bereits zu einem Interview mit Thomas Putensen verabredet, welches wir zeitnah zur CD-Veröffentlichung führen werden. Insofern bleibt den Lesern dieser Plattform keine Information vorenthalten.

Doch nun zum Konzert selbst. Ein Klingelzeichen ertönte und ein Teil des Ensembles betrat unter Beifall die Bühne. Und die Musiker stimmten sich vor dem ersten Titel ein wenig ein, wie man das auch von klassischen Orchestern kennt. Nur etwas kürzer. Und schon erklangen die ersten Walzerklänge auf dem Klavier und der Titel "Wunderwalzer". Eine Ode auf die Geburt eines Kindes und die dafür glücklichste Voraussetzung, die Liebe. Begleitet von Geige, Kontrabass, Gitarre und Schlagzeug. Danach kam weitere Verstärkung hinzu. Zwei Sängerinnen, Kongas und Blasinstrumente.

"Die alte Bude ist geräumt", ein 25 Jahre altes Lied mit einem Text von Ulli Hübner (der auch an diesem Abend anwesend war), geschrieben eben in einer Bude in Berlin, Prenzlauer Berg. Da herrschte früher eine andere Art Leben als heute. Damals war der Prenzlberg ein Viertel der Künstler und verkrachten Existenzen des Ostens. Wenn man heute durch diese Gegend geht, kann man kaum noch etwas davon spüren. Und genau deshalb sind solche alten Titel aus alten Zeiten wichtig. Damit man weiß oder sich daran erinnert, wie es damals war und wie es vielleicht - wären die Umstände andere - heute noch sein könnte. Aber das alte Zeug ist verbrannt. Stück für Stück. Da weht etwas Wehmut durch dieses Lied, hinüber ins Publikum, welches mir an diesem Abend an manchen Stellen etwas zu verhalten erschien. So als würde eine Berliner Band, folgte man einem Klischee, in Mecklenburg-Vorpommern auftreten. Und die Geige geigt uns fröhlich etwas dazu. Der Kongaspieler Johann Putensen ging, um mit einem Saxophon zurückzukehren. Und noch zwei weitere Bläser (Trompete und Posaune) kamen hinzu, so waren es vier. Der Kontrabassist lief zum E-Bass über.

"Kindsgesicht", ein Lied über obdachlose Kinder auf der Suche nach einem Hauch Wärme, geflohen vor menschlicher Kälte dort, wo ein Zuhause hätte sein müssen. "Deine Träume aus billigem Fusel gemacht." Und eine etwas schrille E-Gitarre darübergelegt. Die Suchenden, diese Kinder werden immer mehr und die Plätze immer rarer. Thomas Putensen meinte dazu, dass es auch eine Art Wunder ist, wenn so ein reiches Land wie das unsere so viel Probleme damit hat, für junge Menschen zu sorgen, die auch einfach nur leben wollen.

"Stürme", passend zum Wetter dieses Tages, tobten nun auf uns ein. Stürme, die in unser Leben wehen, in unsere Hoffnungen, in unser Handeln. Und alles auseinander reißen und zerfetzen, so dass nichts mehr so ist wie es gerade eben noch war. Diese Stürme können aus allen möglichen Richtungen kommen "und das Ruder bricht". Manchmal auch von Menschen kommen, denen man am meisten vertraut hat. Vielleicht sind diese die schlimmsten. "Die Reise war geplant ins Gelobte Land" schmetterte der kräftige Zwei-Damen-Chor. Nachdem der Sturm vorüber war, ging das Ensemble von der Bühne und Thomas Putensen spielte alleine, aber nicht verlassen, sein "Schneelied". Ein Klavierstück, still, sanft zuerst, bis der Schnee immer kräftiger zu fallen schien. Auch ein Klavierstück braucht einen Höhepunkt.

Und schon waren geschwind wieder alle Ensemble-Mitglieder auf der Bühne. Ein "Lied vom Walde" kündigte Thomas Putensen an. Und so sang er mit seinen Frauen und Mannen ein lockerleichtes Liedchen über die Leichtfüßigkeit des Seins. Und die Geige schmachtete, wie es sich gehörte. Man stieg, ohne außer Atem zu geraten, denn frische Luft war ja genügend da, singend bergan. Ja, so kann das Leben ruhig laufen. Und wir laufen mühelos mit ihm mit. Das Publikum wurde gerne gezwungen, sich gesanglich zu beteiligen. "Komm lieber Mai" - ein wenig bekannter schon - beendete diesen wunderschönen Waldspaziergang.

Die beiden Backgroundsängerinnen traten in den Vordergrund: Anett Kölpin und Adelind Pallas. Mit dem wunderschönen Titel "Zu Hause ist man da, wo man liebt". Auch ein Titel von der neuen CD und, wie auch bereits die meisten der CD "Broken Heart auf Kaffeefahrt", mit einem Text von Ed Stuhler. Ein Lied über die Heimat der Seele. Wie, für diesen Moment, in diesem Lied.

An der Geige Thomas Braun aus Rostock, den Thomas Putensen an dieser Stelle vorstellte, um auf bestimmte Besonderheiten seiner Musiker aufmerksam zu machen. Denn sie brächten ihn dazu, sich - zumindest im musikalischen Tempo - zu disziplinieren. Außerdem verfügten sie über Noten. Und die Notenblätter von Thomas Braun sind auch noch mit grafisch zu den jeweiligen Titeln passend gestalteten Überschriften versehen. Und dann erzählte er uns, wieder in Gestalt eines neuen Titels, von "Hannas Hochzeit". So langsam wie Thomas Putensen sich vorher bemüßigt sah zu erklären kam er mir gar nicht vor. Es ging um eine etwas schräge Hochzeitsfeier, um Drogen und um Rammstein-Musik. "Und über der ganzen Szene liegt ein Hauch von Knoblauch und Gras."

Nach dieser temporeichen Nummer wieder mal ein Walzer, der "Hoffnungswalzer". Weil man sich ja bereits im Herbst schon auf den nächsten Frühling freuen könnte. Und da walzerten Trompete und Bariton-Saxophon ein völlig schräges aber geiles Duett in die staunende Aprilwelt. Frenetisch szenenapplaudiert. Grölend und musizierend verließ das Ensemble die Bühne und wanderte wie eine Dorfkapelle durch das Publikum. Da walzte ein Wunder in der Wabe. So gelangten wir, beinahe schunkelnd, in die Pause.

Der mich begleitende Fotograf Bernd Enke und einige andere standen, wie viele auch, im Foyer und unterhielten uns, als der Maestro uns gegen 22.30 Uhr wieder in den Saal bat, um uns dort am Klavier zu empfangen. Was er spielte kam mir ein wenig russisch vor. Anfangs, bevor er darüber improvisierte. Ein Wunder wäre es nicht, es läge ja ein wenig in seiner Biographie begründet. "Spanischen Walzer" nannte er es.

Johann Putensen, einer von Thomas Putensens Söhnen (zuvor und danach an den Kongas und am Saxophon) setzte sich nun ans Klavier, das sein Vater für ihn räumte, um stellvertretend die Betreuung der Kongas zu übernehmen. Und Johann Putensen interpretierte den Titel "Türen". Wer dabei war konnte spüren, dass mit ihm ein großartiger Musiker und Sänger auf unserer Türschwelle steht. Wir müssten ihm jetzt nur noch die Türe öffnen. Und sollten es auch. Thomas Braun, den ich bereits mit Dirk Zöllner erlebte, trug das Seine zu diesem Titel bei.

Und wieder stellte sich das gesamte Ensemble ein. Hannes Pistor aus Rostock vertrat an diesem Tag Jörg Nassler an der Gitarre. Das sehr würdig. Die folgende "Ballade vom kleinen Schlumpf" galt gewiss nicht ihm. Der kleine Schlumpf wurde von einem Riesen, womit wohl nicht Thomas Putensen gemeint ist, größer gemacht. Und beide, der Schlumpf und der Riese, waren glücklich. Obwohl das mit der Größe eigentlich gar nichts zu tun hat. Aber kann man das vorher wissen? Die Bläser bewiesen ihre eigene Größe durch die Solis, welche sie bei diesem Titel abfeierten. Wie auch eben Hannes Pistor an der Gitarre. Thomas Braun an der Geige.

Und dann ballerte uns der Titelsong der letzten CD, "Broken Heart auf Kaffeefahrt", entgegen. Was wohl nicht dem anwesenden ja auch etwas in die Jahre gekommenen Hartmut König galt. Die Rentnergang im Reisebus zieht immer noch durch die ostdeutschen Lande bis zum komatösen Rausch und inklusive Schwund an der Pinkelraststätte.

So offerierte Thomas Putensen, er wäre wohl einer, der alles einsammelt, was zurückgeblieben ist. Die nicht gewollte Doppelsinnigkeit provozierte Gelächter. Man sollte es so stehen lassen. Hardy Henning betrat nun die Bühne, der Old Man aus Greifswald, den ich zuvor bereits einmal auf einer Sommerklöne auf Thomas Putensens Hof in Wendorf erleben konnte. Der frühere Hamburger sang denselben Titel wie damals: "Mit Rollschuhn nach Australien", ein eigener Text. Sentimental und kräftig zugleich. Wenn so etwas überhaupt geht. So möchte man selbst alt sein, wenn man mal alt ist. Als Zugabe sang Hardy Henning das "Haus in New Orleans" in der englischen Textvariante. Thomas Putensen sang die deutsche. Mit E-Gitarren-Solo-Perlen von Hannes Pistor angereichert. Und natürlich einem Publikumschor.

Kurz vorm Schluss ein Titel, auf den vermutlich nicht nur ich bereits eine ganze Weile gewartet habe. Den ich sehr mag, seit ich ihn, wie sicher einige andere auch, als mp3 erhalten habe. "Wir ausīm Osten", ein Super-Big-Band-Hit. "Wir sind die Harten aus Erichs Garten". Man kann diesen Titel selbst hören und kostenlos downloaden auf www.thomasputensen.de.
Das Finale durfte das Publikum bestimmen. "Etwas von Manfred Krug" wurde gewünscht. Also gab es etwas von Günther Fischer. Was ja grundsätzlich eine Big-Band-Party ist. Das fühlt sich dann auch schon so an wie Rosen im Winter. Irgendwie ist dieser Titel vom vergessenen Hochzeitstag ja auch zeitlos.

Zur Vorhangordnung verbeugten sich zwölf Menschen. Bevor der Zugaben-Rockīn Roll angestimmt wurde. Am Klavier Johann Putensen. Thomas Putensen und Anett Kölpin sangen im Duett "Es wird mit dir nie langweilig". Das berühmte Thema der Gegensätzlichkeiten in den Wünschen zweier Bestandteile eines Paares. Und langweilig war es ganz und gar nicht an diesem Abend in der "Wabe".

Nach dem Schlussapplaus noch ein "schlimmes Lied" aus der DDR. "Tamara" von MTS, welches ich witzigerweise ein paar Tage zuvor vom Original-Trio in Speiches Musik-Kneipe hören und sehen konnte. Weil Thomas Putensen, bezogen auf diesen Titel, aber nicht das Original ist, war er nicht textsicher. Und somit musste der Gesangspart von einem in dieser Hinsicht besser informierten Herrn aus dem Publikum übernommen werden. Jochen, so hieß er, machte das richtiggehend und überraschend gut. Wo kriegt man schon am Ende eines Konzertes einen Solistenpart mit Big-Band-Begleitung geschenkt? Von da an durfte - theoretisch - jeder alles. Plötzlich war Christine Ebert auf der Bühne, die wir ja bereits vom "Wilden Garten" kennen... und dann... der Abend war noch lange nicht zu Ende. Erst gegen Mitternacht, und das aus organisatorischen Gründen, fiel der Hammer. In diesem Sinne: Sehr sehr gerne - auf ein nächstes Wunder!





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