Bericht: Gundolf Zimmermann
Fotos: Petra Heinzel, Gundolf Zimmermann





In letzter Zeit war ich ziemlich häufig zu Konzerten in Berlin. Manche Leute haben mir deshalb schon Spaßeshalber vorgeschlagen, dass ich mir in der Hauptstadt einen Zweitwohnsitz suchen soll. Nun ja, Berlin liegt für uns mit ca. 230 Kilometer Entfernung wirklich nicht gerade um die Ecke, und so ein Berlin-Trip schlaucht auch ganz schön. Aber was will man machen, in der Millionenstadt an der Spree gibt es nun mal unzählige Konzerthallen, Clubs und Kleinkunstbühnen, die mit wunderbaren Künstlern und Veranstaltungen aufwarten.
Am vergangenen Sonnabend fuhren Lissi und ich also wieder auf altbekannten Wegen der Hauptstadt entgegen. Bei einem kurzen Zwischenhalt in der sächsischen Landeshauptstadt stieg unsere Freundin Mary noch zu. Unsere kleine Reisegruppe war jetzt komplett und gemütlich fuhren wir der Hauptstadt entgegen. Lissi behauptete irgendwann unterwegs, dass sie bald jeden Baum an der Strecke kenne und ich glaubte ihr das fast. Bis zur Stadtgrenze von Berlin ging es also problemlos. Doch nun sollte es spannend werden, denn der heutige Veranstaltungsort war uns bis dato unbekannt. Es handelte sich hierbei um einen kleinen Laden in der Yorckstraße, der vom Verein Kollage e.V. betrieben wird. Unsere Navigation hatte mit der eingegebenen Hausnummer jedenfalls ein paar Probleme. Wie sich später herausstellte, verfehlten wir (bzw. unser Navigationssystem) das angepeilte Ziel zuerst um ca. 400 Meter. Doch wir gaben natürlich nicht auf und verliessen uns jetzt auf unsern Spürsinn und unsere Augen. Die Stimme des Navi schwieg von nun an beleidigt;-). Wenig später entdeckten wir dann das Reiseziel und fanden in der Nähe auch einen Parkplatz. Dann fielen wir drei Sachsen in geballter Form in den kleinen Musentempel ein. Von der ersten Minute an fühlten wir uns in dem Laden wohl. Das lag natürlich auch daran, dass wir gleich von unseren lieben Freunden, Tina und Akim aus Osnabrück sowie Miri und Manfred von der Berliner Band Lautmaler begrüßt wurden.
Nach dem Soundcheck stieg bei den Musikern die Spannung, denn noch war nur eine Handvoll Gäste gekommen. Doch um 21.00 Uhr war der Laden ziemlich gut gefüllt und nun begann endlich der musikalische Teil des Abends. Den Anfang machten Miriam "Miri" Bohse, Manfred Gruber und Olaf Grabow von der Berliner Band Lautmaler. Miri stimmte mit ein paar Worten auf den Abend ein und begrüßte die Künstler, welche aus Niedersachsen, Bayern und Berlin kamen. Auch für uns angereisten Sachsen fand sie nette Willkommensworte. Dann entführten uns die Lautmaler in ihre Klangwelt. Die Musik der Berliner und ihre Texte verleiten den geneigten Zuhörer zum Träumen. Mit zwei Akustikgitarren und dem zeitweiligen Einsatz von Flöten, Maultrommeln und Percussion zaubern die drei Künstler wunderbare, zum Teil melancholische Melodien, die man nicht wieder missen möchte. Das erste Lied widmeten sie ihrer Stadt und ich fand, dass das Lied ein wenig an irische Musik erinnerte... Dann wurde es mit dem Lied "Ganges" orientalisch. Mit dem Titel "Blickfang" ging es weiter. Olaf bemerkte anschließend humorvoll trocken, dass wir eben eine Turbo-Blickfang-Version gehört hätten. Dann griff er zur Maultrommel und die Lautmaler ließen den "Geist der Vergangenheit" auferstehen. Da einige Gäste das Lied nicht kannten, wollten sie mehrmals zu zeitig ihren Beifall bekunden, was Olaf dann liebevoll mit den Worten "Merkt euch die Länge des Stückes" und "jetzt dürft ihr klatschen" kommentierte. Mit dem "Luftschloss" verabschiedeten sich die Lautmaler strahlend von der Bühne.


(Die Lokalität in der Berliner Yorckstraße, betrieben vom Verein Kollage e.V.)


Nach einer kurzen Pause stand der Osnabrücker Liedermacher Akim Jensch mit seiner Takamine-Gitarre am Mikrofon und im Reisegepäck hatte er einige Lieder mit. Zuerst entführte er uns in das "Allerweltscafe". In diesem Lied schilderte er uns musikalisch seine Beobachtungen und beschrieb die Gäste, die in solch einer Lokalität bei einer Tasse Kaffee oder Tee sitzen. Ganz klar, ich mag den Akim und seine Gedankenwelt an der er uns mit seinen Liedern teilhaben läßt. Mittlerweile zähle ich ihn zu meinen Freunden und bin froh darüber und sehr dankbar, dass sich unsere Lebenswege gekreuzt haben. Mit "Doch es gibt mehr" und "Fragen" ging es weiter. Wie immer bei seinen Auftritten war ich fasziniert von Akims Gedanken, seinem Herzblut und seiner musikalischen Leidenschaft. Dann sagte Akim, dass er seine Wurzeln väterlicherseits im thüringischen Arnstadt hat, und dass dieses Lied von seiner Suche nach seinen Wurzeln handelt. In dem Lied "Mein Herz für den Osten" erzählt er unter anderem, wie er bereits 1986 versuchte Freunde in der Heimat seines Vaters zu finden. Was damals nicht funktionierte, gelang ihm fast drei Jahrzehnte später. Wörtlich sagte er dazu noch, "da hat ein Stück Heilung stattgefunden, ich habe endlich gefunden, was ich lange vermisst habe." Insofern ist Akims Lied auch ein Liebeslied für seine Freunde in Hoyerswerda, Oschersleben oder Berlin. Dann erfüllte Akim uns einen Wunsch und bat seine Frau Tina zum gemeinsamen Singen auf die Bühne. Tinas Auftritt war eigentlich erst für den nächsten Tag im "Sandmann" geplant. Kurz erzählten uns die beiden, dass das folgende Lied "Wo kann ich suchen" während einer Autofahrt mit ihren Kindern Wiebke und Tim entstanden ist. Der Titel kam ganz hervorragend bei mir und den vielen Gästen an. "Sklaven des Geldes" leitete Akim dann mit den verschmitzten Worten "ein Lied für alle geldgeilen Leute und Banker, und das sind hier heute bestimmt fast alle" ein. Mit dem Titelsong seines im März erscheinenden Soloalbums "Meine Reise" beendete Akim eigentlich viel zu früh seinen Auftritt. Anzumerken ist noch, dass sich alle an diesem Abend von ihm gespielten Lieder, bis auf sein Duett mit Tina, auf seiner neuen Scheibe wiederfinden.

(Das Programm lud schon
von draußen ein)

Der nächste Künstler stellte sich als dritte Vorband des Abends für Jack Lemon vor. Es handelte sich hierbei um Helmut Jenne aus Schliersee in Bayern. Der Mann ist liebenswert schlitzohrig und hat Entertainer-Qualitäten. Das wurde auch an den Worten, "Sehr freundlich, der erste Applaus seit Jahren" deutlich. Hinzu kommt, dass er in bayerischer Mundart singt. Helmut ist ein Liedermacher, der uns auch viel zu sagen hat, und dabei auch noch durchaus humorvoll sein kann. "Es gibt 1000 Dinge, zwischen Himmel und Erde" und "Mir san alle, alle gleich" (bei dem Manfred Gruber von den Lautmalern als Verstärkung Gitarre spielt) waren die ersten Botschaften, die uns Helmut Jenne vermittelte. Dann kam mit "Rettet die Banken" ein richtig bissiges Lied zur aktuellen Finanzkrise. Der Text war ganz nach meinem Geschmack. Spätestens da hatte mich der Oberbayer gefangen. Dann kam wieder eine ironische Ansage: "Jetzt kommt ein ernstes Thema. Ich würde emfehlen die Taschentücher rauszuholen". "Sterne enstehen und Sterne verglühen" war das nun folgende Stück. Dann wurden zwar nicht die Fischerchöre ins Leben gerufen, aber das Publikum bekam bei "Achtung ducken 15 Muggen" mächtig was zu tun. Mitsingen war angesagt, und das auch noch in Bayrisch. Nach ein paar versuchen klappte das dann auch ganz gut und alle hatten Spaß dran. Selbst eine namentlich bekannte Berlinerin im Trixi G-Shirt konnte sich dem nicht entziehen, denn Helmut Jenne sprach sie mit den Worten "He Trixi, was ist los" an und wenig später konnte ich auch ihre Stimme deutlich hören. Dann holte sich Jenne seinen Landsmann Artur auf die Bühne und gemeinsam spielten sie auf ihren Klampfen ein Instrumentalstück. "Rettet Bruno" war dem in Bayern erschossenen Braunbären gewidmet. Mit "Helft's mir, i hab mein Weg verlorn" gab es dann noch einen sehr nachdenklichen Titel. Helmut Jenne schaffte mit seinem Programm in Berlin den Spagat zwischen Nonsens und Ernsthaftigkeit. Der Wechsel zwischen Stimmungsmusik und Nachdenklichkeit hat mir gut gefallen. Mit "Heit gemma nimma hoam, weils uns da so guat gefeit" brachte der sympathische Bayer dann noch einmal Leben in die Bude.
Der letzte Künstler des Abends nannte sich Jean Lemon und kam aus Berlin-Neuköln. Sein erstes Lied hieß "Scheiß Zitronentee" und die Melodie dazu kam von Fools Gardens Hit "Lemon tree". Der junge Berliner konnte aber nach eigenen Worten auch Rock'n Roll spielen und hatte, wie die Lautmaler am Anfang des Abends, ein Lied mit dem Titel "Ganges" im Programm. Jean Lemon spielte dann auch, weil nach 6 oder 7 Wochen endlich wieder die Sonne in Berlin gescheint hat den "Sunshine-Reggae". Mit "Wenigstens halbwegs" ging es weiter. Kurzweilig war das allemal, was uns Jean Lemon bot. "Wir sind die Fans der Dekadenz" war für mich so das Highlight von ihm. Auch das Lied "Einbahnstraße" habe ich noch in Erinnerung. Dieses Lied hatte ein Freund des Künstlers für sich selbst geschrieben und Jean fand es so gut, dass es ganz einfach auf eine Bühne gehört. "Die Fabel vom Frosch" und "Kuba" waren die letzten Lieder des langen Abends.
Es war inzwischen ja auch schon weit nach Mitternacht. Anschließend war noch ausgiebig Zeit zu plaudern. Der Abschied von unseren lieben Freunden fiel uns später etwas schwer, aber irgendwann gibt es ja ein Wiedersehen, und bis dahin gibt es die modernen Kommunikationsmittel zum Kontakt halten.






Foto Impressionen:



Auftritt "Lautmaler":































Auftritt "Akim Jensch":






























Auftritt "Helmut Jenne":































Auftritt "Jean Lemon":

























Das Geschehen am Rande und danach:


(Ein fleißiger Schreiber macht sich viele Notizen)



(Akim und Tina)



(Helmut Jenne und die Mugge-Petra)



(Akim Jensch und Helmut Jenne tauschen die Kopfbedeckung)



(Tina, Alfons und Akim)



(Ein Treffen von Freunden: Lissi, Mary und Gundolf mit Akim + Tina)