Bericht:
Hartmut Helms

Fotos:
Hartmut Helms (Livebilder)
Pressefoto (Überschrift)





Im Amerikanischen Bundesstaat Georgia soll es einen Golf-Club geben, der sich durch eine besonders schwierig zu spielende Passage auszeichnet. Viele Golfer scheitern zwischen dem 11. und 12. Loch an den quirligen Winden, die dort wehen, und so mancher musste deshalb schon seine Träume vom Sieg begraben. Diese Stelle wird seit einem Turnier 1958 "Amen Corner" genannt, weil hier wohl so manches Stoßgebet gen Himmel gesprochen wurde. Ob der im englischen Cardiff geborene Gitarrist und Sänger Andy Fairweather-Low davon wusste, als er seine Band, die er 1966 mit Schulfreunden gründete, AMEN CORNER nannte, ist nicht überliefert. Vielleicht hätte ich ihn fragen sollen.

Die Band AMEN CORNER ließ 1968 mit einer knackigen Version von "Bend Me, Shape Me" der American Breed aufhorchen und kam ein Jahr später mit "If Paradise Is Half As Nice" noch einmal zu Chart-Ehren. Eine eigenwillige Version des Beatles-Klassikers "Get Back" hingegen wurde nicht angenommen, und so versenkte der Bandgründer die AMEN CORNER und machte mit verändertem Line-Up unter seinem eigenen Namen FAIR WEATHER weiter. Der vom Soul in seiner Stimme angehauchte Sound brachte noch den Hit "Natural Sinner" (1970) hervor, doch schon kurze Zeitz später löste er auch dieses Projekt auf und startete eine Laufbahn als Solist und gefragter Studiomusiker.

Die Kulturbastion in Torgau ist eine kleine, aber feine Adresse, wenn es um ehrliche und handgemachte Rockmusik geht. Den Akteuren hinter den Kulissen gelingt es immer wieder, erlesene Projekte und große Namen auf die kleine Bühne unter dem steinernen Gewölbe zu bringen. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass ein Künstler und wirklich begnadeter Gitarrist hier auftritt, der schon für Roy Wood, Gerry Rafferty oder Richard Thompson im Studio die Töne formte und mit der Band von David Gilmour, Eric Clapton oder Bill Wyman furiose Konzerte spielte. Wer kennt nicht den legendären MTV-Gig, den Clapton live spielte. Da saß an seiner Seite kein geringerer als Andy Fairweather-Low, um Mr. Slowhand zu begleiten. Nun also war der exzellente Gitarrist mit seiner Band THE LOW RIDERS in die Stadt an der Elbe gekommen, um das Gewölbe der Kulturbastion mit seiner Musik aus über vier Jahrzehnten zu rocken und zum Schwingen zu bringen. Das konnte und wollte ich mir nicht entgehen lassen!



Album der Gruppe FAIR WEATHER
"Let Your Mind Roll On" (1972)


Andy Fairweahter Low's Solo
Album "La Booga Rooga" (1975)



Album der Gruppe AMEN CORNER
"Greatest Hits" (1977)


Best Of-Kopplung von
Andy Fairweather Low (2008)




