Bericht:
Hartmut Helms

Fotos:
Hartmut Helms (Livebilder)
Pressefoto (Überschrift)





Randy Hansen meets Hendrix
Das hat bestimmt schon mal jeder erlebt. Der Tag lief nicht gut, man fühlt sich, höflich formuliert, wie ein ausgequetschter Schwamm, man ist müde und außerdem ist eine schlechte Nachricht zu verdauen. Händeringend sucht man nach Erlösung und einer Idee, wieder zu sich und zur Ruhe zu finden. Eines meiner ganz persönlichen Mittel ist dann oft der Kopfhörer, aus dem die zur Stimmungslage passende Musik in die Ohren strömt. Jimi Hendrix zum Beispiel und dann meist aus der Platte mit dem Nackedei-Cover das wunderschöne "Burning Of The Midnight Lamp", "All Along The Watchtower", das geniale Dylan-Cover, oder das superlange "Voodoo Chile", denn mit Voodoo haben schon die alten Schamanen geheilt. Bei mir hilft das auch.

Mir war nie vergönnt, diesen Gitarrenhexer live zu erleben. Ich lebte im falschen Umfeld und der Typ mit dem Wuschelkopf hatte sich schon viel zu früh verabschiedet. Er wurde Gründungsmitglied im "Club 27". Erst viel später, bei einem Konzert vor einem Jahr mit Eric Clapton und Steve Winwood, erlebte ich die Faszination von "Voodoo Chile" live und, wie bei den Aufnahmen im Studio, saß sogar der richtige Mann an den Tasten. So gut Clapton auch die sechs Saiten im Griff hatte, Jimi Hendrix konnte und wollte er nicht ersetzen, aber das Gefühl, dass er gleich zu den beiden stoßen würde, war überwältigend stark.
Nun fahre ich schon wieder durch die frühe Dunkelheit in Richtung Torgau, denn in der Kulturbastion sind zwei angekündigt, die den Geist von Jimi Hendrix, und vor allem den seiner Musik, am besten heraufbeschwören können: RANDY HANSEN und der jüngere Bruder von Jimi, LEON HENDRIX. Hansen geht schon seit Ewigkeiten der Ruf voraus, die lebende Blaupause des Gitarrengottes zu sein und der andere ist schlicht ein Hendrix. Da muss man einfach, aus der ehemaligen DDR kommend und, wie Hendrix Junior, auch schon über 60, die Gelegenheit beim Schopf fassen, ehe auch Voodoo nichts mehr ausrichten kann.

Während des Sound-Checks hockt ein kleiner unscheinbarer Typ mit schwarzer Jacke auf der Bühne der Kulturbastion und hantiert an den Effektgeräten vor sich. Eine Stunde später tänzelt er breit grinsend, mit schwarzer Hose, Stoffbänder am Knie und auf der Stirn, eine rote Bluse im Hippie-Style und Voodoo-Utensilien auf der nackten Brust, vor mir herum und beginnt ein zweistündiges durchgehendes Gitarreninferno abzufackeln. Doch das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Der Abend beginnt eher gelassen und sieht einen Mann im langen schwarzen Outfit, dunklem Stirntuch und noch dunklerer Brille vor uns. Ein wenig unsicher wirkend und mit einem Mikrofon in der Hand, antwortet er brav auf vorher ausgewählte Fragen, die das kurze Leben seines Bruder Jimi zu beschreiben suchen. LEON HENDRIX, der jüngere Bruder von Jimi, scheint die Unmöglichkeit des Unterfanges zu ahnen. Die vor ihm stehen wissen doch längst, was sie wissen wollen und dennoch hat es für sie einen Hauch von Magie, den Bruder der Gitarrenlegende sprechen zu hören. Ein Mal so tun können, als ob, ein Mal sagen, ich war ganz nah und vor mir stand ein Hendrix, wenn er auch Leon hieß.

Jeder weiß, Leon ist nicht Jimi und jeder kennt die Bilder aus Woodstock, von der Isle of Wight und von Fehmarn. Die Re-Inkarnation von Hendrix, die da plötzlich vor mir steht, schien direkt aus diesem längst vergessenen Universum zu kommen. Wie sein Vorbild, das er nur ein einziges Mal in seinem Leben live sah, so die Antwort auf meine Frage nach dem Konzert, legt er die Finger zwischen die Bünde und die beiden Marshall-Boxen hinter ihm antworten mit einem elektrisierenden Kratzen der sechs Metallsaiten, nur hundertfach verstärkt. Sekunden später kracht "(Let me Stand Next To Your) Fire" aus den Membranen und ein wilder Hexentanz beginnt.

