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Bericht: Hartmut Helms Fotos: Pressefotos (Illustration) Hartmut Helms (Liveimpressionen)
ÉIST heißt "Hör zu!" und vor allem genau hin! Unter Fans, vielleicht auch unter Musikern, gewinnen manche Namen einen besonderen Glanz, wenn man sie ausspricht. Sagt man hierzulande WACHOLDER, dann ist das in etwa so, als würde man in Irland SANDS FAMILY und in Dublin DUBLINERS sagen. Es ist wie der besondere Atem von einzigartigen Geschichten und Liedern, die von Mund zu Mund weiter getragen werden. Mehr braucht es nicht für ein gemeinsames Verstehen.
Nun ist er wieder unterwegs, um sein neuestes Projekt ÉIST (sprich: Eischt), benannt nach einem Song von MÁIRE BREATNACH von Celtic Harp & Fiddle, vorzustellen. In meinen Gedanken spannt sich ein Bogen über mehr als 30 Jahre und ich bin noch immer neugierig, was der Ur-Musikante und "Ritter vom Folk" diesmal mit zwei neuen Partnern präsentieren wird. Der musikalische Folk-Weltenbummler Kießling war und ist ständig auf der Suche nach neuen Anregungen und Konstellationen, mit denen er sie realisieren kann, und meist spielt die Musik der "Grünen Insel" eine tragende Rolle, seit er von einer Schallplatte aus dem Polnischen Kulturzentrum zu Beginn der 70er dazu inspiriert wurde. Die meisten Stühle im Club Passage sind besetzt, nur die drei da vorn auf dem Podium warten noch auf drei Männer aus drei Ländern. Wir davor warten auf eine musikalische Zeit- und Ländertour. Die beginnt, wie könnte es anders sein, mit einem dieser traditionellen Tänze und Musikstücke, die in Irland Jigs & Reels heißen und eigentlich vom ersten Ton an zum Tanzen zwingen. Das wäre bei "Rogues & Rascals" (Schelme und Schlingel) gut möglich gewesen, doch so wenige Stunden vor Beginn der Sommerzeit genügte den meisten das Zucken mit Füßen und Händen. Die da vorn entpuppten sich derweil als lustige Plauderer, die sich um die Bedeutung des Songs ihre eigenen Gedanken machten, denn Schelme können auch Flegel oder gar "Leute aus Irland" und eventuell auch Dänen aus Kopenhagen sein. Der jugendlich wirkende ANDREAS TOPHOJ aus Kopenhagen ist wohl einer der besten Fiddler zwischen Skandinavien und den USA, den man derzeit finden kann und ein "Young Rascal" (*) obendrein. Der aus Cork in Irland stammende EOIN DUIGNAN ist berühmt für sein einzigartiges und sehr persönliches Spiel auf dem Uileann Pipes, dem Irischen Dudelsack, dem er jene faszinierenden Melodien wie beim "Bardance" entlockt, die alle Folk-Fans so sehr begeistern. Gemeinsam mit MATTHIAS KIESSLING an der Gitarre zaubern sie Klänge ("Halfwhistle", "Slow Air"), die einfach nur zum Träumen verleiten. Kießling mit seiner unverwechselbaren Art, Lieder zu singen, schafft es immer wieder, alten Perlen neuen Glanz zu verleihen. Diesmal hat er aus längst vergangenen Zeiten einen Song von Christy Moore ausgegraben. "Another Song Is Born" ist eine jener träumerischen Melodien, die zum Schwelgen verleiten und bei denen der Künstler völlig unbemerkt sein Herz ausschütten kann: "Songs have a heart, a body, a soul, you lay on the rest and another songs is born." Bei mir werden Erinnerungen und Sehnsüchte wach, die eigentlich versteckt sein sollten, doch dann spielt er tatsächlich wie damals "Fiddler's Green" und meine Gefühle liegen wieder blank. Besorgt euch seine CD "Unfolked" (2003) und ihr werdet wissen, warum. Später wird er dann noch "Games People Play", den alte Klassiker von Joe South, singen und uns zum Mitmachen verleiten. Danach ist bei mir alles wieder gut.
Kießling wäre nicht er selbst, wenn er nicht auch immer wieder den Bezug zum Heute und zu dem, was in der Welt geschieht, suchen würde. Zur alten Folks-Melodie von "Welcome Poor Paddy Home" singt er seine ganz persönlichen Gedanken eines unbekannten Kriegers: "Jetzt zieh'n wir durch fremdes Land, wer wird uns dereinst vergeben?" Auch dieses bissig-schöne Liedchen kann man auf "Unfolked" finden und wie "Kies" meinte, hätte er sich vor 25 Jahren kaum vorstellen können, dass solche Lieder noch einmal so aktuell sein könnten. Deshalb hat er gleich noch eine ganze neue CD zum Thema gemacht und sie "Helm ab zum Gebet!" genannt und zusätzlich gleich noch eine Empfehlung für alle Wehrkreisersatzämter angefügt. Hut ab!! Es folgt eine "3-teilige Suite für einen PKW-Anhänger" ("Truckle") und wieder wiegt die schwarze Sachsenschöne ihren Körper, zum Bild passend, vor unseren Augen. Das wäre etwas zum Aufwachen, meint Andres aus Dänemark, und spielt dann mit seiner Fiddle dieses fröhliche "Wake Up", das er vermutlich selbst schrieb, und dann hat er wieder sein schelmisches Grinsen im Gesicht. Däne eben, der meint, in Norddeutschland nicht komponieren zu können, und der dann im Anschluss dann das Stück "Flensburg Harbour" von Hal Parfitt Murray spielte. Ganz zum Schluss und schon als Zugabe gibt's dann noch einmal Jigs & Reels, eine Ladung fröhliche Ausgelassenheit mit Irischem Touch und den "Stimmungen von sieben Frauen" der Uileann Pipes. Es war ein Abend, dessen Inspiration von irgendwo zwischen Irland, Skandinavien und Deutschland zu kommen schien. Traditionelle alte Lieder und noch ältere Geschichten, die beide ganz unkompliziert in unsere heutige Zeit passen. MATTHIAS KIESSLING wagt wieder einmal eine eher seltene Konstellation und gewinnt mit einer Mischung aus Tradition und ihrer moderner Handhabung wieder neue Ufer. Das macht Spaß und nachdenklich zugleich, ist unterhaltend und natürlich auch erfrischend. Einziger kleiner Wermutstropfen war die noch fehlende neue CD und auf die bin ich jetzt erst recht neugierig geworden. (*) Die (YOUNG) RASCALS, hier als Wortspiel verwendet, waren eine US-Soul- und Pop Band der 60er und damit eine Erinnerung an meine eigene Jugendzeit.
Fotoimpressionen:
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