Bericht: Rüdiger Lübeck
Fotos: Rüdiger Lübeck






Das ehemalige "Haus Ungarn" vor den Füßen des Berliner Fernsehturms versprüht noch heute den morbiden Mief postsozialistischer Innenarchitektur. Mit billigen Sperrholzapplikationen getäfelte Wände soweit das Auge reicht; zudem ein Fussbodenbelag, dessen markante Ausdünstungen unwillkürlich Erinnerungen an eine 25 Jahre zurückliegende Zeit anfachen. Umso erstaunlicher, dass sich das nunmehr unter dem Namen ".HBC" firmierende Haus am Alexanderplatz zwischenzeitlich offenbar als Club und Eventlocation einen Namen gemacht hat, und das in unverändertem baulichen Zustand.

THE BABY UNIVERSAL sind derzeit - nicht zuletzt auch hier im Forum bei Deutsche Mugge - in aller Munde. Jene aufstrebende junge Hallenser Band also, der man zuweilen nachsagt, sie hätte sich an die EMI und damit ihre Ideale verkauft, freilich ohne diese konkret zu benennen. Auch der Umstand, dass mit dem künstlerischem durchaus auch ein kommerzieller Erfolg einhergehen darf, wird dabei gerne ausgeblendet. Beides sei der Band übrigens gegönnt.
THE BABY UNIVERSAL haben nun ihr Album fertig gestellt (Rezension: HIER) und brachten es in Form einer Release-Party am vergangenen Mittwoch in eben jenem .HBC erstmals unter die Leute. Erfreulich, dass die Platte auch als solche - sprich: auf Vinyl - erhältlich ist, und - soviel sei schon einmal vorweggenommen - das bereits hohe Niveau des Tonträgers live nochmals gesteigert werden kann. Haftet dem von Thommy Krawallo mittels 70-iger Jahre-Tonbandmaschinen produzierten Debütalbum dann insgesamt doch noch die gelegentlich durchschimmernde Prämisse braver, weichgespülter Radio- und Hitkompatibilität an, so wirkt der Bühnenauftritt schon fast als Kontrast hierzu: es wird gnadenlos gerockt! Wer also die Band wirklich kennenlernen will, sollte sich zunächst ein Konzert und erst danach die Platte antun.

Und endlich mal wieder ein Frontmann, der diesen Namen auch verdient: Cornelius Ochs, spindeldürr, geschminkt, von Habitus als auch Stimme an den jungen Jim Morrison erinnernd, windet sich gekonnt und lasziv um sein Arbeitsgerät - das Mikrofon. Er ist das unbestrittene Zentrum der Band. Und er tut dies - anders als die vielen Möchtegern-Jaggers vergangener Tage - durchaus authentisch. Ich gebe gerne zu, dass mich insbesondere diese Darbietung fasziniert und an alte, offenbar doch nicht unwiederbringliche Zeiten erinnert hat.

Rechte Hand des Sängers ist Hannes Scheffler, vielen auch als Haus- und Hof-Gitarrist von Wenzel bekannt. Dessen Part bei THE BABY UNIVERSAL ist freilich ein ganz anderer als bei Wenzel. Hier gilt es, das Instrument markant in den Vordergrund zu rücken, das Gitarrenriff in Szene und dem Werk Rhythmus und Stempel aufzusetzen. Die Musik von THE BABY UNIVERSAL atmet und lebt damit von Schefflers Gitarre, macht sie unverwechselbar. Gleichwohl ist deren Einsatz wohldosiert, nie zu aggressiv, häufig hingegen melodiös und das jeweilige Stück prägend. Die beiden (!) Drummer Friedrich Hentze und Carsten Rothweiler sowie Bassist Tobias Lehmann sorgen indes für's Fundament.

Nun denn - natürlich gab es das Material der Platte zu hören, partiell wie auch dort im Background bravourös begleitet durch Kiki Bohemia und Caterina Westphal. Aber auch ein Klassiker von Altmeister Woody Guthrie fand Einzug in das Programm. Das überwiegend junge Publikum zeigte sich zudem erstaunlich textsicher und tanzfreudig, und so war selbst die heiße, stickige Luft (man darf dort sogar rauchen!) in dem überfüllten, kleinen Kultur-Saal des .HBC kaum noch wahrnehmbar, weil Teil des atmosphärischen Ganzen. Das hier und da verbreitete Gerücht, die Band würde sogar ihre Ansagen ausschließlich auf Englisch machen, kann übrigens nicht bestätigt werden.

So darf ich also abschließend resümieren, dass THE BABY UNIVERSAL alles Zeug haben, eine große, seit langer Zeit klaffende, schmerzliche Lücke in der deutschen Musiklandschaft zu schließen. Und allein darüber lohnt es sich zu freuen!





Fotoimpressionen: