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Bericht: Hartmut Helms Fotos: Hartmut Helms
Colosseum live auf MMXI-Tour in Dresden Mit dem Gebrauch des Begriffs LEGENDE geht mancher, so mein derzeitiges Gefühl, wohl ziemlich inflationär um, zumal im Rock'n'Roll-Gewerbe. Da werden schnell mal ein paar Einzelpersonen stellvertretend für eine Band, die eigentlich nur noch diesen oder jenen Namen trägt, zu einer Legende gemacht. Kein Wunder also, dass uns so viele "Legenden" angeboten werden. Beim etwas genaueren Hinsehen allerdings zeigt sich dann, dass oft nur eine Verkaufsförderungsmaßnahme oder ein Wunsch dahinter stecken. Wirkliche Legende sehen anders aus und geben sich auch nicht als solche. Deren Zier heißt oft Bescheidenheit und man erkennt die Legende erst, wenn sie direkt vor dir steht, als Mensch oder als Gesamtheit auf der Bühne agiert und dann weißt du auch, warum du eine Legende vor dir hast.
Ein freundliches weibliches Wesen im Rollstuhl meinte, dass es schon ein besonderes Ereignis sein müsse, wenn so viel langes graues Haar an einem Ort zu finden sei und man könne nicht mal erkennen, ob darunter ein Bauarbeiter oder Rechtsanwalt verborgen ist. Die Faszination von FARLOWE & COLOSSEUM ist wohl noch immer, massenkompatible und hochenergetische Musik zu kreieren, und sie live zu präsentieren. Die Aussicht auf so ein Erlebnis lockt noch immer einige hundert an, die geduldig warten, schwatzen und drinnen noch in Ruhe ein Bierchen trinken. Über all dieser familiären Umgebung hätte ich beinahe vergessen, durch die richtige Tür in den kleinen Saal und dort in Ruhe bis vor zur Bühne zu gehen.
Der ganze Mittelteil lebt von den ausgefeilten Soli und Improvisationen, die BARBARA THOMPSON mit ihrem Tenor-Saxophon zaubert und sich dabei förmlich, notwendiger Weise auf ihrem Hocker sitzend, in einen Rausch der Töne spielt. Mir klingt's wie ein wilder und leidenschaftlicher Gruß an Dick Heckstall-Smith da oben, der zeigt, dass COLOSSEUM noch immer mehr ist, als eine Hit-Maschine zum Abspulen. Eines der vielen Stilmittel der Band ist es, ihre einzelnen Stücke live ineinander über fließen zu lassen, die Übergange instrumental zu verwischen. Davon lebte die Faszination der Band schon in den frühen Jahren, das macht den Reiz des Doppel-Vinyl's "Colosseum Live" aus und das wird auch im ALTEN SCHLACHTHOF praktiziert. Man beginnt mit "Theme From An Imaginary Western", lässt die Melodie austrudeln, um einen Neustart mit "Walking In The Park" zu feiern und dann noch in schwitzender Manier den "Stormy Monday Blues" hinten dran zu hängen. Auf diese Weise werden geschickt instrumentale Höhepunkte geschaffen, die sich mit scheinbaren Ruhepausen abwechseln. Jon Hiseman spielte die "Imaginäre Westernfilmmelodie" erstmals in frühen Jahren mit Jack Bruce ein, der sie auch schrieb, um sie dann mit seiner eigenen Band Colosseum zu einer der schönsten Rocksongs überhaupt zu machen. Auch diesmal gibt uns MARK CLARK am Bass den Bruce wechselseitig mit Chris Farlowe. Die beiden Stimmen live zu erleben, hat wirklich eine ganz besondere Magie, die bis tief unter die Haut geht, doch ehe man sich ganz und gar fallen lassen kann, bricht dann eben "Walking In The Park" in der typischen Dreier-Akkordfolge über uns heran. Von diesem Moment an ist wahlweise Hüpfen oder Tanzen angesagt. Die Luft ist schwül, stickig und beim Hineinfließen in den Blues vom "Stürmischen Montag" weiß ich wieder, warum der Blues auch manchmal vom Leid zu erzählen weiß. Meine Klamotten kleben am Körper und das mit dem Haare waschen vorher war wohl auch eine Luftnummer.
Die dreiteilige Suite wird geprägt von DAVE GREENSLADE's markanten Orgelspiel und einem Thema, das sich quasi durch alle drei Stücke zieht, auch wenn in Dresden die Dominanz von CLEMPSON an der Gitarre deutlich vordergründiger war und BARBARA THOMPSON ein berauschendes Saxophon-Solo einbaute. Dadurch wirkte die Suite an diesem Abend nicht so elegisch, sondern rockiger, doch dann, als MARK CLARK seinen an klassischen Strukturen angelehnten Gesangs-Chorus im Wechsel mit dem Spiel des Saxophons intonierte, schien der ganze Saal wie verzaubert die Luft anzuhalten. Auf dem Höhepunkt am Schluss angekommen, entlud sich die Anspannung in einen einzigen Jubelschrei der Masse hinter mir. Wow und ich war dabei! Noch einmal ein Gruß der Musiker an uns vor der Rampe und danach schien alles vorbei zu sein. Von wegen! Das Finale eröffnete der Mann, der Colosseum in Person darstellt. Den Gründer und den vom Jazz und Blues inspirierten Rock-Drummer solistisch zu erleben, ist ein ganz besonderes Schmäckerchen und sein Solo eines, das diese Bezeichnung wirklich verdient hat und das man heute nur noch sehr selten geboten bekommt. Noch ehe wir wirklich in Jubelgeschrei ausbrechen konnten, ging es auch diesmal fließend zu jenem Stück Musik über, das die meisten mit Colosseum verbinden. "Lost Angeles", der hektische Blues über eine Großstadt in den USA verschmilzt alles in Musik, was man sich über so eine Stadt an Gefühlen vorstellen kann. Da hört man Hektik, Lärm, Verkehr, Hast und Menschen, die kaum Ruhe finden. Farlowe bringt das singender Weise auf den Punkt, indem er uns sein "I don't wonna live in Lost Angeles!" entgegen "bluest" und verbindet das gleichzeitig mit einem Lob an die Menschen hier und speziell an Dresden. Der Mann wird wissen, warum er diesen Song so interpretiert. Hat er doch mehr von der Welt gesehen und mit Blues erlebt, als sich jeder von uns vorzustellen vermag. CLEMPSON an der Gitarre und CLARK mit dem Bass nehmen diese Zeichen in ihr Spiel auf und steigern sich für Minuten in ein solistisches Duell, in dem sie nach Belieben Zitate anderer Größen aufblitzen lassen - "Stairway To Heaven", "Sunshine Of Your Love" oder "Elenor Rigby" sind ebenso leicht zu erkennen, wie die Klassikzitate darin. Farlowe und Colosseum erleben wir als klingendes und stampfendes Monument zum Anfassen, eine kompakte Ladung Spielwitz und jede Menge solistisches Können. Dann noch eine letzte Verbeugung und sie sind von der Bühne verschwunden...
Irgendwann werden sie alle abgetreten sein, die wirklichen Legenden, einer nach dem anderen, vor oder nach mir. Gern hätte ich schon mal so ein Konzert in jüngeren Jahren erlebt, doch bin ich "weise" genug geworden, um das Event jetzt vielleicht viel intensiver zu genießen, auch wenn die alten Knochen noch Stunden hinterher Alarm signalisieren. Einige dieser vergleichbaren Herren und Damen, die andere ihre Helden oder Idole nennen, hab' ich inzwischen auch erlebt, mit einigen auf Augenhöhe gesprochen und mir so manches Kleinod signieren lassen. Vielleicht nennt mich so mancher, dem die Jugend noch viel Party zu versprechen scheint, ein wenig bekloppt, aber glaubt mir, meine Party im Kopf findet noch immer statt, wenn euch die "geilen" Reize schon längst abhanden gekommen sein werden. Dann ist eure Party schlicht vorbei und vergessen, Musik wie die "Valentyne Suite" aber wird noch lange sehr viele begeistern. Weitere Termine der Tour: 24.06. Hannover 25.06. Lorsch 26.06. Freiburg 28.06. Stuttgart 29.06. Göttingen 30.06. Aschaffenburg 01.07. Ulm 20.08. Bad Doberan
Fotoimpressionen:
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