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NEVIO live im Berliner C-Club am 12. September 2011
Bericht: Tom Morgenstern Fotos: Tom Morgenstern
Normalerweise gilt der Montag nicht unbedingt als Knallertermin für Konzerte jedweder Art. Wenn an einem solchen Montagabend dennoch ca. 300 erwartungsfrohe, zu 95 % weibliche Menschen Einlass in den C-Club in Berlin-Tempelhof verlangen, muss schon ein besonderer Act anstehen. In diesem Falle heißt der Act NEVIO. Nicht unbedingt ein Weltstar, aber doch jemand, der es im Laufe der Jahre geschafft hat, sich ein treues Publikum zu schaffen. Jetzt wird bei vielen das Hirnschmalz rotieren, um herauszufinden, wo man diesen Namen schon mal gehört hat. Es wird nicht lange dauern, und man erinnert sich, dass jener NEVIO 2006 bei dieser unsäglichen abendfüllenden Dauerwerbesendung DSDS den 4. Platz belegte. Aber Stop: es wäre ein großer Fehler, NEVIO jetzt stirnrunzelnd auf das übliche DSDS-Kandidaten-Niveau herab zu stufen. Klar, normalerweise ist die Teilnahme an diesem Castingtheater eine Totgeburt, und man hört nie wieder etwas von den mit großen Illusionen gestarteten jungen Menschen. Für NEVIO jedoch war es eher eine Art Sprungbrett, um sich seine eigene Karriere aufzubauen. Im Nachhinein betrachtet würde ich seinen 4. Platz eher als Segen bezeichnen, denn dadurch entging er vermutlich dem weiteren Einfluss des Poptitanen. Stattdessen widmete sich der 1980 geborene Halbitaliener (die Mutter ist Deutsche, der Vater Italiener) der Aufgabe, eigene Songs zu schreiben. Natürlich half ihm die bei DSDS gewonnene Popularität beim Start in die musikalische Selbstständigkeit. In der Plattenfirma Universal fand er dann auch schnell einen Partner, der ihm seine Freiheit bei der Umsetzung seiner künstlerischen Ideen ließ, und so kam es bereits 2007 zur Veröffentlichung seines sehr erfolgreichen Debütalbums "NEVIO". Hier ragte vor allem das von NEVIO selbst komponierte "Amore per sempre" heraus. Ein Jahr später folgte das Album "Due", und seit Juli 2011 steht sein 3. Album "Berlino" in den Regalen, welches auch der aktuellen Tournee den Namen gab. Ich gebe ohne jede Reue zu, nicht unbedingt ein bekennender NEVIO-Fan zu sein. Aber da ich trotz meiner eigentlichen Vorliebe für Blues und die härteren Rockgefilde stets mit offenen Ohren und Augen durch die Musikwelt spaziere, ist mir natürlich nicht entgangen, dass dieser NEVIO PASSARO inzwischen ein ernstzunehmender Teil in unserer Musiklandschaft geworden ist. Er ist ein solide arbeitender Künstler, der sich seinen Erfolg selbst und hart erarbeitet hat. Solche Typen mag und achte ich, ohne dass ich sie deshalb gleich verehren muss. In jedem Fall machte es mich aber neugierig genug, um mir NEVIO auch mal live anzuschauen. Bevor es jedoch damit losgehen konnte, stand etwas anderes auf dem Plan:
Den Part des Anheizers für NEVIO sollte die Berliner Band LENZ übernehmen. Ihre Musik ist eine Mischung aus verschiedensten Einflüssen. Ein bisschen Indie-Pop, ein bisschen Britpop, sogar ein wenig Beatles klingen durch, vor allem aber erinnern LENZ mit ihrem Sound an COLDPLAY, ohne diese auch nur im Entferntesten zu kopieren. Die oft gezogenen Vergleiche mit den Deutschpop-Helden von VIRGINIA JETZT würde ich dagegen nicht unbedingt unterschreiben. Fakt ist, dass LENZ mit ihrem 2009er Debütalbum "Augen auf und durch" für mächtiges Aufsehen in Deutschland gesorgt haben. Wie ich finde, auch völlig zu Recht. Ihr melodischer, Pianolastiger Sound wirkt erfrischend und bietet einen wunderbaren Teppich für die erstaunlich tiefgehenden Texte. Irgendwie freute ich mich auf LENZ. Umso überraschter war ich, als dann pünktlich um 20:00 Uhr keine komplette Band den Abend eröffnete, sondern ein einzelner Herr, nämlich der LENZ-Leadsänger Richard Putz, die Bühne betrat. Mit der Gitarre um den Hals sang er sich durch das LENZ-Repertoire, welches sowohl aus Titeln des schon erwähnten Debütalbums als auch aus Songs der in diesem Jahr erschienenen, 6 Titel umfassenden EP "Etwas Poesie" bestand. Nun mag man es ja durchaus sympathisch finden, mal den einen oder anderen Song in einer Akustikversion zu hören. Aber ich muss ehrlich sagen, nach dem 3. Titel begann ich mich extrem nach einer Wunschfee zu sehnen, die mir doch bitteschön den Rest der Band auf die Bühne zaubern möge. Richard Putz ist ein sehr sympathischer Typ mit einer unverwechselbaren Stimme, die aber für sich alleine bzw. nur zur Gitarre auf Dauer anstrengend auf den Zuhörer wirkt. Vor allem die etwas getrageneren Midtemponummern zogen sich scheinbar endlos hin. Einzig am Ende des Programms, als mit "Am Ziel vorbei" die für mich beste Nummer der Band ertönte, empfand ich sowas wie ein Glücksgefühl. Nach etwa 40 Minuten wurde Richard Putz vor allem von einigen weiblichen Fans aus den ersten Reihen mit lautem Jubel verabschiedet. Bei mir überwog die Enttäuschung darüber, dass nicht die gesamte Band LENZ auf der Bühne präsent war, so wie es eigentlich auf den Tickets ausgewiesen war. Den Grund dafür kenne ich nicht, aber ich denke, die Band hätte an diesem Abend die große Chance gehabt, sich einem breiteren Publikum zu präsentieren und neue Fans zu gewinnen.
