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Bericht: Hartmut Helms Fotos: Hartmut Helms, Pressefotos (oben und Textillustration)
Sie haben die populäre Musikwelt aufgemischt, sie neu sortiert und mit Inspirationen gespickt, wie kaum noch jemand nach ihnen, und dies alles zu den Zeiten der Beatles, der Rolling Stones und Who sowie in Gegenwart von Bob Dylan. Sie sangen den Soundtrack ganzer Generationen und lieferten die begleitenden bissigen Kommentare zu Studentenprotesten oder gegen den Vietnamkrieg. Unpolitische Aussagen in Rockmusik - aber ohne Crosby, Stills, Nash & Young! Wer da meint, "Helpless" wäre einfach nur ein schönes Liebes- und "Ohio" ein Wanderlied, der kommt womöglich auch auf die Idee, dass "Teach Your Children" einfach nur ein Kinderliedchen wäre. Nein, die vier Herren waren es auch, die bereits 1988 in "This Old House" die spätere Finanzkrise "im Voraus ahnten", als sie sangen: "There's a garden outside she works in every day, and tomorrow morning a man from the bank's gonna come and take it all away" ("American Dream").
Von da an trafen sie sich in immer wieder unterschiedlichen Konstellationen im Studio und auf den Bühnen, um Musik zum machen und Meinungen zu formulieren. Diese Vier einmal selbst live zu erleben, hatte ich nie zu hoffen gewagt, doch gerade die Hoffnung, so weiß man, begräbt man zuletzt. Immerhin 50 Prozent C,S,N, & Y live in Berlin auf der Bühne des Admiralspalastes. Mehr könnten die Beatles auch nicht mehr aufbieten und deshalb traf ich im Foyer des Hauses auf lauter Gesichter, die alle irgendwann mit mir in einem Klassenzimmer hätten sitzen können. Einigen hingen die grauen Locken sogar noch bis weit auf die Schulter. Man war, bis auf wenige Ausnahmen, unter sich und beim Riskieren neugieriger Blicke direkt vor der Bühnenkante schien man Mitglied einer verschworenen Gemeinschaft zu sein. Ich hatte das Gefühl, vor einem Altar zu stehen, der bald zu einem ganz irdischen Tummelplatz göttlicher Vokal-Harmonien werden würde. Sie kamen auf die Bühne und das ausverkaufte Haus wurde von einem Orkan der Begeisterung erfasst. Knappe Verbeugung zweier schlohweißer Häupter, die Gitarren umgehangen und dann tobte ein Sturm zu uns herunter. Erste Überraschung ist eine Hommage an steinalte Byrds-Zeiten, denn DAVID CROSBY und GRAHAM NASH lassen "Eight Miles High" erklingen. Über den scheppernden Gitarren erheben sich zwei der schönsten Stimmen, die Rock'n'Roll singen, acht Meilen hoch. In meinen Gedanken gelingt der Zeitsprung zum Dylan-Konzert im Treptower Park 1987, als McGuinn mit den Heartbreakers ebenfalls diesen Klassiker in die Nacht der untergehenden DDR jubelten.
Nach diesem Einstieg dreht das Duo Silbergrau - beide bringen gemeinsam beinahe 140 (!) Lebensjahre auf die Bühne - richtig auf und mit "Wasted On The Way" und "Long Time Gone" sind wir mittendrin, wenn auch das Gefühl schon "lange her" ist. Jetzt ist es wieder da! Die Songs leben und verstrahlen eine ganz eigene Aura, die aus perfekt miteinander harmonierenden Stimmen und einer einfühlsam agierenden Band gewebt ist. Manchmal scheint es, als würde das ganze Quartett von einst da oben stehen und die alten Hymnen wie "Lay Me Down" anstimmen, denn an den Tasten sitzt einer von David Crosby's Söhnen, JAMES RAYMOND, und keine Frage, dessen junge Stimme passt wie angegossen zu denen der beiden Zauberer. Wie brilliant so eine Stimme mit 70 zu erzählen vermag zeigt Crosby als er "Slice Of Time", einen seiner neuen Songs vorstellt. Der steht allein wenige Reihen vor mir auf der Bühne und jeder noch so kleine Hauch ist gewollt, schwingt im Raum und berührt die vor ihm sitzenden Herzen.
Vor 40 Jahren veröffentlichte Nash seine "Lieder für Anfänger" (Songs For Beginners, 1971) und daraus hörten wir eine hinreißende Version von "I Used To Be A King". Die vierköpfige Band agiert dezent und in bester Spiellaune hinter den beiden Stars. Es ist schon erstaunlich, mit welcher Hingabe einerseits und präziser Spielweise andererseits der junge Gitarrist SHANE FONTAYNE den Part von Stephen Stills ausfüllt, ohne ihn auch nur für eine Sekunde zu kopieren. In den ganz großen Momenten des Konzerts bedienen sie sich am Material ihrer wohl schönsten und unglaublich kompakten Liedsammlung, mit deren Titelsong "Deja Vu" sie uns zu Begeisterungsstürmen verführen. Wie ein Orkan bricht die ganze Wucht aus Gitarrensaiten und vertrackten Vokalharmonien über uns herein, diese einmalige Mischung aus gelebten Zeitgeist, gemeinsamer Lebensfreude und bissigen Protest gegen schmutzige Politik und genau dieser Mischung wegen, die noch immer so frisch klingt, ist das alles so wahnsinnig aktuell und glaubhaft. Als wären Songs wie "Military Madness" von Graham Nash erst gestern geschrieben und nicht vor vier Jahrzehnten. Jeder der Musiker hat in dieser ausschweifenden Version Gelegenheit, sein Können zu präsentieren, während die Stars bescheiden unser Augenmerk auf sie richten. Wir erleben die Sehnsucht nach häuslicher Idylle der Hippiezeiten mit "Our House" und mit "Guinnevere" eines der schönsten Liebeslieder, das jemals geschrieben wurde, so Graham Nash. Beinahe ganz allein, nur mit seiner Gitarre singt uns Nash "(I am A) Simple Man" und alle gemeinsam berauschen sie uns stimmungsvoll mit "(Winchester) Cathedral" aus dem Jahre 1977. Nash erzählt dem Auditorium, dass sie sich vor Konzerten stets stimmlich fit machen und dabei auch die Lieder anderer Künstler singen. Dies zu demonstrieren begeben sich Nash und Crosby gemeinsam mit dem Gitarristen Dekan Parks zum Mikro und dann hören wir eine einzigartige Version des alten Beatles-Klassikers "Black Bird". Da blieb mir nur noch der Atem stocken und mit Staunen stelle ich mal wieder fest, dass all die Songs meiner späten Jugend ganz und gar nicht abgenutzt klingen und die beiden Helden da vorn nicht den geringsten Zweifel aufkommen lassen, es würde ihnen anders gehen. Denen merkt man den Spaß in jedem Moment und bei jedem Ton an und auch, dass sie sich und ihr Werk dabei selbst nicht so wichtig nehmen. Die einstigen Blumenkinder mit weißem Haar sind weise und die ineinander verzähnten Finger von Crosby sollen zeigen, dass ihre Stimmen nur gemeinsam klingen. Mir ist, als würde ich zwei alten Kumpels zuschauen und ihren gesungenen Erzählungen aus meinem eigenen Leben lauschen.
Als Zugabe hören wir zwei der schönsten gesungenen Statements zur Zeitgeschichte mit "Chicago" und der Aufforderung "die Welt neu einzurichten" sowie das erwartete "Teach Your Children", mit dessen gemeinsam gesungen Chorus auch die Bedeutung der Worte wieder irgendwo in der Berliner Nacht mit den "Festivals Of Lights" verhallen werden, wenn wir sie nicht endlich mit nach Hause nehmen, um sie in die Hände unserer Kinder und Enkel zu geben: "Lehrt eure Kinder gut, dass die Hölle ihrer Väter langsam vorüber gehen wird und schenkt Ihnen eure Träume." Man mag über die Träume jener Zeit und ihre musikalischen Protagonisten lächeln. Was sie uns mit ihren, und also auch meinen, Träume sagen wollten, kann man auch noch im Heute verstehen. Die Zeiten haben sich zwar geändert, die Ungerechtigkeiten aber und die, die sie verzapfen, sind noch immer die gleichen und auch deshalb ist "Teach Your Children" nicht nur ein Lied, sondern auch ein wenig unser aller Vermächtnis.
Es gibt noch einen Termin in Deutschland: 27.10.2011 - Niedernhausen - Rhein-Main Theater Bitte beachtet auch: - off. Homepage von David Crosby & Graham Nash: www.crosbynash.com - Homepage des Admiralspalast in Berlin: www.admiralspalast.de
Live-Impressionen:
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