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20. Berlin Revue im Berliner Admiralspalast am 2. August 2010 Bericht: Andreas Hähle Fotos: Patricia Heidrich
Herrschen draußen große Hitzen, darfst du auf den Sitzen schwitzen. Ich gehöre zu den Menschen, die nichts gegen geöffnete Fenster haben. Auch nicht bei Konzerten. Erst recht nicht, wenn ich selbst in einem Konzert sitze. Dann haben allerdings meist die etwas dagegen, die draußen sind. Weil sie das Konzert zu laut finden, denn es könnte dadurch das abendliche Idyll stören, das leider zumeist nicht mehr aus einem guten Buch besteht, sondern aus Fernseh-Tönen. Mir wäre es lieber gewesen, wenn zu Zeiten der Fußball-WM die Fenster geschlossen geblieben wären, nicht nur wegen der mittlerweile berühmt gewordenen Vuvuzelas. Aber alle hatten sie die Fenster wohl auf, jedenfalls hörte sich das so an. Wegen der Wärme an jenen Tagen. Und Public Viewing gab es auch noch. Aber keine "Berlin-Revue". Jetzt ist die Fußball-WM vorbei, von den meisten Lauthalskrakeelern unbemerkt sind wir weibliche U20-Weltmeister geworden und es war wieder einmal Zeit für Patti und mich, eine "Berlin-Revue" zu erleben. Allerdings waren wir am Abend dieses Montages so müde, dass wir befürchten mussten, uns könnte dasselbe widerfahren wie mir beim Zöllner-Gensicke-Konzert in Kühlungsborn. Wir waren gespannt, ob uns dies, auch ohne Bier in diesem Falle, so geschehen würde und wir waren auch gespannt, wer außer dem Gastgeber Mark Scheibe und dem "Berlin-Revue-Orchester" an diesem Abend auftreten würde und womit. Diesbezüglich und überhaupt halte ich diese Show für unkompliziert. Aber das kann auch daran liegen, dass ich mittlerweile überzeugt davon bin, dass alles und jeder unkompliziert ist, abgesehen von mir selber. Es war die 20. "Berlin-Revue", für uns war es die dritte. So voll wie an diesem Abend habe ich sie noch nie erlebt. Trotz der Hitze. Vielleicht, so überlegte ich, sollte es bei dieser Show, wie bei dem diesjährigen Bardentreffen in Nürnberg, um das Thema "Eisenbahn" gehen und das Publikum wie auch die Auftretenden sollten sich fühlen wie in einem ICE mit einer modernen Sparpaket-Klimaanlage. So konnten wir also auch gespannt sein, wer wohl den ersten Kreislaufkollaps erleiden würde und wer dann die Mund-zu-Mund-Beatmung übernehmen darf. Die Türen allerdings wurden, anders wie beim ICE, von einem netten Herren manuell geschlossen. Ganz in Weiß betrat der Maestro Mark Scheibe die Bühne und setzte sich an sein Klavier. Und präsentierte sich in einem Intro als melodramatischer Pianist, um dann in einem Couplet die Auftrittsangst und den zaghaften Willen zu einer gelungenen Show auszudrücken. "Es ist noch nicht zu spät, alles abzusagen." Scheibes musikalische Lösungen wie auch sein Gesang erinnern mich manchmal an Thomas Putensen und es juckt mich schon immer wieder ein wenig, die beiden mal zusammenzubringen. Dann kam der Auftakt-Titel: "Berlin-Revue". Mit dem obligatorischen Einzug des diesmal etwas kleiner besetzten "Berlin-Revue-Orchesters". Vor allem fehlte wegen Urlaub, Krankheit oder besser bezahlter musikalischer Verpflichtungen gänzlich der Bass nebst Bassisten. So bedauerte Mark Scheibe auch, aus diesem Grund für das Intro einen analogen Bass-Synthesizer einsetzen zu müssen. Das Publikum bedauerte dies irgendwann auch einmal, denn dieser Einsatz entwickelte sich zu einem Runing Gag, was nicht immer sinnvoll oder hilfreich war, manchmal gar künstlerische Qualitäten des Orchesters und der Interpreten sinnlos zerschlug. Gott sei Dank waren die Bläser sowohl im Intro als auch sonst meist lauter als das doofe Gerät. Schärfer waren sie sowieso. Wie auch die rasant sambaierende Percussion- und Schlagzeugabteilung. Und die Streicher vom losgelassenen Generalstab. Trompetensolo, Motivwiederholung Unisono. Noch in den 60ern hätte das Publikum bei dieser Musik und vor allem bei diesem Tempo einen Herzkasper erlitten. Beim nächsten Titel leider wieder der Synth-Bass. Ein Disco-Fox, getrieben von skurrilen Anweisungen des psychedelischen Kapellmeisters, ein Tanzbeat mit dem Titel "Schickes Höschen". Genau das hätte ich vielleicht der netten jungen Frau vom Wernesgrüner-Stand auf der Biesdorfer Parkbühne antworten sollen, als sie mir sagte. "Tolles T-Shirt". Der Refrain selbstverständlich in gebrochenen Beats zu skandieren. Das Publikum kapierte diesen Sachverhalt schnell und so wurde dieser Titel zum ersten Scheibe-Chöre-Hit des Abends. Ich glaube, mit diesem Song gewännen wir den nächsten Grand Prix dŽEurovision gleich noch einmal. Mit oder ohne Lena. Aber mit Mark Scheibe und dem "Berlin-Revue-Orchester". Während der Percussionst in der Garderobe die Noten für den nächsten Titel suchte, erklärte Mark Scheibe uns erstauntem Publikum, wie man Jazz-Piano spielt: Man nehme drei beliebige schwarze Tasten und zwei beliebige weiße Tasten auf dem Klavier und mache dazu die entsprechende Steile-Falten-Stirn-Mimik. Es trat auf als erster Gast des Abends: Herr Bodo Wartke (www.bodowartke.de). Ein sehr gut singen könnender (und nicht nur das) Kabarettist. Mit dem Titel "Ja, Schatz". Es ist ja ein typisches Problem der Männer, nicht "Nein" sagen zu können, was zu den irrsten Verwicklungen, biographischen Verirrungen und zu ganz anderen Folgen führen kann, natürlich auch zum Mord. Oder eben auch nicht. Darum ging es in diesem wunderbar witzigen und toll gesungenen kleinen Lied. Wer Bodo Wartke live erleben möchte (und das sollte man möchten, es lohnt sich immens), der kann ihn erleben in seinem Solo-Stück "König Ödipus", mit welchem er vom 1.9.2010 bis Ende 2011 durch Deutschland tourt. Die Termine könnt Ihr auch auf der Homepage zum Stück finden unter www.koenig-oedipus.de. Der nächste Gast: Oliver Polak. Der Kabarettist und Autor des Buches "Ich darf das, ich bin Jude", der ganzabendlich am 24.9. und 25.9. im Berliner "Admiralspalast" zu erleben sein wird mit seiner "Jud süss-sauer-Show". Der Mann aus Papenburg in Israel. Der "letzte lebende jüdische Komiker". Und dann sang der auch noch. Nach klischeeparodierender jammernder Fagott-Versuchs-Klezmer-Einleitung beklagte sich der Herr Polak gemäss Klischees darüber, dass er zur Therapie müsse wegen seiner Depressionen. Denn er habe keine. Und sang vom "Reich" als neuen amerikanischen Themenpark. Eine Art Anti-Hartz-Vier-Maßnahme wahrscheinlich, auch oder besonders für Juden geeignet. Sehr sehr zu empfehlen, nicht diese Idee, sondern Oliver Polak. Natürlich gastiert er nicht nur in Berlin, sondern fährt ebenso wie Bodo Wartke das deutsche Ländle auf und ab. Aktuelle Tourdaten entnehmt Ihr bitte seiner Homepage www.oliverpolak.com. Der Myspace-Kontakt ist www.myspace.com/oliverpolak. Cem Arnold Süzer, bis dahin und auch weiterhin an diesem Abend am Orchester-Schlagwerk tätig, kam nun auch als Gesangssolist an die Reihe. Nach einer witzigen Wortkaskade mit Mark Scheibe präsentierte er einen John-Lennon-Song mit eigenem deutschen Text. "Ich wollte dir nie weh tun", sang er. John Lennon kann er nicht gemeint haben. Der hätte sich eventuell über diese Adaption gefreut. Man weiß es ja nicht. Aber ich finde solch Interpretationen doch immer interessanter als das öde 1:1-Nachgespiele seiner Titel in seichten Bars und versyphten Hotelkulturabstellkammern. Nebenberuflich ist Süzer Background-Sänger bei "Ich + Ich". Warum nur Background bei diesem Stimm-Eunuchen an der Front ist mir ein Rätsel. Mehr zu hören von Cem Arnold Süzer gibt es auf seiner myspace-Seite: www.myspace.com/cemsuezer. Die nebenberufliche Background-Sängerin des "Berlin-Revue-Orchesters" und ansonsten ab und zu mal mit ihrer eigenen Band auftretende Anna Lanfer (Termine auf www.annalanfer.de) präsentierte ihren Titel "Versteh mich bitte nicht falsch". Sehr schön. Und ich habe es immer noch nicht geschafft, einen ganzen Abend mit ihr und ihrer Band zu erleben. Aber irgendwann, irgendwann... bis dahin gibt es einige Titel von ihr zu hören auf www.myspace.com/annalanfer. Nach ihr wurde die "Königin des Neo-Schlagers" angekündigt: die 25jährige Sängerin und Schauspielerin Ella Endlich. "Schmerz kann sich unter bestimmten Voraussetzungen in Lust verwandeln", phrasierte Mark Scheibe, bezogen auf den leidigen und schon erwähnten Bass und weniger bzw. gar nicht auf den nun vorgetragenen Titel aus der neuen CD der Actrice, die am 15.10. diesen Jahres bei Teldec erscheinen wird. Mit weißem Kleid und grüner künstlicher Blume im streng gescheitelten blonden Haar sang sie. "Hier ist mein Herz". Dieses Lied zelebrierte sie, herausragend unterstützt vom Orchester, mit den allzu bekannten typischen Schlagergesten. Jetzt bin ich mir sicher: Es muss eine Schule dafür geben. Dabei reichte die Stimme dieser Frau allein vollkommen aus, um mich für sich einzunehmen. Mut zum Schlager? www.ellaendlich.de und www.myspace.com/ellaendlich. Mark Scheibes Satz, mit welchem er das Publikum in die Pause schickte, muss ich mir wohl doch noch einmal durch den Kopf gehen lassen: "Ohne Sie wäre das nicht der halbe Spaß." Das Publikum störte sich nicht daran. Es kehrte größtenteils brav und zu Recht zum 2. Teil der 20. "Berlin-Revue" zurück. Begrüßt von etwas Klaviermusik. Und die Mark-Scheibe-Chöre intonierten: "Freunde, die Berlin-Revue geht weiter". "Du bist so schön, wenn ich besoffen bin". Ein Lied, welches Mann in der beschriebenen Situation fast allen Frauen trällern könnte. Ob es den Frauen auch so geht, weiß ich gar nicht. Und dann wieder der an einer Stelle leicht an den Ralf-Siegel-Hit "Dschingis Khan" erinnernde Intro-Titel. Da war sie wieder, die Stelle, beim Takt 121. Der Entertainer Kay Ray diesmal als Gast in einer anderen Show. Oft genug fungiert er als Gastgeber in seiner eigenen Show, den Kleinkunstinteressierten landauf landab wohl bekannt. Ohne Krücken, die er zum Glück wieder los ist, war er sehr gut bei Stimme und bei Tanzbein und offerierte einen Titel, welchen einst Amanda Lear sang, den ich aber entweder nicht kannte oder einfach nicht erkannte: "Fashion Pack". Wer ihn erleben möchte, für mich ist das ab und zu immer mal ein Muss, der Typ hat einen Suchtfaktor: Aktuelle Termine findet man unter www.kayray.de oder - ja auch er - unter www.myspace.com/kayray4you. Zu den Klängen einer Bossanova betrat Bodo Wartke ein zweites die Bühne des Abends. Der diese auch sehr champamourös betanzte. So witzig und herrlich anzuschauen, dass die Orchestralen aus dem zum Text des Titels durchaus passenden Takt 69 (!) wankten. "Das ist es, was ich gerade denke", sang der witzig-souveräne Filou und alle waren hin, nicht nur die Damen. Melodramatisch und trotz der besinnlichen Melodie und schönen Klänge nicht ohne seine übliche Dynamik orchestrierte uns Mark Scheibe nun für eine Weile Nachdenklichkeit ins Ohr und in die Sinne, wohl um einen kleinen Übergang ohne Bruch zur nächsten Künstlerin zu gestalten. Nico Rost, bis dahin neben Anna Lanfer Backgroundsängerin an diesem Abend, mit einer Gedichtvertonung. Mark Scheibe meinte: "Vermutlich von Christian Morgenstern". Mir kam der Text zwar bekannt vor, aber ich konnte ihn nicht einordnen. Großartig dargestellt das Ganze, ein Kunstwerk für sich, gesanglich und mimisch. "Ich bin die Flamme" sang sie und man nahm ihr das ab. Wäre nicht dieser unsägliche Bass-Synthesizer gewesen... hier fand ich ihn grausam störend. Zu einem in der Tat und hörbar improvisierten Bolero schritt Kay Ray erneut auf die Bühne. In einer Phantasieuniform. Und bedankte sich erst einmal beim Publikum dafür, dass es bei diesen Temperaturen im Saal aushielt. Und nach einigen sarkastisch kabarettistischen Abrissen über den Zeitgeist entpuppte sich der Bolero als Adaption von "Sag mir, wo die Blumen sind". In einer Version, die aufgrund nicht vorhandener Proben sicherlich noch nie so gehört wurde und höchstwahrscheinlich auch nie wieder so gehört werden wird. Mit gnadenloser Konsequenz klammerte Mark Scheibe alle Zeilenwiederholungen aus diesem Titel aus, selbstverständlich ohne vorher das Orchester, welches dieser seltsamen Marotte jedoch zu folgen vermochte, und ohne Kay Ray zu informieren. Er hat es einfach bis zum Ende des Titels nicht mitbekommen, was da schief lief. So hätte Kay Ray eher leidvoll singen sollen: "Sag mir, wo die Strophen sind". Dennoch meisterte er jede Hürde, die ihm dadurch gestellt wurde. Irgendwie war das schade, irgendwie zerhackte es die dennoch unglaublich tiefgreifende Interpretation. Da hat der Mark Scheibe beim Kay Ray wohl noch etwas gutzumachen jetzt. Ella Endlich machte uns mit ihrem zweiten Titel an diesem Abend "Gänehaut". Bitte, auch wenn es wirklich Schlager ist, versucht wenigstens einmal, Euch diese Wahnsinns-Stimme anzuhören. "Musik ist Liebe", wieder einmal am Ende der Show und doch wieder einmal ganz ganz anders vom Orchester gespielt. Und wieder brachte sich das Orchester bei diesem Abschluss-Titel - ich glaube, die machen das mit Absicht - so durcheinander, dass es für das Publikum eine hohe Freude war. Die nächste "Berlin-Revue" findet am 7. September statt, natürlich wieder im "Admiralspalast". Wer dann die Gäste sein werden... wer weiß. Spannend wird sie sicher wieder sein. Es lohnt sich, wenn man Spaß hat an allem, was Musik ist.
Fotoimpressionen:
![]() Mark Scheibe ![]() ![]() Bodo Wartke ![]() Oliver Polak - Jud süß sauer ![]() ![]() schweißtreibende Moderation von Mark Scheibe ![]() Cem Arnold Süzer ![]() Anna Lanfer ![]() ![]() ![]() Ella Endlich ![]() (Pa)lastmusi(k) ![]() Kay Ray ![]() Bodo Wartke ![]() Nico Frost ![]() ![]() "Sag mir wo die Blumen sind..." - Kay Ray ![]() halbe Strophe - ganze Strophe ![]() ![]() ![]() ![]() Mark Scheibe beim Horoskoplesen ![]() ![]() Ende der 20. Berlin-Revue |