Nach diesem durchwachsenen Start warteten alle ungeduldig auf den Hauptact. Warum diese Wartezeit nun auf eine halbe Stunde gedehnt wurde, erschließt sich mir nicht, denn Umbauten waren auf der Bühne eigentlich nicht notwendig. Um 21.15 Uhr wurde es dann endlich dunkel in der Halle, und unter lautem Gekreische der in vorderster Reihe stehenden weiblichen Teeniefraktion betrat der Bassist Dave Alleckna die Bühne, nach und nach folgten die restlichen Bandmitglieder. Kurz darauf erreichte der Lärmpegel der aufgeregten Fangemeinde einen ersten Höhepunkt, denn endlich kam er: NEVIO. Vom ersten Titel an ging nun die Post ab, vor allem hat mich beeindruckt, wie textsicher die Fans waren. Italienisch ist halt kein Englisch, aber was ein wahrer Fan ist, der lässt sich auch davon nicht abschrecken. Es folgten 2 Stunden voller Power und Dynamik. NEVIO hatte es leicht, denn er wurde getragen von der Begeisterung seiner Anhängerschar. Dennoch ruhte er sich nicht darauf aus, sondern er rackerte was das Zeug hielt. Ich gebe zu, ich war angenehm überrascht von dem, was mir und den (leider nur) 300 Zuschauern im C-Club an diesem Abend geboten wurde. Hört man sich NEVIO's Alben an, klingt zwar alles sehr nett und gefällig, aber doch - zumindest für meine Ohren - irgendwie viel zu glatt gebügelt. Live dagegen kommt alles deutlich lebendiger rüber, wirken die Titel um einiges frischer. Der Drummer Matthias "Matze" Meusel trieb mit seinem unwahrscheinlich kräftig und dynamisch klingendem Schlagzeug die Band unaufhörlich an, Keyboarder Manuel Weber streute immer mal wieder ein Solo auf dem E-Piano in die Titel, mit denen er durchaus auch als Pianist einer Funk- oder Boogieband durchgehen könnte. Und NEVIO selbst? Nun, mir hat die unglaubliche Selbstsicherheit imponiert, mit der er vorne auf der Bühne stand, ständig den Kontakt zu den glücklich wirkenden Fans suchend. Über seine stimmlichen Qualitäten braucht man keine Worte zu verlieren, denn seine Stimme ist einzigartig, man erkennt sie unter Tausenden wieder.
Ich habe aber dennoch etwas vermisst. Ja, der Sound war spitzenmäßig, alles kam glasklar aus den Boxen, der Gesang war wunderbar zu verstehen. Nur fehlte mir einfach mal ein hartes Gitarrenriff als Knallbonbon. Klar, NEVIO und seine Jungs sind keine Rocker, das würde ihre Fans wahrscheinlich auch eher verprellen. Aber alles in allem war es mir bei aller Gefälligkeit der Musik und aller Schönheit der Melodien zu seicht. Doch das soll kein Kritikpunkt sein, sondern nur subjektives Empfinden. Wer auf ein NEVIO-Konzert geht, weiß schließlich, worauf er sich einlässt. So ein bisschen befriedigt wurde mein Rockerherz dann während des Zugabenteils, denn "Hey tu come stai" kam insgesamt wesentlich härter rüber als es auf der CD klingt, selbst die Gitarre von Marc Awounou war endlich mal deutlich zu hören.
Nach einem aus 4 Titeln bestehenden Zugabenblock (u.a. war natürlich sein erster Hit "Amore per sempre" dabei) und 2 Stunden Spielzeit war ein sichtlich geschaffter NEVIO am Ende des Programms angelangt und schickte seine Fans mit den Worten "Ich gehe jetzt nach Hause" ins Bettchen. Die 300 zahlenden Zuschauer haben mit Sicherheit ihr Kommen nicht bereut. Und auch ich muss sagen, es hat mir gefallen. Dieser NEVIO wird zwar vermutlich noch auf Jahre hinaus mit seinem DSDS-Auftritt in Verbindung gebracht werden. Na und? Warum soll er sich dafür schämen? Fakt ist, heute steht ein intelligenter, sympathischer und gereifter junger Mann auf der Bühne, der seinen Weg gefunden hat, der eine Unmenge Fans hinter sich weiß, und der trotz alledem nicht abhebt. Bitte beachtet auch: - off. Homepage von Nevio Passaro: www.nevio.tv - off. Hompage der Gruppe LENZ: www.lenzmusik.de - off. Hompage von Paolo Vallesi: www.vallesi.com
Fotoimpressionen:
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Hauptprogramm: NEVIO ![]() ![]()
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