Gianna Nannini live in Berlin am 18. Juli 2011



Bericht:
Torsten Meyer

Fotos:
Torsten Meyer





Aus dem schönen Italien kommt seit unendlichen Zeiten jede Menge schöne, gute, manchmal sogar qualitativ hochwertige Musik aller Art. So verzauberte Giacomo Puccini Anfang des letzten Jahrhunderts das Volk mit seinen Opern, später brachten dann solche klangvollen Namen wie Vico Torriani, Rocco Granata oder Rita Pavone unsere Eltern und Großeltern mit ihren Schlagern zum Träumen. Den letzten grenzüberschreitenden Volltreffer landeten unsere italienischen Freunde in den 80er Jahren mit den sogenannten Italo-Disco-Hits, die in schier endloser Menge produziert und bis zur Grenze des Erträglichen auf das restliche Europa losgelassen wurden. Es wäre jedoch unfair, die Musiker dieser Dekade unerwähnt zu lassen, die sich eben nicht dem Italo-Disco-Matsch unterwarfen, deren Popularität und Erfolg aber dennoch über Po und Tiber hinaus reichte. In diese Kategorie gehört u.a. eine energiegeladene Lady, die seit 1956 auf den klangvollen Namen GIANNA NANNINI hört. Ihr Stern begann Anfang der 80er Jahre auch in deutschen Landen zu leuchten. Meine erste Begegnung mit ihrer Musik war 1982 "Latin lover", und natürlich das einzigartige "Bello e impossibile". Im Laufe der Jahre wurde es allerdings sehr still um GIANNA NANNINI, was aber nicht daran lag, dass sie etwa die Musik aufgegeben hätte. Nein, es fehlten irgendwie die großen Hits, und schon ist man aus der Öffentlichkeit verschwunden. Die Radiostationen brauchen Einschaltquoten, weshalb man natürlich lieber die Chartstürmer dudelt, welche Qualität auch immer dahinter stecken mag.

In Deutschland machte GIANNA NANNINI erst 2010 wieder Schlagzeilen, aber nicht etwa mit ihrer Musik, sondern durch ihre sehr medienwirksam bekannt gegebene Schwangerschaft im Alter von 54 Jahren. Immerhin war ihr Name damit aus der Versenkung geholt, und man konnte diese neu erworbene Aufmerksamkeit der Medien wunderbar für die Vermarktung ihres aktuellen Albums "IO E TE" nutzen. Der Zweck heiligt die Mittel, wie man so schön sagt. Seit April 2011 geht GIANNA NANNINI nun mit dem Album auf Europatournee und kommt im Rahmen dessen auch zu 6 Auftritten nach Deutschland (Termine siehe Abbildung links).

Für ihr Konzert in Berlin wurde zu meiner Freude die Columbiahalle gebucht. Diese direkt gegenüber dem Flughafen Tempelhof gelegene, ehemalige Sporthalle der US-Alliierten, ist seit 1998 zur Eventhalle umfunktioniert worden. Mein erster Gig in dieser Halle war ein Konzert von BLÜMCHEN (kennt die noch jemand?) - natürlich nur als Begleitschutz für meine Tochter. Ich habe seitdem dort viele Auftritte erleben dürfen und bin immer wieder sehr gerne vor Ort, weil die Akustik erstklassig ist, die Halle nicht überdimensioniert wirkt und man dadurch sehr dicht dran ist an den Akteuren auf der Bühne. Für GIANNA NANNINI am gestrigen Abend hielt man den Oberrang geschlossen, vermutlich wegen der mangelnden Kartennachfrage. So gab es denn auch noch jede Menge Karten an der Abendkasse zu kaufen. Allerdings war die Halle letztendlich dann doch sehr gut gefüllt.

Das Konzert begann wieder einmal mit einer unerklärlichen halbstündigen Verspätung. Die Fans begannen unruhig zu werden, erste Pfiffe waren zu hören, weshalb man sich dann wohl endlich entschloss, es dunkel werden zu lassen und die Show zu starten. GIANNA NANNINI gelang es, durch ihr sehr natürlich wirkendes Auftreten vom ersten Takt an das Publikum mitzunehmen. Sie stand zumeist ganz vorne am Bühnenrand bzw. am kleinen Steg, der in den Saal hineinragte, suchte ständig den Blickkontakt mit ihren Fans und forderte diese zum Mitsingen auf. Das war allerdings gar nicht nötig, weil unglaublich viele Zuschauer unwahrscheinlich textsicher waren. Vermutlich waren sehr viele Italiener anwesend, denn ich glaube kaum, dass unter uns Einheimischen jemand fast jeden GIANNA NANNINI-Song komplett mitsingen kann. Neben mir standen beispielsweise drei junggebliebene Damen, die mir vom ersten bis zum letzten Titel in einer unglaublichen Lautstärke die Texte ins rechte Ohr sangen, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Das Programm bestand natürlich, dem Titel der Tour entsprechend, zu einem Großteil aus Songs ihres aktuellen "Io e Te"-Albums. Wer diese CD nicht kennt, war vermutlich sehr angenehm überrascht, was für Perlen dieses Album bietet. Fast alles wurde gespielt, vom einfach schön klingenden, leicht funkig angehauchten "Perchè" über das mich irgendwie an Coldplay erinnernde "Perfetto", das rockig stapfende "Mi ami", das sehr melodische Midtempostück "Ogni tanto" bis hin zu der traumhaften Ballade "Dimentica". Warum nun allerdings das ebenfalls gespielte, balladenhafte "I wanna die for you" einen englischen Titelnamen trägt, weiß wohl nur GIANNA NANNINI allein. Diese neue CD jedenfalls begeistert live noch deutlich mehr als im CD-Player. Die Songs klingen frisch und erinnern endlich wieder an die "alte" GIANNA NANNINI aus den Jahren ihrer größten Erfolge. Soll heißen, weg von den Experimenten in Richtung Elektroniksound oder klassisch angehauchten Interpretationen, sondern wieder hin zu Rockmusik, zu gitarrenorienten Klängen, die natürlich auch viel eher zu ihrer einmaligen Stimme passen. Besonders gut kommen dann natürlich live solle Knallernummern wie "Rock 2", das wie eine Fortsetzung von "Latin lover" klingt, nur noch viel rockiger. Als besonderen Gag nahm ich die ebenfalls auf dem "Io e te"-Album befindliche Neufassung des altbekannten und wohl schon hundertfach gecoverten Italo-Klassikers "Volare". Manch einer empfand diese Version als unnötig, mir hingegen gefiel diese in ein derbes Rock-Reggae-Gewand gepackte Fassung von GIANNA NANNINI prächtig. Überflüssig zu erwähnen, dass der Saal bei diesem Titel abging wie eine Familienpackung Zäpfchen und ich am liebsten im Takt bis an die Saaldecke gehüpft wäre.

GIANNA NANNINI hat inzwischen 55 Mal Geburtstag gehabt. Man mag es wirklich nicht glauben, wenn man dieses Energiebündel auf der Bühne stehen sieht. Sie zelebrierte jeden einzelnen Song, warf sich quasi mit ganzem Körpereinsatz ins Geschehen, gönnte sich keine Atempause, zwischen den Songs gab es lediglich mal einen Schluck Wasser oder auch mal ein Gläschen Weißwein. Bereits nach 20 Minuten sah sie völlig verschwitzt aus, was aber bei ihren Bewegungsabläufen überhaupt keine Überraschung war. Der arme Bühnenarbeiter im Hintergrund musste mehrfach auf die Bühne eilen, um den Mikrofonständer aufzuheben, den sie im Affekt immer wieder umwarf. Einige Male sah es aus, als wolle sie mit eben diesem Ständer Wurfübungen vollziehen, aber glücklicherweise kam es dann doch nicht dazu. Es machte einen Riesenspaß, der Frau zuzusehen. Keine Spur von Tourmüdigkeit, nichts wirkte lustlos, auch die Band hatte sichtbare Freude, was vermutlich auch an dem großartig mitfeiernden Berliner Publikum lag. Überrascht hat mich, dass GIANNA NANNINI, die übrigens ein abgeschlossenes Studium der Literaturwissenschaften vorweisen kann, noch andere Fähigkeiten als ihre glänzende Stimme aufzuweisen hat, denn sie griff im Laufe des Abends mehrfach zur Violine.


