Bericht:
Holger Stürenburg

Fotos:
Pressefotos





2011 ist mal wieder ein Jahr der Bühnenjubiläen alteingesessener Bands und Künstler, deren Lieder auch nach zig Jahrzehnten weiterhin durchgehend Qualität und Intensität aufweisen. Nach ‚30 Jahre Heinz Rudolf Kunze' im April in der "Großen Freiheit 36" und vor wenigen Wochen auf der Schleswig-Holsteiner "Landesgartenschau" in Norderstedt, nördlich der Hansestadt gelegen, zelebrierte nun das sprichwörtliche Blues-Stehaufmännchen ERIC BURDON - bitte festhalten - sein 50-jähriges (!!!) Bühnen-Dasein, am vergangenen Freitag, dem 29. Juli 2011, in der Hamburg-Altonaer Kultstätte FABRIK.

Vor ausverkauftem Hause - überwiegend Generations- bzw. Altersgenossen des Jubilars, so zwischen 50 und 70; der Rezensent dürfte zu den jüngsten Besuchern gehört haben - gab sich der aus dem britischen Newcastle upon Tyne stammende Bluesheroe betont spielfreudig, schäkerte mit seiner jungen Neuformation der ANIMALS (dr, git, key, b), von denen fast alle seine Söhne, manche sogar seine Enkel sein könnten, jauchzte, ächzte, stöhnte, schrie... schlicht: rockte und rollte, wie ein Jungspund; seine 70 Jahre hörte und sah man ihm in der FABRIK zu keinem Zeitpunkt an.

Das legendäre, lebende Relikt des 60er- und 70er-Blues präsentierte seinen Fans nun ein gut austariertes Programm, bestehend aus seinen größten Erfolgen der Vergangenheit und Titeln neueren Datums, so etwa manches von seiner letzten Studio-CD "Soul of a Man" (2006), ausstaffiert mit oft ausufernden Langfassungen, mit vielen ellenlangen, aber sehr gekonnten Improvisationen der einzelnen Bandmitglieder; nicht wenige Beiträge dauerten bis an die 10 oder 15 Minuten - jeder Musiker durfte sich immer wieder an seinem jeweiligen Instrument gehörig austoben, man brauchte nur die Augen zu schließen und war aus dem öden Heute und Hier entschwunden und irgendwo zwischen "Woodstock" und "Wackersdorf" wieder aufgetaucht.

Nach ‚akademischen 18 Minuten' betraten ein überaus wohl gelaunter Künstler und seine aktuellen ANIMALS die Bühne der FABRIK und starteten nach einem kurzen Instrumentalintro - Synthesizer traf hier auf laute E-Gitarre - mit dem so selbstverliebten, wie tragischen Rockhammer "When I was young" (1967), der a.D. 2011 weitaus mehr nach erdigem Blues roch, als das ohnehin schon phantastische Original, und fraglos etwas Leidendes, Resümierendes in seinem aktuellen Arrangement in sich trägt. Auch "Don't bring me down" (1966) ertönte temporeicher, aggressiver, als in der Urfassung. Der Beinahe-Hardrock wurde am letzten Samstag durch ein krachendes Gitarrensolo versüßt!


The Animals in den 60ern

Während des ohrwurmträchtigen Superoldies "Don't let me be misunderstood" (1965) flirtete Eric mit einer Zuschauerin aus der ersten Reihe; das Publikum übernahm während dessen den Hauptgesang beim Refrain. Die überzeichnet/aufgesetzt romantische (in Wahrheit bitterböse/zynische) Rock-Ballade "San Franciscan Night" (1967), die sich seinerzeit zu einem krossen Welthit entwickeln konnte und inhaltlich im Grunde genommen als "I love L.A." (Randy Newman, 1983) der ausgehenden 60er Jahre bezeichnet werden kann, folgte. Obwohl Eric auf seinem 1982er-Album "Comeback" den ironisch gehaltenen Bluesrocker "No more Elmore James" veröffentlichte, klang das nächste Lied verdächtig nach dem Chicago-Blues-Pionier aus Mississippi bzw. als ob dieser sich mit den Boogie-Rock-Freaks von STATUS QUO zusammengetan hätte. Der nur als Download erhältliche Titel "It was a Dream (An Invitation to the White House)" bestand aus einem feurigen Slide-Gitarren-Intro und dem klassischen 12-Taktschema; Stilfragmente, die Meister Elmore (dessen Lieder letztlich alle gleich aber gleichsam genial und aufrüttelnd gehalten waren) in nahezu allen seinen Songs nutzte.

Ein liebenswertes, klimperndes Pianospiel leitete die Bluesballade "I believe to my Soul" (1965) ein, die perfekt sakrale Gospelstimmung mit nervösen, zickigen Muddy-Waters-Chicago-Blues-Elementen verband. Da dieser Titel lange nimmer von Eric ‚live' aufgeführt wurde, gerieten die ca. 1.250 Fans in der übervollen, ergo: ausverkauften FABRIK nun endgültig aus dem Häuschen. Die gute Stimmung setzte sich fort, als Eric den von Chaosproduzent Phil Spector verfassen Soul/Rockklassiker "River Deep - Mountain High" anstimmte, der 1966 zu einem frühen Hit von Ike & Tina Turner avancierte und von Eric zwei Jahre später als brodelnde, verrockte Coverversion interpretiert wurde. Mit einem höllisch heißen Boogie-Piano-Solo startete radikal drastisch und überkandidelt der 1961 von John Lee Hooker veröffentlichte ‚Karnevalsblues' (wie ich den fröhlichen Hymnus immer nenne) "Boom, Boom", welcher von Eric und den "Animals" 1964 neu eingespielt worden war und zuletzt auf seiner 2005er-Live-Scheibe "Athens Traffic live" zum Zuge kam. Aus "Soul of the Man" stammt die schwülstige, urbane Mixtur aus Jazz und Blues, "GTO", die nächtliches, leicht düsteres Flair mit Leidenschaft und Melancholie verbindet. Daraufhin folgte der Gassenhauer "It's my Life" (1965), eine trotzige, zugleich optimistische Ode auf Lebenslust, Eigenständigkeit und Durchhaltevermögen, sowie der nervöse Rocker "You got me floatin'", der 1968 von Jimi Hendrix bekannt gemacht und auf dem 1985er-Livealbum "Live in New Orleans" erstmals von Eric aufgeführt wurde.

Damit endete gegen 22:25 Uhr der offizielle Teil des Konzerts. Doch kurz darauf betrat ein Bandmusiker nach dem anderen erneut die Bühne und tobte sich solistisch aus. Der Schlagzeuger Brannen Temple bearbeitete sein Instrument erst mit einem Klöppel, dann mit konventionellen Drumsticks, der Bassist Terry Wilson kam auf die Bühne und lieferte sich mit Brannen ein Duell. Dazu stießen bald Pianist Red Young und Gitarrist Billy Watts und boten den Zuschauern ihre jeweiligen Soli im Wechsel an.

Nun sang Eric meinen persönlichen Favoriten aus seinem unerschöpflichen Repertoire: "We've gotta get out of this Place" (1965), ein treibender, tröstender Aufruf an eine schöne Frau, die Ödnis, soziale Kälte und Langeweile im Unterschichtsviertel schnellstmöglich zu verlassen, und irgendwo anders ein neues, gemeinsames Leben zu beginnen. Die ellenlange Improvisation artete letztlich in eine Art konstruktiver ‚Blues-Predigt' aus; Eric wiederholte immer wieder Parolen, wie "Tell me why can't we live together" (frei zitiert nach Timmy Thomas, 1972) oder "No more War.. Just Peace in this World...", wobei regelmäßig Piano- und Gitarrensoli integriert wurden.
Ich lernte diese wundervolle Rockode Anfang der 80er Jahre zunächst in der deutschen Version von Udo Lindenberg ("Verdammt, wir müssen raus aus dem Dreck", aus der LP "Lindenberg's Rock Revue", 1978) kennen, verliebte mich in das Lied und entdeckte bald darauf das Original von Eric Burdon. Bis heute hat mich "We've gotta get out of this Place" nicht losgelassen (und zig andere Burdon-Fans vermutlich auch nicht)! So war es eine immense Freude, dieses Lied am letzten Freitag wiederum ‚live' zu hören.

Nach bestimmt 20-minütigen, ausufernden Flehens zur rasanten Flucht aus dem "Dirty old Part of the City / where the Sun refuse to shine" (Textzitat aus "We've gotta get out..."), verschwanden Eric & Begleiter von der Bühne, um ein paar Minuten später auf dieselbe zurückzukehren. Gitarrist Billy Watts hatte erst eine Akustische umhängen und leitete damit DEN Ewigkeitsgassenhauer von Eric und seinen ‚Tieren' ungewohnt, aber sehr sympathisch ein: Es handelte sich dabei um das brodelnde Klagelied über so ein Haus, ein Puff, mitten in New Orleans, in dem soundsoviele Männer von den ‚Professionellen' abgezockt wurden. Es war eine Heimstätte der ‚aufgehenden Sonne': "The House of the Rising Sun". Das Folk-Traditional, das 1933 zum ersten Mal für einen Tonträger eingespielt worden war, bescherte der Urformation der ANIMALS 1964 ihren famosen Einstiegshit in die Welt der Rockmusik. Es gab zig Coverversionen der bluesigen Moritat, doch die Aufnahme der ANIMALS ist und bleibt die Beste! Punkt :-) In der "FABRIK" wurde die Interpretation durch ein dramatisches Solo an der Hammondorgel, verspielte instrumentale Improvisationen aller Begleitmusiker, sowie mittels eines unerwarteten Swing-Intermezzos deutlich aufgefrischt. Einfach nur SUPER!

Eric und seine Jungs betörten durch enorme Spielfreude und Ausgeglichenheit; vielleicht ging es dem Star des Abends ab und an einwenig ‚zu gut'; das Publikum war begeistert, die Band desgleichen. Wir alle hoffen, dass es dieses Jahr ein neues Album von Herrn Burdon & Co. geben wird. Die Gerüchte kursieren wild vor sich hin. Eric mag 70 Jahre alt sein, aber er sieht jünger aus und klingt vor allem viel jugendlicher, frischer, offensiver, als noch vor 10 oder 15 Jahren. Er ist ein wahrer "Elder Statesman des Blues" (© Holger Stürenburg), trug eine Art Mischung aus Popeline-Mantel und Frack in dunklem Teint; durchgehend eine dunkle Sonnenbrille (und sah aus, wie mein früherer Chemielehrer Jürgen Grumbach (R.I.P.) aus dem "Emilie-Hotzenplotz-Gymnasium" in der Bundesstraße, auf dem ich 1992 mein Abitur ablegte).
Eric strotzte nur so vor Lebensfreude, liebte es, seinen Blues zu singen, zu lieben und zu leben - Es wäre wunderbar, wenn er sich bald wieder in Hamburg und/oder Umgebung blicken ließe, immerhin hat er hier in den 70er Jahren, zusammen mit Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen und anderen Szenegrößen seine wilden Jahre im sagenumwobenen Mittelweg zwischen den Stadtteilen Rotherbaum und Harvestehude verbracht!

Bitte beachtet auch:
- off. Homepage von Eric Burdon: www.ericburdon.com
- Laudatio von Hartmut Helms zum 70. Geburtstag Eric Budons: Hier klicken