Für einen begeisterten Musikliebhaber hat die kleine Bühne der Bastion den einmaligen Charme, dass man so manchem Saitenzauberer direkt auf die Finger und den Helden der Jugend in die Augen sehen kann. Die blitzten bei Andy Fairweather-Low wie die Sterne am Nachthimmel und ein freudiges Lächeln steht ihm im Gesicht, als er seinen Platz am Mikrofon einnahmen. Ein kurzes und freundliches "Hallo!" und dann perlten schon die ersten flockigen Gitarrentöne von der Bühne. Zunächst ganz und gar rockig "Got Love" und dann das vom Blues eingefärbte Stück "Peeping And Hiding" (engl.: Versteckspiel). Spätestens jetzt bekam man eine leise Vorstellung davon, was unter Gitarrenspiel zu verstehen sein kann und als er "Reggae Tune" anstimmte, blieben wohl so manchem die Kinnladen offen stehen. Vor uns griff ein ganz Großer in die sechs Saiten und ließ seine Finger über die Bünde tanzen.
Der Mann mit der schwarzen Nickelbrille vor mir wechselte die Musikstile und mit ihnen die Gitarren, als wäre es das normalste auf dieser Welt, einen alten Chris Barber-Blues wie "Mystery Train" neben seinen eigenen Song "Hymn 4 My Soul" zu stellen und so ganz nebenbei zu bemerken, dass diese Nummer von Joe Cocker gecovert wurde. Er lockte aus seiner kleinen Akustikgitarre liebevolle Klänge und nach dem Wechsel aus seiner schwarzen E-Gitarre ruppige Blues- und Nashville-Läufe. Seine weiße Fender-Stratocaster ließ er wimmern und schreien, als würde er gerade mit Clapton im Duett spielen. Andy Fairweather-Low wechselt die Musikstile wie andere ihr Plektrum, pendelt zwischen "Rocky Racoon" und "La Booga Rooga", singt eine steinalte Chris Barber-Nummer und drückt dennoch jedem noch so anderen Stück seine ganz eigene und unverwechselbare Spielweise auf. Meist zupft oder streichelt er die Saiten mit seinen Fingern, statt ein "Blättchen" zu benutzen. Selbst für die schärfsten Soli reichen ihm Zeige- und Mittelfinger.

Zwischendurch plaudert er munter drauflos, nennt beiläufig Namen von großen Musikern, mit denen er musizierte, um dann wieder einen Song aus "197-&-anywhere" zu spielen. Mit ihm auf dem Podium spielt eine fein abgestimmte Band mit DAVE BRONZE (bass), der schon für Procol Harum ("Prodical Stranger") im Studio und mit Clapton auf der Bühne stand. PAUL BEAVIS sorgt für den raffinierten Rhythmus aus dem Hintergrund und an der Seite der Bühne sorgt "Grandpa" NICK PENTELOW für die rauchigen oder heißen Saxophoneinlagen zum Blues und Swing. Vor uns steht geballte Rockhistorie und dennoch "nur" ein Haufen bestens aufgelegter Musikanten, die den langen Schlauch des Gewölbes gehörig zum Rocken bringen. Aus dem Jahre "194-&-anywhere" von Arthur Crudup stammt "My Baby Left Me", obwohl die meisten den Song mit dem Kürzel CCR in Verbindung bringen. Der Mann, dessen Kürzel AFL auf seinem Verstärker und der Gitarre zu lesen ist, donnert diese alte Nummer in den Saal und erzählt mit seinem hellen, leicht näselnden souligen Gesang die alte Geschichte von der "verlorenen Liebe". Hinter mir wogen die Leiber, schwingen die Köpfe und vor mir rockt ein wie entfesselt spielender Mann mit seiner Gitarre. Auch ich fühle mich wie anno 196-&-anywhere, während meine Füße einen schwebenden Körper wiegen, und als wäre das alles noch nicht genug, beginnt seine Gitarre einen gut bekannten Bluegrass zu spielen. Ich vergesse, wer und wo ich bin und singe lauthals zu Andy's Gitarrenspiel mit: "I was standing by my window, on one cold and cloudy day ... will the circle be unbroken, by and by Lord, by and by." Dazu spielt Nick Pentelow eine Klarinette, die mich gedanklich weit weg in so einen alten Saloon irgendwo im Westen an die Ufer des Mississippi entführt. Dort kommen solche alten Gesänge der Nitty Gritty Dirt Band her, die nun unter dem Gewölbe der Kulturbastion erklingen.

Mit einem Auge verfolge ich den Verlauf des Abends auf der Setlist, die, gut zwei Meter vor mir, zu Andy's Füßen liegt. In meiner Begeisterung kriege ich erst viel später mit, dass der Mann die Vorlage schon eine Weile ignoriert und mit seinen Mannen munter querbeet musiziert. Als wäre die Stimmung noch nicht auf dem Höhepunkt, lässt er dem alten Instrumentalkracher "Apache" der Shadows gleich noch "Whipe Out" der Surfaris und das unkaputtbare und legendäre "Peter Gunn" folgen. Mittendrin und so nebenbei zitiert er dabei frech grinsend die Who mit ihrem "Won't Get Fooled Again", so dass ich ihm "Go On!" zurufen muss und statt einer Antwort kommt das nächste Zitat von Pink Floyd's "The Wall" hinterher, bevor er wieder bei "Peter Gunn" landet. Die Hütte kracht und stampft im Rhythmus der Bass-Figur, die da oben und wir davor schwitzen, und ein geiles Saxophon kreischt die alte Weise in die Nacht - willkommen im heiligen Beat-Club und Gruß an Radio Bremen!
Nach so viel alten und heißen Klängen war es endlich Zeit, die eigenen Kult-Klänge vom Stapel zu lassen. Die bekannte Akkordfolge stimmte uns ein und dann sang er mit uns gemeinsam, nur mit Gitarre und ganz ohne Bläser, diese wunderbare Melodie und den Text, den wir noch aus unserer Jugend kannten: "You are all the woman I need and Baby, you know it ... Bend me, shape me, anyway you want me." Falls irgendwo ein Männerchor Nachwuchssorgen hat, hier sang der unbekannte Nachwuchs lauthals mit und es hat ihm höllischen Spaß gemacht!

Andy nahm ein Gitarrenmodell Marke 194-&-anywhere, vielleicht eine alte Gibson, und ließ den Abend rockender Weise nach Rockpile-Manier, wie olle Dave Edmunds, mit "Lightning Boogie" weiter toben. Noch einmal wogte die Menge im Boogie-Rhythmus und noch einmal zauberten zehn Finger einen Traumtanz für Gitarrenjunkies, ehe Andy uns langsam mit "Wild Eyes And Legless" auf das Ende einzustimmen versuchte. Er spielte uns noch seine erste Single "Gin House Blues" mit AMEN CORNER und dann war es Zeit für das übliche Spiel der Konzertgemeinde. Kurze Verbeugung, "Bye Bye" und gleich darauf das Wiedersehen und Wiederhören für den Moment, nach dem sich alle sehnten. Die einstmals wilde Nummer "Hello Suzie" kam mit Akustikgitarre und im gereiften neuen Gewand, so dass wir alle mitsingen konnten: "Hello Suzie, hello Suzie, tell me the news about yourself." Der Altherren- und Weiberchor nahm die Melodie auf, sang mit seinen Helden gemeinsam und dann stimmten wir noch einmal ein in eine alte Hymne längst vergangener Tage mit diesem "La la la la...", das jeder mitsingen kann. Es war der Chor der Sehnsucht nach den Jahren 196-&-anywhere, der "If Paradise Is Half As Nice" zum zauberhaften Ausklang vor der Mitternachtsstunde werden ließ. Nee, kann gemeinsam gesungene und gehörte Erinnerung schön sein, Andy Fairweather-Low & The Low Riders sei Dank!

Wer diesen Abend in Leipzig mit zwei anderen Größen des Rock-Business, Dylan & Knopfler, verbracht hatte, kam sicher auch auf seine Kosten und hatte zusätzlich ein größeres Loch in der Geldbörse, als jemand, der mit mir die Gitarrensaiten von Andy hätte berühren können und sich haufenweise Plattencover und Fotos signieren ließ. In der entspannten Atmosphäre der Torgauer Kulturbastion erlebten wir ein echtes Wohnzimmerkonzert und einen Weltstar zum Anfassen, der gar keiner sein will und seine Fans mit Charme und außergewöhnlichen Können begeisterte. Wenn's "im Paradies dereinst nur halb so schön sein sollte", dann ... aber das hat noch Zeit, denn Andy und seine Fans sind gerade in den besten "Anywhere-Jahren" - so ständiger O-Ton von Andy - angekommen und dort möchte ich noch lange bleiben. Der Himmel und das Paradies können warten und warten und warten ...

Die nächsten Termine:
28.10.2011 - Bremerhaven - Stadthalle
29.10.2011 - Bremen - Weserhaus
02.11.2011 - Hamburg - Downtown Bluesclub
03.11.2011 - Bad Salzuflen - Bahnhof
04.11.2011 - Eckernförde - Carls Showpalast
05.11.2011 - Offenbach am Main - KjK Sandgasse 26
nähere Infos auf der Homepage des Künstlers...


Bitte beachtet auch:
- off. Homepage von Andy Fairweather Low: www.andyfairweatherlow.com
- Homepage der Kulturbastion Torgau: www.kap-torgau.de




Live-Impressionen:




































Souvenirs: