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"Verdammt, wer hat das Klavier erfunden?" - Konzertlesung mit Thomas Natschinski und Christine Dähn am 17.10.2008 in Woltersdorf Bericht: Hartmut Helms Fotos: Hartmut Helms
Ein altes, historisches Gemäuer inmitten von herbstlicher Farbenpracht. Ich bin in Woltersdorf, im Urstromtal der Nuthe gelandet. Eine Waldidylle wie im Märchen, abgelegen und scheinbar verschlafen. Ausgerechnet hier findet ein Abend mit Thomas Natschinski statt. Das nenne ich mutig! Fast ein Jahr liegt jener einmalige Geburtstagsabend in der Berliner Wabe zurück, dieses emotionale Konzertgeschenk an Thomas Natschinski anläßlich seines 60. Geburtstages. Seither habe ich mit vielen Freunden und Fans auf die Veröffentlichung seiner Biografie gewartet, und als sie dann erschienen war, hab' ich sie verschlungen, wie die von CÄSAR ein Jahr zuvor auch. Natschinski ist Musiker und nicht Schreiber, Redner gleich gar nicht. Das Erarbeiten der Biografie hatte Christine Dähn, die ehemalige DT64-Moderatorin, übernommen und das Erzählen an diesem Abend auch. Sie spricht darüber, wie alles einst begann und wie die Idee für ein Buch im Vorfeld eines runden Geburtstages auf den Weg gebracht wurde. Sie läßt typische Bilder unserer gelebten Vergangenheit entstehen und stellt ihnen ironisch Betrachtungsweisen gegenüber, die unsereins zu einem (zynischen) Grinsen verleiten könnten. In vielen der Episoden erkenne ich mich wieder, und deshalb höre ich kleine Geschichten aus dem Leben des jungen Thomas und sehe dazu die Bilder aus meinem Leben, die dazu passen. Ich sehe mich täglich zwei Stunden lustlos Geige üben, und ich sehe mich vor dem alten Radio sitzen, als Thomas das Mundharmika-Intro von "Love Me Do" der Beatles anspielt. Am Piano erklingen drei Akkorde von Hartmut König und zeitgleich entstehen die Bilder der Singegruppe in meinem Kopf: "Sag mir, wo du stehst".
Thomas hält sich über weite Strecken dezent zurück. Zwischendurch aber bekommt er Raum und Zeit, um mit Perlen aus seinem reichhaltigen Schaffen an längst vergangene Zeiten zu erinnern. Diese kleinen "Anspieltips", wie sie früher im Radio liefen, sind die eigentliche Würze des Abends und bei mir stellen sich wieder dieses "WABE-Gefühl" und der kleine Kloß im Hals ein: "Mokka-Milch-Eisbar", "Berührung", "Clown sein" und als Referenz an die anderen Größen der Szene stellvertretend "Wer die Rose ehrt", der leise Gruß an CÄSAR, "Alt wie ein Baum" und die Erinnerung an Herbert Dreilich mit "Über sieben Brücken mußt du gehn". "Verdammt, wer hat das Klavier erfunden?" - dieser Buchtitel assoziiert Haßliebe! Beim Lesen des Buches denkt man eher nicht daran, aber Christine Dähn gelingt es, diese beiden Seiten des Musikers ab und an durchblitzen zu lassen. Es entsteht das Porträt eines Mannes und Zeitgenossen, eines Freundes, mit dem man viele Erlebnisse und Erfahrungen geteilt hat. Davon erzählen auch die Songs seiner neuen CD, von denen er einige am Piano und mit der Gitarre vorstellt. Momentaufnahmen, die, jede für sich genommen, kleine Einblick in das Leben des Komponisten ermöglichten, wenn man sich auf sie einzulassen bereit ist. Seit dem Abend in der WABE geht mir dieses "Männer weinen nicht" im Kopf umher und das nicht nur dieser erkenntnisreichen Textzeile wegen: "...Scheiße,...". Läßt man Wein lange genug liegen, wird er nicht nur alt, sondern auch reif, vollmundig. Thomas Natschinski war immer aktiv, aber nach 25 Jahren endlich (!) wieder auch live zu erleben. Sicher, die Eisbar-Zeiten sind Geschichte und Songs wie "Berührung" sind Klassiker. Die Stimme von Thomas strahlt Gelassenheit gepaart mit einem Hauch von "Life'n'Blues" aus, kein Alterswerk, sondern gereift, wie der Wein im Herbst. Da braucht es Ruhe, um zu genießen. Abende wie in der Woltersdorfer Walkmühle sind ab und an mein kleines persönliches Deja Vu, treffen mich tief im Herzen und erzeugen Wärme in Zeiten wie diesen, wenn die Natur da draußen und die in mir einen auf Herbst macht. Ich brauche dieses Erinnern, um mich im Heute zurecht zu finden. Dazu gehört MEINE Musik, die mich all die Jahre begleitet hat, die von den Beatles ebenso wie die von Thomas Natschinski. Ich hab's ihm und Christine gesagt und beide haben gelächelt... Foto Impressionen: ![]() ![]()
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