Egal, welche der drei Gitarrenmodelle da gerade in seinen Händen wimmern oder krachen, er spielt nicht auf, sondern mit ihnen, als wären sie ihm angeboren, Teil seiner selbst. Die auf links gebauten Instrumente für den Rechtshänder Hansen machen zudem die optische Illusion perfekt. Seine Finger streicheln und zerren am Metall, reiten über die Bünde und fegen, beinahe gleichzeitig von oben kommend, die Spuren wieder hinweg, die sie von unten hinterlassen haben. Während der eine Ton gerade noch irgendwo im Raum klebt, ist der nächste schon da, ihn zu jagen und seine rechte Spielhand zeigt auf ihn, während die linke am Hals unaufhörlich neue produziert.
Hansens Körper zuckt, geht mit dem Instrument tief in die Hocke, reißt sich hoch und das Instrument vor sein Gesicht, wo sich Zunge und Zähne in die Saiten krallen. Der Mann, der mit seinen Zähnen jeden Zahnarzt hierzulande, je nach Temperament, zu Freudenschreien oder Angstattacken verleiten würde, ist der entfesselte Derwisch und Jimi's seitenverkehrtes Spiegelbild. Mit ihm erlebe ich "Hear My Train Acoming", das ekstatische "Foxy Lady" und das wild entfesselte "Freedom". Es ist ein einziger Sturmlauf der großen Hendrix-Hits und jener Perlen wie "Are You Experienced", die Fan so sehr liebte und ihm heute einen Schauer nach dem anderen über den schon leicht krummen Rücken jagen.

Hansen hat mit MANNI VON BOHR (u.a. Birth Control) an den Drums und UFO WALTER mit seinem Bass zwei Ausnahmemusiker an seiner Seite, die die legendäre Experience (Noel Redding & Mitch Mitchel) für uns auferstehen lassen. Gnadenlos wuchtig und entfesselt präzise stampft dieser Motor durch den Hendrix-Katalog, aus dem sich Hansen nach Belieben, statt nach Liste, die Perlen auswählt und sie je nach Lust und Inspiration mit Zitaten spickt und die Fan-Seele jubelnd aufschreien lässt. Irgendwo zwischen "All Along The Watchtower" und "Manic Depressions" geistert "Lucy In The Sky With Diamonds" durch ein Solo und blitzt "Sunshine Of Your Love" auf. Man hätte eine Stenotypistin gebraucht, um die Folgen und Improvisationen später nachvollziehen zu können, aber wahrscheinlich wäre der bei einem hinter dem Kopf gespielten Solo oder einem der Sprünge von Hansen der Stift vor Staunen aus den Händen geglitten. Mann oh Mann, was hat der Kerl für Energie zu versprühen!

Auch Randy Hansen scheint sich Wünsche erfüllen zu wollen und deshalb ist es sicher mehr als nur eine Geste, mit Leon Hendrix gemeinsam einige der Klassiker live wieder auferstehen zu lassen. Leon haucht und krächzt seine rauen Versionen von "Purple Haze" und "Castle Made Of Sand" in das Mikro, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass letzteres Stück ein Teil seines eigenen Lebens in der Familie Hendrix beschreibt: "That's me!", ruft er uns zu und Hansen zieht und dehnt die Töne dazu.
Der spielt sich, je weiter der Abend voran schreitet, förmlich in einen Rausch. Immer wieder tritt er nach vorn, dorthin wo die Riege der grauhaarigen Männer mit den feucht glänzenden Augen, mittendrin eine beinahe 70-jährige jung gebliebene Lady aus der Nachbarschaft, die erste Reihe bilden. Da steht er oft vor mir, die Gitarre direkt vor meiner Nase und freut sich, als hätte er mich Jahre nicht gesehen. Er steigt hinab in die Menge - Stage-Diving geht in dem engen Schlauch nicht wirklich -, als wolle er jeden Einzelnen für seinen Besuch danken und lässt sich dann wieder per Rolle rückwärts, mit der singenden Gitarre irgendwo am Körper, auf die Bühne kullern. Spätestens jetzt hätte ich mir wahrscheinlich den Steiß zerkloppt, die Schulter und den Hinterkopf heftig eingeschlagen und käme auch nicht mehr nach oben. Dieser Hansen hingegen springt herum, lässt es mit "Stone Free" krachen, klettert rechts außen auf die Box und spielt das nächste Solo mit dem Rücken zur Wand und dem Kopf an der Decke - ich sag's ja, Rock'n'Roll will never die!!

Was bei anderen Konzerten schon völlig normal erscheint, fällt bei Randy Hansen und seinen beiden rockenden Mitstreitern wegen übersprühender Spielfreude schlicht und ergreifend unter überflüssig und auf diese Weise unter den Tisch. Keine Ansagen zwischendurch, die Songs gehen nahtlos ineinander über, und einen "short break" von 30 Minuten braucht die Sonderausgabe der EXPERIENCE auch nicht zur Erholung. Man rockt am Stück durch, holt sich mittendrin ein Bierchen aus der ersten Reihe ab und spielt mit dem ausgetrunkenen Glas das nächste Solo für den Song, der Jimi Hendrix vielleicht der liebste war, so Randy Hansen. "Burning Of The Mignight Lamp" ist auch einer meiner heimlichen Lieben. Die wunderschöne, von Wah-Wah-Effekten durchzogene Gitarrenlinie hat etwas Magisches, das sich in einem wirklich himmlischen Chorus entlädt und die Gemäuer der alten Festungsanlage, die heute die Kulturbastion beheimaten, beinahe zum Vibrieren bringen. Zwischen diesen engen Mauern, an denen unser abgekühlter Schweiß nach unten rann, stand eine bunte Meute, kaum einer unter 40 und ansonsten brave Bürger, und brüllte mit Hansen, von Bohr und Ufo Walter gemeinsam ein entfesseltes "G.L.O.R.I.A." in die Röhre bis vor zur Bühne. Uns und diesem, wie entfesselt spielenden Gitarristen, zu Ehren.

Wenn "Clapton Gott ist", wie es einst an die Häuserwände gesprüht zu lesen stand, dann muss Randy Hansen kein anderer, als der Leibhaftige selbst sein. Wehe, wenn der losgelassen wird! Dem würde ich ohne mit der Wimper zu zucken in die Hölle folgen, dorthin, wo der Rock'n'Roll noch das ist, was dieses Wort auch wirklich meint: heiß, zügellos, frech und sexy. Der Himmel kann lange warten! Es sollte sich einer finden, der an eine Wand in der Kulturbastion Torgau "Hansen is Lucifer's friend" sprühen darf, damit es jeder nachlesen kann.
Die Fans mit den alten Jeans Baujahr '68, die kaum noch passen, und den grauen Haaren, die sie noch immer stolz tragen, werden wissen, warum sie mehr als 40 Jahre nach seinem viel zu frühen Tod noch immer in Ehrfurcht und Verehrung jedem Ton aus einer, mit Wah-Wah-gesteuerten Stratocaster, lauschen, der aus einer Marshall-Box leise und verletzbar oder urwüchsig und erdig kommt. Hauptsache, Jimi Hendrix hat ihn einst gespielt. Jemand hat irgendwann mal formuliert, dass dieser "Rock'n'Roll in die Eier gehen muss", und bei Luzifer, ich hab's gestern gespürt! Genau so ist es, es muss nur einer wie Randy Hansen mit seiner Crew da vorn die Saiten glühen lassen.

Die nächsten Termine:
09.11.2011 - Verviers (BEL) - Spirit of 66
10.11.2011 - Kaiserslautern - Kammgarn
11.11.2011 - Aarburg (CH) - Moonwalker
12.11.2011 - Karlsruhe - Substage
13.11.2011 - Mainz - KUZ (Kulturzentrum)
15.11.2011 - Köln - Kantine
16.11.2011 - Hamburg - DownTown BluesClub
17.11.2011 - Aschaffenburg - Colossaal
18.11.2011 - Freiburg - Jazzhaus
19.11.2011 - Freudenburg - Ducsaal
23.11.2011 - Pavia (ITA) - Spazio Musica
nähere Infos und weitere Termine auf der Homepage von Randy Hansen


Bitte beachtet auch:
- off. Homepage von Randy Hansen: www.randyhansen.com
- Homepage der Kulturbastion Torgau: www.kap-torgau.de




Live-Impressionen: