Bericht:
Torsten Meyer

Fotos:
Torsten Meyer,
Lutz Nosek (Foto Nr. 27)





Ute Freudenberg in Neuenhagen bei Berlin
Manchmal dauert es etwas länger, ehe sich ein Kreis schließt. Unter Umständen sogar Jahrzehnte. Heute war wieder ein solcher Moment. Bewusst wurde mir das, als ich mich in Vorbereitung auf das heutige Konzert in Erinnerungen zurückfallen ließ.

Irgendwann um 1980 herum, ich befand mich gerade in den Wirren meiner Pubertät, besuchte ich in meiner Heimatstadt Stralsund ein Konzert der Gruppe Elefant. Sängerin der Band war eine junge Frau namens Ute Freudenberg. Mit dicker Wuschelfrisur rockte sie die Bühne und sang voller Inbrunst ihre damaligen Hits "Disko-Fieber", "Manchmal braucht jeder einen Freund" oder "Wie weit ist es bis ans Ende dieser Welt". Seinerzeit hatte ich gerade meinen ersten eigenen Fotoapparat bekommen und nahm ihn mit ins Konzert. Damals interessierte sich noch keine Security für solche Dinge. Stolz wie Bolle knipste ich mir die Finger wund und schoss also damals bei einem Ute Freudenberg-Konzert meine ersten eigenen Konzertfotos. Natürlich war die Qualität der Bilder total indiskutabel und keinen Pfennig wert, aber was soll's? Heute nun, ca. 30 Jahre nach diesem für mich denkwürdigen Erlebnis, habe ich die Gelegenheit, erneut Fotos von einem Ute Freudenberg-Konzert zu schießen, diesmal hoffentlich sogar in brauchbarer Qualität... Der Kreis schließt sich also. Ob das wohl ein gutes Omen ist? Ich muss gestehen, dass ich mich ziemlich unvorbelastet in das Spektakel gestürzt habe. Ute Freudenberg gehört nämlich heutzutage eher nicht zu meiner Top 10, da ich meine Ohren hauptsächlich mit Klängen aus der Rock- und Blueswelt verwöhne. Okay, zu DDR-Zeiten stach sie schon ziemlich aus der Masse hervor mit ihrer außergewöhnlichen Stimme und einigen wirklich großen Titeln. Nicht umsonst gewann sie zwischen 1980 und 1985 viermal die Wahl zur beliebtesten Sängerin in der DDR. Nachdem sie sich dann 1984 nach einem Fernsehauftritt in Hamburg entschied, nicht in die DDR zurückzukehren, wurde es still um sie und ihre Musik. Anfang der 90er Jahre startete sie schrittweise ihr Comeback und gewann nach und nach vor allem im Osten ihr altes Publikum zurück, und auch viele neue Fans entdeckten Ute Freudenberg für sich. Aber um ganz ehrlich zu sein: an mir ist ihr musikalischer Werdegang nach dem Mauerfall mehr oder weniger vorbeigegangen. Dennoch habe ich für mich entschieden, wenn man schon mal die Chance hat, diese unwahrscheinlich populäre und beliebte Frau live zu erleben, sollte man das unbedingt tun.

Das Konzert sollte um 21:00 Uhr als Open Air auf dem Hof der Neuenhagener "Arche" beginnen. Vier Stunden vorher begann es wie aus Kannen zu regnen. Doch Petrus sah ein, dass diese Idee nicht seine beste war, und schickte nach einigen Minuten wieder blauen Himmel und Sonnenschein. Als gegen 19.30 Uhr der Einlass begann, war das Wetter jedenfalls bestens. Der Hof der Arche füllte sich recht schnell und war letztendlich mit 550 Gästen proppenvoll (ausverkauft). Mir fiel auf, dass ich wahrscheinlich einer der jüngeren Besucher an diesem Abend war. Oder anders herum: viele der Anwesenden schien bereits jenseits der Fünfzig zu sein, was völlig natürlich war, denn Ute Freudenberg ist ja auch schon fast 40 Jahre erfolgreich im Geschäft. Auf eine Vorband wurde an diesem Abend verzichtet. Stattdessen wurde das wartende Publikum pausenlos mit deutschem Discofox in ohrenbetäubender Lautstärke zugedröhnt, und der DJ wollte alle 15 Minuten mit lautem Getöse wissen, ob auch alle gut drauf wären. Ich muss sagen, mir ging diese Mallorca-Party-Mugge recht schnell auf den Keks. Als dann auch noch "Das rote Pferd" und die uralte Roland Kaiser-Nummer "Joanna" in der Ballermann-Version liefen, hätte ich am liebsten den Stecker aus den Boxen gezogen. Aber für den Rest der Anwesenden war diese Art Vorprogramm scheinbar genau die richtige Einstimmung, denn überall wurde mitgesungen, geschunkelt oder stellenweise sogar ein Tänzchen gewagt. Nun denn...

Um 21.05 Uhr ging es dann endlich und fast pünktlich los. Vom ersten Klang an verströmte eine ganz in schwarz gekleidete Ute Freudenberg eine unglaubliche Präsenz auf der Bühne und nahm damit das Publikum gefangen - mich eingeschlossen. Sie sang sich quer durch ihr gesamtes Repertoire, und schon bald kam der Moment, an dem ich so ein bisschen bereute, mich in den vergangenen Jahren nicht so richtig mit der Freudenberg-Musik befasst zu haben. Es klang nach richtig guter deutscher Popmusik, was da zu hören war. Oder doch eher Schlager? Man kann es eigentlich gar nicht richtig einordnen - es war und ist einfach nur gute deutschsprachige Musik.
Titel wie "Immer wieder", "Wolken ziehen weiter", "Ein Tag wie heut", "Ich hab noch lange nicht genug", vor allem auch das sehr emotionale und mit einer extra Widmung für den verstorbenen Franz Bartzsch versehene "Sei doch still", sowie einige andere Songs aus ihrer zweiten Karriere nach dem Fall der Mauer bringen die Fans zum Jubeln. Ich muss sagen, völlig zu Recht. Die Freudenberg präsentierte sich in Höchstform, sie hatte Feuer im Blut, bewegte sich mit einer Lust und Power auf der Bühne, wie es manche 20-jährige nicht kann. Nichts wirkte gestellt, verkrampft oder gekünstelt, sondern man merkte der Frau an, dass sie einen Riesenspaß an dem hatte, was sie macht. Ihre Wahnsinnsstimme ist wie ein guter Wein über die Jahre gereift und besser denn je. Vor allem kann sie eines: live singen. Ich bin als Musiknarr auf unzähligen Konzerten gewesen, habe diverse Größen (und solche, die sich dafür halten) live erlebt, aber oftmals war ich vor allem davon enttäuscht, wie der Gesang rüber kam. Letztes negatives Beispiel: Joe Cocker in der Berliner O2-World. Ganz anders hier: Utes Stimme klang glasklar, man verstand jedes Wort, was vielleicht auch mal einen Dank an die Tontechnik nach sich ziehen sollte.


Die Background-Sängerinnen Sophia
Bicking (li) und Ulrike Weidemüller.

Natürlich gehörte auch ihr derzeitiger Überhit "Auf den Dächern von Berlin", den sie im Studio zusammen mit Christian Lais eingespielt hat, zum Programm. Da Herr Lais aufgrund eigener Termine am heutigen Abend nicht präsent sein konnte, übernahm Keyboarder Micki Schläger den Gesangspart von Christian. Ein wunderbarer Song, der live eigentlich noch viel intensiver wirkt. Vom dazugehörigen Album "Ungeteilt" wurde dann noch "Wenn du nichts bewegst" gespielt. Ein beeindruckendes, eher rockiges Lied mit einem zum Nachdenken anregenden Text, doch einfach mal den Finger aus dem Popo zu ziehen und nicht alles widerspruchslos hinzunehmen.

Doch Ute Freudenberg kann noch mehr. Zu meiner Überraschung coverte sie zwei internationale Hits, nämlich "Simply the best", was man ja hauptsächlich von Tina Turner kennt, und anschließend "Proud Mary" von einer meiner ganz großen Lieblinge, Creedence Clearwater Revival. Vor allem bei "Simply the best" kam Utes Rockerherz durch. Eine grandiose Interpretation, wie ich fand, da konnte sich Utes Stimme mal so richtig austoben. In mir ließ diese Nummer jedenfalls den Wunsch aufkommen, Ute möge doch künftig auch mal selbst wieder den einen oder anderen Song schreiben oder schreiben lassen, der die Rocklady in ihr erwachen lässt.
Beendet wurde der offizielle Teil womit? Klar, mit dem Song aller Songs - "Jugendliebe". Saßen bisher alle brav auf ihren Plätzen, gab es nun kein Halten mehr. Alles stürmte nach vorne vor die Bühne, was auch Ute sichtlich genoss. Man umarmte sich, schunkelte miteinander, sang aus voller Kehle mit - es war gigantisch. Dieser Titel ist halt eine Hymne für die Ewigkeit. Natürlich gab es noch einen drauf, nämlich den ältesten Titel ihrer Karriere "Wie weit ist es bis ans Ende dieser Welt". Immer noch sehr berührend und unter die Haut gehend, ebenso wie ihr zweitältester Song, der weit vorn im Programms gespielt wurde: "Und wieder wird ein Mensch geboren". Man merkt diesen Titeln ihr Alter nicht an, sie hätten auch heute erst entstanden sein können. Und genau diese Zeitlosigkeit zeichnet die Musik aus. Noch ein Wort zur Band. Ich war höchst erfreut, dass sich da kein ganzes Orchester auf der Bühne zusammenfand, sondern eine kleine Band, bestehend aus Micki Schläger (Keyboards), Andreas Gemeinhard (Gitarre), Stuart Kemp (Bass) und Manfred Schermuly (Drums). Mit dieser Band tourt Ute Freudenberg seit 1996 durch die Lande, was man ihnen auch anmerkt. Natürlich sind allesamt handwerklich perfekt und gut aufeinander eingespielt. Im hinteren Teil der Bühne, fast schon etwas versteckt, tummelten sich die beiden Backgroundsängerinnen. Und hier sollte der Kenner der guten, alten DDR-Rockmusikszene aufhorchen, denn es handelte sich hierbei um die Töchter von Angelika Mann (Ulrike) und Andreas Bicking. Die beiden agierten unaufdringlich, aber sehr engagiert und durften zum letzten Titel des Abends mit Ute gemeinsam und in vorderster Front noch einmal alles geben.


Die aktuelle CD: "ungeteilt"

Dann war Schluss. Vor dem Konzert war ich unsicher, was mich erwarten würde. Nach den 120 Minuten in der Neuenhagener "Arche" weiß ich, der Abend hat sich absolut gelohnt. Ute Freudenberg ist eine Künstlerin, die ihre Musik lebt, die deutsch singt, ohne dabei ins Kitschige abzugleiten. Sie singt nicht von Sommer, Sonne, Sonnenstrand. Nein, Ute F. hat etwas zu sagen. Sie singt vom Alltag, von den Gedanken und Nöten der Menschen, aber auch von ihren Gefühlen. Man kann in ihrer Musik versinken, aber auch dazu tanzen, und hier und da durchaus auch mal ein bisschen abrocken. Sie versprüht auf der Bühne eine unglaubliche Lebensfreude, hat eine Dynamik wie ein Jungbrunnen und liebt ihr Publikum. Mir waren zwar manchmal ihre Ansprachen zwischen den Liedern etwas zu selbstverliebt, aber das ist meine ganz persönliche Meinung. Vielmehr denke ich, dass sie diese "Guckt mal, was wir alles geschafft haben!"-Reden tatsächlich ehrlich meint, weil sie schlicht und einfach stolz ist auf das, was sie mit ihrer Art Musik erreicht hat. Ich würde ihr nur wünschen, dass sie endlich auch mal einen größeren Bekanntheitsgrad erlangt und in den (bundesweiten) Medien die Aufmerksamkeit erhält, die sie verdient. Es kann doch nicht sein, dass jeder kleine Castingkasper sich "Star" nennen darf und überall hoch- und runtergedudelt wird, aber wirkliche Musiker mit Anspruch und Qualität diesen Markt einfach nicht bekommen. Womit ich nahtlos 20 Seiten zum Punkt "Deutsche Medienlandschaft" schreiben könnte, aber das ist jetzt nicht das Thema.

Ute Freudenberg versprach dem Neuenhagener Publikum, dass es bis zum nächsten Auftritt nicht wieder 9 Jahre dauern wird. Überhaupt glaube ich, dass die deutsche Musikszene an dieser Frau noch lange, lange Freude haben wird. Sie sagt bzw. singt es ja selbst:
"Ich hab noch lang, ich hab noch lange nicht genug!
Ich bin noch immer voll am Zug.
Wer nicht kämpft, hat schon verlor'n,
den hat das Leben nie gebor'n."





Fotoimpressionen: