Bericht:
Bernd Enke

Fotos:
Bernd Enke






Das Beste am Norden
Es hat immer etwas Schönes, wenn Künstler während der Konzerte etwas über sich erzählen, etwas, was sie uns näher bringt, uns als Publikum das Gefühl gibt, wir dürfen nicht nur an ihrer wunderbaren Kunst, sondern auch etwas an ihrem Leben teilhaben. Nicht zu viel, aber so, dass sich das, was sie tun und warum sie es tun ein wenig mehr erklärt. So bekommen dann die Lieder, die sie darbieten, einen wiederum eigenen Charakter. Man kann tiefer in sie eintauchen, sich identifizieren oder auch mal distanzieren. Man ist dabei. Und wenn es die kleine Geschichte des Wahl-Bodstedter Künstlerpaares Dunja Averdung und Jörg Nassler ist, dass für sie das Beste am NDR die Werbung für den eigenen Sender ist: "Das Beste am Norden". Das Beste am Norden war für mich jedoch am Donnerstagabend des 17.3. das Duo aus besagtem Paar, welches sich "Liaisong" nennt.


Dunja Averdung

An diesem Abend luden sie das interessierte Berliner Publikum zur Aufführung ihres neuen Liederprogramms "Draußen auf dem Meer" ein und damit zu einer musikalischen Reise. Im Berliner Klub "Zimmer 16" gab es die Gelegenheit, diese kleine Kreuzfahrt zu buchen. Wie ich aus solchen sozialen Netzwerken wie myspace weiss, eine Buchung, die nicht alle Interessierten vornehmen konnten. Der Donnerstagabend kann ja mal vielleicht bei einem nächsten Mal ein Freitag- oder Samstagabend sein, damit auch andere die Gelegenheit haben könnten, mit diesen tollen Künstlern und ihren wunderschönen Darbietungen auf eine ganz spezielle Reise zu gehen. Doch der Tourplan ist voll und es ist jedem anzuraten, sich nach Plakaten der beiden in ihrer Gegend umzuschauen oder auf Jörg Nasslers Homepage zu gehen, um sich dort nach Auftritten zu erkundigen. Die beiden Wahl-Norddeutschen treten fast in allen Gegenden dieses Landes auf.

Folgte man der Aufforderung von Olaf Stellmäckes Titel, "Kommt rein", von Jörg Nassler als Entree gespielt auf der Gitarre, von ihm und Dunja im Duett gesungen, war man auch gleich mittendrin in einer dichten Abfolge intensiver Bilder und Stimmungen. Diese Intensität hielt das gesamte Konzert über an. Eine Einladung, die bis ins Herz greifen sollte, nicht gleich sofort, man ist ja erst einmal beim Sicheinlassen, doch schon nach einer kleinen Weile nur.

Der erste neue eigene Titel aus dem Programm, "Sommernachtstraum", erinnerte die beiden an die Erlebnisse bei Thomas Putensens berühmt-berüchtigter Sommerklöne in Wendorf. Einmal im Jahr lädt der Meister der funkensprühenden Live-Musik MusikerInnen und an deren Schaffen Interessierte auf seinen Hof ein, um eine sehr innige und immer wieder überraschende Sommerparty zu feiern. In diesem Titel von Jörg Nassler (Komposition) und Andreas Hähle (Text) spürte man förmlich die ausgelassene Stimmung dieses bunten Kreises. Für die Beiden war eine dieser Sommerklönen von besonderer Bedeutung, da sie vor über zwei Jahren den Texter Andreas Hähle dort kennenlernten, woraus sich eine sehr intensive Zusammenarbeit entwickelte, deren Früchte wir nun in Berlin erstmalig an diesem Konzertabend geniessen durften.

"Stiller Geniesser" war der Titel des nächsten Liedes, was die beiden zu einer sehr witzigen Diskussion über das Thema "One Night Stand" verleitete, das Thema dieses Titels, aber doch auch auf eine sehr mitfühlende und musikalisch schöne Weise verarbeitet. Dunja Averdung kündigte Liebeslieder für diesen Abend an und doch waren es, wie dieser, Liebeslieder der ganz besonderen Art. Nichts wurde langweilig, nichts hat man zweimal gehört, keine Geschichte wiederholte sich. So vielfältig und facettenreich die Liebe sein kann, so vielfältig hat "Liaisong" dies in ihrem Programm bearbeitet. Ein ähnliches Phänomen bei Texten von Andreas Hähle konnten ja auch die Einen und Anderen bei der Band UNBEKANNT VERZOGEN feststellen. Aber ich muss dem Hähle, der an diesem Abend anwesend war und mit dem zu reden ich längere Zeit die Gelegenheit hatte, recht geben, dass auch die besten und schönsten Texte wohl nix taugen mögen, wenn die musikalische Bearbeitung ihnen nicht entspräche (oder umgekehrt, wie er anfügte). So war spätestens nach dem zweiten Titel klar, dass hier ein sehr gutes Team sehr gute Lieder schuf, welche durch den unglaublich intensiven und tief ins Herz greifenden Gesang von Dunja Averdung den Feinschliff zu einem Diamanten erhielten. Dass nicht nur für das Duo "Liaisong" derartige Arbeiten textlicher Art weiter angedacht sind, ist ja einigen bereits bekannt. So wies ein kurzes Gespräch zwischen dem Texter Andreas Hähle und der Sängerin Anett Kölpin inhaltlich, von ferne (ich geb es zu) neugierig belauscht, in eine andere interessante künftige Zusammenarbeit. Aber bleiben wir bei diesem gegenwärtigen Abend, dem gegenwärtigem Programm und den mir nahe gewordenen gewärtigen Liedern des Duos "Liaisong".


Texter & "Mugge"-Kollege Andreas Hähle

Den weiteren Verlauf der musikalischen Reise konnte das Publikum selbst mitbestimmen. Im Wechsel mit den Liedern von Dunja bot Jörg seine Gitarrensoli, geschrieben und inspiriert auf vielen Reisen, dem Publikum zur Auswahl an. An diesem Abend ging die Tour durch Marokko ("42Grad") und später zum Bodstedter Bodden im Mondlicht ("Moonlight"). "42Grad" (auf der CD "Stabile Saitenlage" zu finden) gehört zu meinen absoluten Lieblingsliedern von Jörg Nassler.
Was Jörg aus seinen vier Gitarren herausholt, das schöpft Dunja mit ihrer gewaltigen Stimme. Sie zeigt dabei eine unheimlich starke Bühnenpräsenz mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit. Von Jörg gab es als Entschuldigung gratis noch eine überzeugende Argumentation, warum es mit weniger Gitarren schlecht geht. Jede Gitarre hat einen eigenen Klang und eigene Besaitung. Seit seinem Ende Februar gefeierten 50. Geburtstag hat er nun eine vierte Gitarre. Und es war Liebe auf den ersten Griff.

Mir fiel auf, daß dies bereits mein fünftes Konzert innerhalb nicht mal eines Jahres mit den beiden war. Im April vorigen Jahres an der gleichen Stelle das erste von mir erlebte gemeinsame Programm mit noch nur wenigen eigenen Liedern. Stark in Erinnerung die Lieder auf der oben erwähnten Sommerklöne. Herausragend ihr Auftritt mit der Liebes-Bande, einem musikalischen Programm von vier Musiker-Pärchen (u.a. dabei Scarlett OŽ & Jürgen Ehle). Nach einem Weihnachtsprogramm mit gar nicht so christlichen Festliedern nun das neue Programm wieder hier im Berliner "Zimmer 16". Nun aber mit hauptsächlich eigenen Liedern, getextet von Andreas Hähle und komponiert von Jörg Nassler. Man spürte sofort, dass es sich um maßgeschneidertes Liedgut handelt - mit Herzblut und Witz und Leidenschaft vorgetragen, So politische unschmalzige Liebeslieder, so erwachsene Kinderlieder, so aufrüttelnde Schlaflieder - alles aus dem prallen Leben gegriffen.

Und Dunja beherrscht die leisen und die lauten Töne - der Zuhörer wird mitgerissen auf dieser Reise. Angenehm auch die jederzeit zu spürende Vertrautheit zwischen den beiden Künstlern. Sie steuern das Traumschiff sicher übers Meer. Schön auch, daß Altbewährtes aus dem letztjährigen Programm wieder Eingang gefunden hat. So auch der titelgebende Song nach einer Melodie von Reinhard Fißler, ebenfalls mit einem Text von Andreas Hähle "Draußen auf dem Meer". Und natürlich "Der Kuss". Seltsam, hätte man denken können, wie kann man einen Titel lang einen Kuss beschreiben? Aber hier geht es um das Tänzeln genau vor diesem ersten Kuss, ganz nahe an allen frisch verliebten Seelen und vollkommen hollywoodfrei.

Wunderschöne Texte anderer Autoren gaben sie uns auch noch zum Besten. Einen alten Schlager, den Dunja aus ihren Kindheitserinnerungen hervorgekramt hat, als sie ihren Eltern bei der Hausmusik heimlich zulauschte. "Mir ist ein Winter widerfahren" von Gisela Steineckert und "Leise zieht durch mein Gemüt" vom Dichterkönig Heinrich Heine.

Die Zugaben waren ein Feuerwerk aus ihrem bisherigen Vortrags-Schaffen und machten Lust auf mehr, doch irgendwann gehen auch die besten Abende zu Ende. Ich hoffe sehr, ich darf sie bald wieder erleben und lege sie allen anderen Menschen ans Herz. Jörg Nassler versprach, die Nassler/Hähle-Titel mit dem Gesang von Dunja und ihm demnächst auf eine CD zu pressen und der Allgemeinheit zum Verkauf anzubieten. Ich wünsche mir sehr, solche Titel wie das unheimlich anrührende "Lieber Gott" (dies jedoch auf die Melodie eines marokkanischen Kinderliedes getextet), das höchst politische Liebeslied "Macht Geld & Wahnsinn" oder das wirklich witzige "Niemand geht mehr zu Fuss" ("sollen die andern rad fahren oder benz, wir gehen weiter zu fuss und haben keine konkurrenz") und viele weitere an diesem Abend noch ungehörte neue Werke werden dann auch noch so herrlich lebendig wirken wie an diesem Abend.





Fotoimpressionen:
















Duo trifft Texter (v.l.n.r. Jörg Nassler, Andreas Hähle und Dunja Averdung)