Frau Nannini für Zuhause:
Das aktuelle Album "Io E Te"

Natürlich beschränkte sich die gestrige Titelliste nicht nur auf die erwähnte neue CD, sondern es wurden auch jede Menge ältere Nummern gespielt. GIANNA NANNINIS Vorbild war und ist Janis Joplin, was beim Vergleich der Stimmen dieser beiden Rockamazonen durchaus nachvollzogen werden kann. Bereits auf ihrem Album "California" aus dem Jahr 1979 coverte sie deshalb den Überhit "Me and Bobby McGee". Gestern Abend durften wir uns auch live davon überzeugen, dass GIANNA NANNINI völlig zurecht diese Hymne interpretiert - für mich ein Highlight des Abends. Ein zweiter Höhepunkt kam in Gestalt von "I maschi", ebenfalls ein Uralthit aus den 80er Jahren. Zwar klingt diese Nummer im Original fast schon schlagerhaft, aber GIANNA NANNINI versteht es, mit ihrer Reibeisenstimme den kitschigen Ansatz zu vertreiben. Viele weitere NANNINI-Hits wurden ins Programm gemischt und oftmals neu, weil zeitgemäßer arrangiert, so z.B. "Contaminata" (in der gestrigen Fassung richtig klasse!), "Profumo", "Sei nellŽanima", "Scandalo" oder auch "America". Natürlich fehlten auch "Fotoromanza" und "Bello e impossibile" nicht. Riesig gefreut habe ich mich über die erste Zugabe, da knallte nämlich "Primadonna" aus den Boxen. Eine super Rocknummer vom "Latin Lover"-Album (1982), die die Stimmung nochmal richtig anheizte und GIANNA NANNINIS Stimmbänder richtig forderte. Mit dem wunderschönen "Meravigliosa creatura" fand ein toller Konzertabend nach 2 Zugabenblöcken dann ein würdiges Ende.

Mich hat das Konzert von GIANNA NANNINI voll und ganz überzeugt. Ich war schon immer der Meinung, niemand erfindet so schöne Melodien wie die Italiener. Gestern Abend wurde ich in meiner Meinung bestätigt. Auch wenn man der Sprache selbst nicht hundertprozentig mächtig ist, begeistert einen der Klang dieser Sprache unendlich. Man träumt hinterher automatisch italienisch - Noch dazu, wenn man es von einer so phantastischen Stimme wie der von GIANNA NANNINI um die Ohren gehauen bekommt. Die Frau kann es immer noch, sie beherrscht die Bühne absolut, hat Spaß an ihrer Musik, reißt das Publikum ohne Mühe mit, bezieht es mit in die Show ein. Normalerweise freue ich mich auf Konzerten wie ein Kind über Gitarren- und Schlagzeugsolos. All das gab es gestern nicht, aber ich habe es auch überhaupt nicht vermisst. GIANNA NANNINI war die Hauptperson, die Band stand im Hintergrund, war zu ihrer Unterstützung da. Ihre Reibeisenstimme dominierte das Konzert, verwandelte sich mal in eine Rockröhre, dann wieder in eine sanfte Schmusekatze. Und immer wieder lächelte und scherzte GIANNA mit den Zuschauern, von Stargehabe keine Spur. Es war einfach schön. Die prima Titelauswahl aus alten und neuen, rockigen und soften Nummern passte wunderbar und tat ein übriges zum positiven Gesamteindruck.

Doch wo Licht ist... na ihr wisst schon. Zwei Dinge haben mich dann doch ein bisschen verärgert. Zum einen der schon erwähnte verspätete Beginn. Diese Unsitte greift immer mehr um sich und trifft nicht nur bei mir zunehmend auf Widerstand. Der zweite Punkt: nach 70 Minuten war der offizielle Teil des Konzertes beendet! Okay, es gab noch 2 Zugabenblöcke, und mit ganz viel gutem Willen waren dann am Ende 95 Minuten um. Aber irgendwie fühle ich mich schon etwas verschaukelt. Natürlich steht auf den Tickets nirgendwo drauf, dass ein Konzert mindestens 90 Minuten plus Zugaben zu dauern hat, aber man erwartet es einfach.
Ich hoffe nun innigst, dass GIANNA NANNINI ganz schnell neues Songmaterial anbietet und werde bei der nächsten Tour, auf der die Konzerte dann hoffentlich etwas länger dauern, auf jeden Fall dabei sein. Vielleicht wird es dann auch mal möglich sein, eine Fotoakkreditierung zu erhalten...




Fotoimpressionen: