Bericht:
Torsten Meyer

Fotos:
Torsten Meyer, Thorsten Murr





IM HERBST DES LEBENS
Ich weiß ja (glücklicherweise) nicht so genau, was das Leben künftig noch so mit mir vor hat. Vielleicht werde ich 120 Jahre alt. Vielleicht gewinne ich tatsächlich endlich meine Lotto-Million und kann mir noch ein paar Träume erfüllen. Möglicherweise bekomme ich eine Handvoll Enkelkinder und gehe voll und ganz in meiner Opa-Rolle auf. Und vielleicht schafft es ja mein Lieblingsverein aus Kindertagen, der heute FC Pommern Stralsund heißt, eines Tages sensationellerweise mal in den Profifußball aufzusteigen und ich werde Ehrenpräsident. Was auch immer noch passieren wird - eines weiß ich jedenfalls ganz genau: mit 69 Jahren möchte ich nicht mehr arbeiten (müssen)! Da werde ich hoffentlich den Herbst meines Lebens genießen und die Zeit, die mir noch bleibt, ganz nach meinen Wünschen gestalten, ohne jeden Zwang. Ich denke, solche Gedanken haben die meisten von uns.

Es gibt allerdings auch Leute, die selbst im hohen Alter noch fleißig Geld verdienen. Weniger weil sie es müssen, sondern weil es Ihnen ein Bedürfnis ist, weil sie es auch ganz einfach noch können. Diese Leute gehören meistens in die Berufsgruppe der Musiker und/oder Sänger. Unzählige Beispiele könnte ich jetzt nennen, aber die kennt Ihr alle selber. Einer von diesen Urgesteinen gab am Montagabend ein Konzert im Kesselhaus Berlin: ROGER CHAPMAN. Seit 1966 bereits kennt ihn die Musikwelt, damals begann er als Frontmann bei FAMILY. Nach deren Auflösung 1973 ging es für CHAPMANN weiter bei den STREETWALKERS, ehe er 1979 sein erstes Soloalbum aufnahm und seine Begleitband THE SHORTLIST ins Leben rief. Spätestens seit dieser Zeit gilt ROGER CHAPMAN mit seiner Band als großartiger Liveact. Unzählige ausverkaufte Tourneen zeugen davon.

2 STUNDEN FITNESSPROGRAMM AUF DER BÜHNE
Inzwischen hat ROGER CHAPMAN die besagten 69 Jahre erreicht. Das ist für ihn noch lange kein Grund, den Rentner zu spielen. Nein, CHAPMAN geht viel lieber noch mal auf Tour, unter anderem standen auch sieben Auftritte in Deutschland auf dem Plan. Der letzte davon führte ihn und auch mich ins Kesselhaus. Eigentlich war ich ja schon etwas konzertmüde durch die vielen Gigs der letzten Wochen, die ich mir angetan habe, aber wenn eine solche Ikone sich die Ehre gibt, kann man ja wohl nicht zögern. Zumal ja der Titel des aktuellen CHAPMAN-Live-Albums "Maybe the last time" durchaus wörtlich genommen werden kann. Die Erfahrung zeigt außerdem, dass gerade Konzerte der Altmeister wahre Quellen der Spielfreude sind und manch einem sogenannten Jungstar die Kinnlade runter klappt ob der wahnsinnig guten Performance und Power und vor allem handwerklichen Fertigkeiten, die die Oldies bieten.
So wie ich dachten auch mein Deutsche Mugge-Kollege Thorsten Murr und einige Hundert Gleichgesinnte, die das Kesselhaus sehr gut füllten. Es ging pünktlich um 20:30 Uhr los, und das mit "This could be the last time" von den Stones. Ich finde es bemerkenswert, dass ein so gestandener Sänger, der auf unendlich viele eigene Songs und Alben verweisen kann, sein Konzert mit einem Cover startet. Na und? CHAPPO muss niemandem mehr etwas beweisen, warum soll er dann nicht auch mal ungewöhnliche Wege gehen?

Ungewöhnlich fand ich, der zuvor noch kein CHAPMAN-Konzert gesehen hatte, auch seine Agilität und Beweglichkeit. Stillstehen war für ROGER CHAPMAN ein Fremdwort, wie ein aufgescheuchter Hahn rannte er pausenlos über die Bühne. Andere bezahlen teure Beiträge für's Fitness-Center, CHAPPO erledigt sein Fitnessprogramm während des Konzerts. Er ist auch bekannt dafür, dass zu diesem rastlosen Agieren das ständige Umherwerfen von Wasserflaschen und Handtüchern gehört - nein, auch hier enttäuschte der Meister uns nicht, die genannten Utensilien flogen zuhauf durch die Gegend. Und selbstverständlich war auch der Mikrofonständer vor CHAPPO nicht sicher, immer wieder schwang er ihn wie eine Keule hin und her, das Ding lag auch schon mal quer in der Luft. Ja, so ganz geheuer war mir das nicht, schließlich stand ich in der ersten Reihe...

Die gute Laune und Spielfreude eines ROGER CHAPMAN übertrug sich automatisch auf den Rest der Band. Immer wieder wurde gelacht während der Show, man scherzte unter- und miteinander, alle wirkten sehr locker und relaxt. Überhaupt umgab sich CHAPMAN mit exzellenten Begleitmusikern. Allen voran Gitarrist Geoff Whitehorn, der sich immer mal wieder zu einem kleinen Solopart auf seiner Klampfe hinreißen ließ. Auch kam es mir so vor, als würde er ganz gerne mal das Fotomodell geben, in dem er von seinem Platz vorn am Bühnenrand in die freie Mittelzone der Bühne stiefelte, um dort in Richtung der Fotografen am anderen Ende - also in meine Richtung, denn ich stand am anderen Ende - zu posieren. Das war sehr lobenswert, doch leider gelang dennoch nur selten ein gutes Foto, weil meistens bereits Augenblicke später CHAPPO ins Bild hüpfte auf seiner fortwährenden Erkundung jedes Quadratzentimeters Bühne. Eigentlich gehörte mit Steve Simpson noch ein zweiter Gitarrist zum Line up der Band, doch dieser fehlte am gestrigen Abend leider. Dennoch klangen die Songs prächtig, der Soundmixer war gut drauf, und die Akustik im Kesselhaus ist ja ohnehin wunderbar.


Setlist des 19.12.2011
ROGER CHAPMAN's Markenzeichen ist seine eigentümliche, brüchige, meckernde Stimme. Nun, nach über 40 Jahren Bühnenpräsenz kann man sagen, dass zwar dieser Meckereffekt nicht mehr ganz so ausgeprägt rüberkommt wie einst, aber dafür ist die Stimme rauer und kratziger geworden, was ihm auch sehr gut zu Gesichte steht. Die Stimmkraft hat er jedenfalls nicht verloren. Er ist immer noch in der Lage, 2 Stunden lang zu shouten, zu röhren, zu jaulen. Seine Stimmbänder werden nicht geschont und müssen Schwerstarbeit verrichten. Man hört ihm zwar die Anstrengung nicht an, aber optisch bleibt es dem Betrachter nicht verborgen, dass ein solcher Höchsteinsatz von Körper und Stimme Kraft kostet, und vor allem jede Menge Schweißperlen. Aber dafür hat er ja die Handtücher.

Musikalisch wurde eine Menge Unterhaltung und Abwechslung auf höchstem Niveau geboten. Gut, ich bin nun nicht der CHAPMANN-Hardcore-Fan, aber erstaunlich viele Songs kamen mir dann doch vertraut vor. Meine Favoriten des Abends waren "Who pulled the night down", "Red moon", die Dylan-Nummer "Blind Willie McTell" und natürlich sein einziger kommerzieller Erfolg "Shadow on the wall", der gestern als erste Nummer des Zugabenblocks zu hören war. Alles in allem war es ein sehr kurzweiliges Konzert, an dem sowohl die Band als auch die Zuschauer im Kesselhaus ihre Freude hatten. Jeder hat gesehen und vor allem gehört, ein ROGER CHAPMAN gehört trotz seiner fast 70 Jahre noch längst nicht in den Ruhestand. Ich bin mir sicher, wenn er weiterhin Lust auf den Tourneestress hat und gesund bleibt, sehen wir ihn bald mal wieder auf den deutschen Konzertbühnen.


Bitte beachtet auch:
- Homepage von Roger Chapman: www.chappo.com
- Homepage des "Kesselhaus" in Berlin: www.kesselhaus-berlin.de




Live-Impressionen: