Bericht:
Hanni Möller

Fotos:
Hanni Möller,
off. Pressematerial





Es gibt diese Tage, diese Momente, wo plötzlich eine neue Dimension aufgeht: in der Welt oder nur in einem selbst. Manchmal dauern sie einige Sekunden, manchmal mehr. Dieses Mal dauerte solch ein Moment knapp 3 Stunden, wobei: die ersten Sekunden genügten eigentlich auch für das, was einen traf und nicht mehr los ließ. Und so wollte man sie mitnehmen: Gitarren wie vom anderen Stern. Gitarren, die einen ganz oben in die Kiste greifen lassen im Vergleichesuchen, wo man mehr an Clapton oder Gilmour denkt als an alte Zeiten, die in liebenswerten aber weit entfernten BAP-Spuren hätten daher kommen können. Denn die BAP-Verbindung war noch in mir aus Kölner Zeiten, nur wusste und spürte ich, daß da eine weite Schere aufgegangen sein muß zwischen dem, was ein überall daher plappernder Möchtegern-Dylan und einen dann doch musikalisch tiefer fühlenden Hut-Träger mittlerweile ausmacht.

Und daher war meine Neugierde groß, was aus dem Hut-Träger Klaus Major Heuser so geworden sein könnte (bis auf die wenigen nebenher erwischten Konzertausschnitte im Internet, die ich mal sah). Richard Bargel war dagegen vor dem Konzertabend nur namentlich ein Begriff für mich – und im Nachhinein muß ich mich als gebürtige Kölnerin etwas wundern, wo ich in bestimmten Zeiten nicht genau genug hingeschaut und -gehört hab (wo hier doch zwei Kölner auf der Bühne standen). Wenn man diesen Mann einmal gehört und gesehen hat, bleibt er für immer im Gedächtnis. Seine Stimme: wau! Sein Gitarrenspiel: irre! Seine Worte: treffend! Seine ganze Präsenz in zwei Metern Größe und in der Musikalität vereinnahmen Raum und Publikum. Mehr Blues geht nicht. Hinzu kommen die genialen wenn auch jüngeren Band-Musiker am Schlagzeug (Marcus Rieck) und Bass (Sascha Delbrouk), die der ganzen Musik das I-Tüpfelchen geben, da alle vier da auf der Bühne in einem exzellenten Timing miteinander harmonieren und sich die Gitarristen in einer kraftvollen Leichtigkeit zeigen können, die Ihresgleichen sucht. Gefühlvoll, kräftig, intensiv, schnell, fingerfertig, humorvoll, authentisch und vieles mehr fällt einem zu diesem Spiel ein, das dem Publikum und mir an die Ohren und auf die Augen traf. Wie lange mag es her sein, daß ich eine solche musikalische Verbindung hatte, indem ich nur da auf so einem Barhocker sitze und trotzdem irgendwie schwebe und nicht einfach nur aufmerksam zuhöre: Jahre...

Um den Abend dann noch etwas konkreter zu beschreiben, statt nur in begeisterten Worten ein subjektives Gefühl nieder zu schreiben, hier noch einige „Eckdaten“: die Location im Duisburger “Hundertmeister“ ist ein wirklich warmherziges Plätzchen für einen musikalischen Abend mit Nähe zum Publikum und dem ein oder anderen gesprochenen Austausch zwischen „oben und unten“. Leider war es das letzte Konzert dort wegen des Insolvenzverfahrens des Clubs – plus einer noch stattfindenden Disco für den Abend im gleichen Raum, was sehr irrwitzig anmutete und dem Ganzen auch den zeitlichen Rahmen gab, bis 23:00 Uhr die komplette Musik-Bühne wieder eingepackt zu haben. So begann das Konzert pünktlichst um 20:00 Uhr vor gefüllten Stuhlreihen, die ca. 80 Plätze hergaben, plus vielen Stehtisch- und Barplätzchen... Kaum einer im Raum mag unter 30 gewesen sein, was wohl auch dazu beitrug, daß das Publikum für sich im Kontext mit der Musik ein angenehmes Drumherum bot, wo der letzte Gitarrenzupfer eines Stücks zu hören war und man sich nicht unnötig von Feuerzeuglichtern oder nervigem Rumgequatsche während der Songs gestört fühlen musste.

Die Begrüßung durch Richard Bargel begann mit einem netten und einfachen „Schön, daß Ihr so zahlreich erschienen seid.“ Wonach sich dann zunächst einige kleinere Geschichten zu den Umständen des Tages anschlossen, die die Band zuvor erlebt hatte (u.a. Polizei im Haus & eine Anzeige wegen Körperverletzung, was aber eigentlich mehr als abwegig war ...und auch ein Verstärker gab bereits den Geist auf). Irgendwie setzte sich der kleine Wurm im Laufe des Konzerts fort, wo nach dem dritten Stück ein weiterer neuer Verstärker hergeholt werden musste, das aber dazu führte, daß Richard Bargel kurzzeitig allein die Bühne füllte und er das liebenswert ruhig mit einem Versuch eines Gedichts ansetzte, das er stückchenweise über eine lahme Taube erzählte... Auch im gesprochenen Wort glänzte seine tiefe bassige Stimme mit all den Details, die man so in eine Stimme legen kann, und dann natürlich in den Liedern und deren Zeilen wie „Baby I would die for you“, „Me and the devil Blues“ oder „Bad bad Whiskey“. Das allein zieht einen schon mächtig in den Bann. Und so wurde auch der sprachliche Rahmen um jeden Song kurzweilig, der aus netten, aufgeweckten, humorvollen, kurzen Einlagen von Heuser & Bargel gebildet wurden, denen man sehr, sehr gerne zuhörte. Da wurde von Displays für Ältere (dem Modell „Korg Ü60“) erzählt, womit sie ein wenig mit ihrem Alter um die 60 kokettierten; Kritik geübt am OB Sauerland; oder etwas länger über ihr Konzert im letzten Jahr im Bochumer Gefängnis erzählt. Dabei bekam man eine gute Vorstellung davon, daß auch solche ehrenvollen Auftritte wohl nicht mehr das sind, was sie in Johnny-Cash-Zeiten mal waren, und Knackis in modern herunterhängenden Hosen mehr gelangweilt in Konzert-Stuhlreihen sitzen, so daß der Verdacht aufkommt, daß die Sehnsucht nach RTL2 bei ihnen größer ist als jeder Gitarren-Riff live vorort.


Klaus Major Heuser &
Richard Bargel (Pressefoto)

Stark dann der Auftritt beim Song „Bad bad Whiskey“, wo Richard Bargel zunächst seine Gitarre beiseite legte, das Publikum zum Mitklatschen aufforderte, dann auch das Mikro wegschob, aufstand, die Bühne herunter kam und ohne Verstärkung singend durch das Publikum ging, ihm direkt (passend zum Text) in die Augen sah und dann auf der Bühne wieder elektrisch verstärkt den Song zu Ende brachte. Klaus Major Heuser sah und hörte man mehr und mehr durch sein ekstatisches Gitarrenspiel, das einen nicht mehr losließ. Da, wo er in manchen Vorankündigungen nur als Begleitung zu Bargel beschrieben worden war, gehört er nicht hin. Da oben waren einfach zwei Gitarristen, die sich gegenseitig nichts nahmen und nur gaben und sich im besten Sinne ergänzten und ihre Eigenarten ausspielen konnten - und das in wunderbarster Harmonie. Und ob der Blues nun extrem langsam daher kam und dabei positiv schmerzvoll bis sanft empfunden werden konnte oder kraftvoll, schnell, vibrierend: alles stimmte und alles traf mitten ins Herz – da wo der Blues hin gehört. Reine Freude bei Publikum und Musikern. Das Ende wurde eingeläutet mit dem Hinweis auf „Wenn es am schönsten ist, soll man... nee: kommt die Disco...“, und daß es schon fast 22.30 Uhr sei und man das mit den Zugaben eh etwas affig findet (da viele Künstler nur so tun als ob...) und sich jeder aus dem nun letzten Song („Anytime you want“), der eigentlich ein Mehrfachstück wäre (...), sich dann selbst aussuchen könne, wann die Zugabe beginnt. Als aber der letzte Ton verklungen und das Licht aus war, begann der Applaus stärker und stärker zu werden, und einer nach dem anderen in den Stuhlreihen stand auf und zeigte seine Begeisterung und Anerekennung. Da gab es sie dann doch: die echte Zugabe – und mit Genehmigung der Hundertmeister-Chefetage, damit es mit der Disco für die U30 auch ok ist... Und Zeit für den CD-Verkauf am Bühnenrand und einer Unterschriftenaktion für die Contergangeschädigten war dann auch noch da.

Ich war sehr beseelt auf dem Heimweg, neue CD unterm Arm und freute mich über diese neue Dimension, die mich hier also erreicht hatte: ein Leben ohne Musik von Bargel-Heuser gibt es nun nicht mehr, und die kommenden Konzerte werden mir bestimmt noch mal eine Gelegenheit zu einem weiteren Besuch geben. Wie ich es auch sonst allen nur empfehlen möchte: geht hin!!!! Und vielleicht ein Hinweis auf die zurzeit aktuelle Live-CD der Band: das klingt schon gut darauf, aber in dem Jahr, was zwischen Aufnahme und Konzert hier und heute liegt, tat sich noch einmal ein Sprung, und direkt live dabei war dann nochmals um x-Längen besser. Also: nicht verpassen. Viele Live-Termine gibt es bereits bis 2012.




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