Kajagoogoo live am 12.11.2008 in Hamburg



Bericht: Holger Stürenburg
Fotos: Ute Brüning




Es war Sonntag, der 10. Juni 1984, der 18. Hochzeitstag der Eltern des Verfassers dieser Zeilen; zwei Jahre zuvor hatte die legendäre Großdemonstration der sog. „Friedensbewegung“ gegen die Durchsetzung des NATO-Doppelbeschlusses im Bonner Hofgarten stattgefunden. Klein-Holger, kaum 13 Jahre alt, besuchte an jenem 10. Juni 1984 das allererste Open-Air-Konzert seines Lebens im Hamburger Stadtpark. Angesagt hatte sich das zum Quartett geschrumpfte New-Romantic-Projekt „KAJAGOOGOO“, letztlich DIE Teenie-Sensation der mittleren 80er. So viele pubertierende Schönheiten an einem Ort hatte ich bislang noch nie gesehen, wie an jenem Sommersonnennachmittag, der von der ebenfalls im New-Wave-Spektrum angesiedelten Vorgruppe „Fashion“ eröffnet wurde.
Am 13. Mai 1984 hatten „KAJAGOOGOO“, deren bisheriger Frontmann LIMAHL Ende 1983 die Band, nur ein Jahr nach Gründung, zugunsten einer Solokarriere wiederum verlassen hatte, das sehr baßlastige, leicht jazzig-funkig angehauchte Top-20-Album „Islands“ veröffentlicht, das seitdem bei mir rauf und runter lief, und sicherlich zu den meistgespielten internationalen LPs des Jahres 1984 bei mir gerechnet werden muß.

Zeitsprung Numero Eins:
Im Sommer 2004 legte die rührige Katalogabteilung der Kölner EMI die drei „KAJAGOOGOO“-Scheiben „White Feathers“ (1983), „Islands“ (1984) und „Crazy Peoples Right to speak“ (1985, unter dem Bandnamen „KAJA“ in Trioformation erstveröffentlicht), um zig hochspannende Bonustracks angereichert, neu auf. „White Feathers“ hatte es zwar schon zuvor, Dank eines US-Minilabels, als Import im CD-Format gegeben, „Islands“ – mein konsequentes Lieblingsalbum der Truppe - aber erschien vor vier Jahren erstmals auf Silberscheibe. Inzwischen war ich nicht mehr „nur“ Musikfan, sondern selbst als Journalist in dieser Branche tätig, weshalb ich seinerzeit auch eine ausführliche, sehr liebevolle Rezension für ein damals noch überaus seriöses, heutzutage aber nicht mehr erwähnenswertes, weil mehr als nur obskur agierendes Internetportal verfaßte. Jedenfalls, so die Legende, soll eben jene Wiederveröffentlichungsaktion des Kölner Medienriesen den Ausschlag dafür gegeben haben, daß sich die zuletzt enorm zerstrittenen fünf „KAJAGOOGOO“-Mitglieder an einen Tisch gesetzt haben, alte Unklarheiten bereinigten, und langsam, aber sicher, ein Comeback vorbereiteten…

Zeitsprung Numero Zwei:
Am gottlob recht milden Abend des 12. November 2008 trafen sich der Verfasser dieser Zeilen (inzwischen 37) und sein langjähriger, bester Freund Jan Lindenau (34) am S-Bahnhof Holstenstraße zu Hamburg. Da ich musikjournalistisch seit zwei, drei Jahren überwiegend mit deutschsprachigem Repertoire arbeite, war es mir leider nicht möglich gewesen, Jan und mich für jenes klangliche Großereignis zu akkreditieren, welches gestern Abend im Hamburger „Stage Club“ vonstatten ging. Jeweils 40 (!) Euro mußten Jan und ich entsprechend hinblättern, um für rund eineinhalb Stunden in fundamentaler Manier in unsere Jugend zurückkehren zu können. Niemand geringeres als „KAJAGOOGOO“ – in Originalbesetzung (!) mit Limahl (!!) – führten uns an jenem 12.11.2008 zurück in diejenigen Zeiten, in denen einfach alles besser war!!!
Ich habe in meinem bisherigen Leben, teils beruflich, teils hobbymäßig, viele tolle Konzerte besucht. Von Udo Jürgens bis Udo Lindenberg war alles dabei. Ein so begeistertes Publikum, wie gestern bei „KAJAGOOGOO“, habe ich allerdings nur äußerst selten erleben dürfen. Die rund 300 Besucher waren – dies spürte man förmlich – derart hin- und mitgerissen, von dem, was Limahl (voc), Nick Beggs (voc, b), Jez Strode (dr), Stuart Croxford Neale (key) und Gitarrist Steve Askew aufboten; wir alle – Band, wie Publikum – befanden uns für rund 90 Minuten keinesfalls im Jahr 2008, sondern mitten in unserer Jugend in den 80ern.
Nick Beggs, der nach Limahls Ausstieg bereits Ende 1983, neben seiner Tätigkeit als Bassist, auch den Frontgesang übernommen hatte, war eigentlich nicht mehr zu erkennen. Einst ein schniekes Teenieidol per Excellanze, heute – er arbeitete in letzter Zeit für Eric Clapton, Midge Ure, Howard Jones, Kim Wilde oder Michael Bolton – ein abgeklärter, weiterhin aber phantastischer Bassist, der Zöpfchen trägt und im Frauenkleid auftritt. Limahl dagegen, wäre er mir auf der Straße begegnet, hätte ich sogleich erkannt. Er ist zwar in Würde gealtert, trägt aber immer noch seine genialische, für ihn typische „Ananas-Frisur“ und hat gleichsam stimmlich nichts an Qualität eingebüßt.
Gegen 20.20 Uhr betraten die fünf Dauer-80er die schummrige Bühne des noch schummrigeren „Stage Club“ und zelebrierten eine Show sondergleichen. Mal sang Limahl, mal vokalisierte Nick... es folgte Hit auf Hit: „Too Shy“ (1983 Rang Eins in acht EU-Ländern, sowie Platz 5 in den USA), das ultraromantische „Hang on now“ (1983), eine im Tempo verlangsamte, in Richtung „Unplugged“ arrangierte Fassung von „Ooh to be Ah“ (1983), kongenial am Baß orientiert der End-1983er-Chartbreaker „Big Apple“, sowie die phänomenalen Auskoppelungen aus „Islands“, „The Lion’s Mouth“ und „Turn your Back on me“ – fetzige, funkige Ohrwürmer – und bei allen diesen Titeln sangen wir rund 300 anwesenden Alt-80er wortgetreu mit : ))
Zudem kamen einige brandneue Songs von „KAJAGOOGOO“ aus deren bislang nur per Internet (www.kajagoogoo.com) erhältlichem Album „Gone to the Moon“ zum Zuge, das auf ebengenannter Webseite bis Februar 2009 kostenlos heruntergeladen werden kann, sowie ganz aktuelle Titel, die in Bälde im Rahmen einer E.P. bzw. Maxi-CD offiziell in den Handel kommen. Sich musikalisch zwischen traditionellem New Wave, Synthi-Pop, „Visage“ oder „Level 42“ aufhaltend, dürfte der kommerzielle Erfolg bei den breiten Massen der zeitnahen Musikhörer zweifellos ausbleiben. Wir 80er-Kinder werden aber umgehend in die Plattenläden rasen, sobald das Teil auf dem Markt ist, und uns genauso daran delektieren, wie in unserer Adoleszenz „Too Shy“ oder „Islands“!
Faszinierende Albumtracks aus der coolen Dekade (z.B. „Lies and Promises“ – nicht wahr Frau Ypsilanti??? ;) oder die allererste Nummer, die „KAJAGOOGOO“ in Urbesetzung aufgenommen hatten, die damals als B-Seite der 1983er-Maxi-Single „Big Apple“ fungierende, schnelle Funk-Komposition „Monochromatic“, wurden von den anwesenden Fans – man kann (im positivsten Sinne des Wortes) gerne auch von unverbesserlichen „Freaks“ sprechen – ebenso frenetisch aufgenommen, wie ein paar Soloschmankerl von LIMAHL, so etwa „Only for Love“ (1983) – und ganz zum Schluß „The Neverending Story“, Titelmelodie der 1984er-Verfilmung von Michael Endes sagenhafter „Unendlicher Geschichte“, im Herbst 1984 immerhin Rang Zwei in den deutschen „Media Control“-Charts.
Das Publikum war kaum zu halten. Gerade diese, ebenerwähnte, wunderbare New-Romantic-Hymne bewies: Die 80er Jahre sind und bleiben eine „Neverending Story“. Die 80er bleiben unvergeßlich und werden in unseren Herzen niemals enden. Dies haben uns „KAJAGOOGOO“ mit ihrem gestrigen Auftritt in Hamburg unzweifelhaft belegt.
Ein weiteres Idol meiner Person, aus einer gänzlich anderen Stilistik stammend, aber auch in den 80ern In-Thema schlechthin – Herr von und zu Heinz Rudolf Kunze – „bellte“ (Zitat: er selbst) 2002 im Rahmen seiner diabolischen Hip-Hop-Vergackereierung „Nichts ist so erbärmlich, wie die Jugend von heute“ ins Mikrophon: „Wir sind die ersten alten Leute / die im Recht sind / wenn sie sagen / Wir waren besser / denn wir kommen aus besseren Tagen / Wir haben Träume gehabt / Egal, wie wirr sie waren…“.
Ja, wir 80er kommen aus „besseren Tagen“... wir hatten einfach die „bessere Musik“, den trefflicheren „Zeitgeist“... den fünf „KAJAGOOGOOS“ standen zum Schluß ihres Auftritts im Hamburger „Stage Club“ die Tränen in den Augen – und nicht wenigen Zuschauern, den Rezensenten mit eingeschlossen, auch!

Anmerkung: Zum Thema Re-Union der Gruppe Kajagoogoo hat Christian vor einiger Zeit auch Limahl und Nick Beggs in seinen Interviews befragt. Für die, die es interessiert, hier die Links zu den Interviews mit:
- Nick Beggs (27.06.2007): HIER
- Limahl (09.06.2006): HIER




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