Bericht:
Torsten Meyer

Fotos:
Kathrin Neugebauer (Textillustration),
Rüdiger Lübeck (alle Livebilder)





Ich wage mal ganz frech zu behaupten, ein Großteil der Deutsche Mugge-Leser hat bereits ein Alter jenseits der 40 erreicht. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, dass es hier oftmals um Bands oder/und Solisten geht, die bereits zwanzig, dreißig Jahre oder noch länger auf der Bühne stehen, also mit uns alt geworden sind. Hat sich jemand von Euch aber schon einmal Gedanken gemacht, wann der richtige Zeitpunkt wäre, um auf sein bisheriges Leben zurückzublicken? Und wenn man meint, JETZT könnte es soweit sein, dann bleibt immer noch die Frage zu klären, in welcher Form denn diese Retrospektive erfolgen soll.

Als Musiker hat man es relativ einfach. Gehört man einer Band an, feiert diese beispielsweise ihr 100-jähriges Bühnenjubiläum in Form eines rauschenden Geburtstagskonzertes, zu dem in der Regel noch diverse Gäste eingeladen werden. Einen ähnlichen Weg wählte am Donnerstagabend ein Urgestein der ostdeutschen Musikszene: MICHAEL BEHM. Wenige Wochen vor dem Eintritt in das Lebensjahrzehnt mit der schönen Zahl "6" davor lud jener MICHA BEHM alle Interessierten in die WABE nach Berlin ein, um auf sein überaus ereignisreiches und bewegtes Musikerleben zurückzublicken. Ich darf es vorwegnehmen: es wurde ein gigantomanischer Abend mit insgesamt 35 (!) Gastmusikern ganz unterschiedlicher Coleur.

MICHAEL BEHM
Wenn ich eben von einem ereignisreichen und bewegten Musikerleben sprach, so ist das in Bezug auf MICHA BEHM durchaus ernst zu nehmen. Dabei ist er keiner, der in der Öffentlichkeit den Bekanntheitsstatus eines - wer fällt mir auf die Schnelle ein? - Dieter Birr, Günther Fischer, Herbert Dreilich oder Horst Krüger hat, um nur einige zu nennen. Aber das macht auch nichts, denn die wirklich musikinteressierten Zeitgenossen unter uns wissen sehr wohl, von wem wir hier reden.

Der Abend stand unter dem Motto "MICHAEL BEHM - Ein Trommlerleben". Schaut man sich seinen beruflichen Leistungsnachweis an, schnalzt man unweigerlich mit der Zunge und staunt, wo dieser MICHA BEHM schon seine Trommelstöcke geschwungen hat. Nach den ersten Gehversuchen in einer Schülerband, dem Mitwirken in der "Robotron"-Betriebsband und der Gründung der ersten eigenen Band (Audiophon) wurde es dann ernst. Von 1974 bis 1975 bediente er bei einer gewissen Band namens TRANSIT die Drums, es gilt als seine erste Profistation und war der Startschuss zu einem irre aktiven "Trommlerleben", das bis in den heutigen Tag hinein reicht. Viele ehemalige Musikerkollegen, die im Laufe der Jahre mit MICHA BEHM zusammenarbeiteten, erwiesen ihm gestern Abend die Ehre. Aber auch seine aktuellen Projekte kamen nicht zu kurz.

KLANGWELTEN VOLLER PHANTASIE
Die WABE war proppevoll, als kurz nach 20:00 Uhr der überschaubar große Saal von seltsamen sphärisch klingenden Geräuschen durchflutet wurde. Durch die dunklen Reihen sah man eine Gestalt wandeln, die sich schnell als MICHA BEHM zu erkennen gab. Auf der Bühne angekommen, begab er sich an ein aus diversen Percussions zusammengestelltes Schlagzeug, dem er die seltsamsten Rhythmen und Töne entlockte. Zwischendurch zauberte er immer wieder aus einem abgewetzten ledernen Aktenkoffer seltsame Klanghölzer, Kettchen und andere wunderbare Geräusche erzeugenden Gerätschaften, die ich ansonsten eher irgendwelchen afrikanischen Voodoo-Zauberern zuordnen würde. Am anderen Ende der Bühne intensivierten sich die Piano- und Keyboardklänge immer mehr, entführten den Zuhörer in Klangwelten, die alle möglichen Interpretationen und Phantasien zuließen, ja geradezu herausforderten, bis sie sich mit Michas Takt trafen und zu einem jazzig-swingenden Teppich verschmolzen. Es lässt sich nur schwer beschreiben, was dort zu hören war, und Micha möge mir bitte verzeihen, wenn die eigentlich beabsichtigte Aussage dieser für meine Ohren ziemlich fremden Klänge eine andere war und ist, aber ich habe es genauso empfunden wie hier beschrieben. Hinter diesem Auftakt, den man so sicher nicht erwartet hatte, verbirgt sich ein Projekt namens YADSÒ. Partner von MICHAEL BEHM ist hierbei LUTZ GERLACH an den Tasten, der ebenfalls ein vielbeschäftigter Komponist und Musiker ist. Schaut Euch auf seiner Webseite um, Ihr werdet staunen.

VON A wie ANDREA bis W wie WROBLEWSKY
Die umfangreiche Gästeliste ließ einen Open End-Abend vermuten. Ich hoffe sehr, dass es im Interesse der Leser ist, wenn ich zwar alle aufgetretenen Acts erwähne, mich aber nicht allzu lange mit ihnen aufhalte, denn ansonsten erreicht der Beitrag ruck zuck einen Umfang wie Leo Tolstois KRIEG UND FRIEDEN.
Ehe es auf der Bühne richtig losging, kam es jedoch zu der unvermeidlichen festlichen Laudatio für den Hauptdarsteller des Abends. Christine Dähn erinnerte an BEHMs musikalischen Werdegang, darin eingebettet einige nette Anekdoten rund um MICHAEL BEHM, vorwiegend aus dem längst vergangenen sozialistischen Alltag, die natürlich für viele Schmunzler sorgten.

Der erste Gast des Abends war ANDREA TIMM, in deren Band MICHAEL BEHM - welch' Überraschung - aktuell den Schlagzeugpart übernommen hat. Ich hatte vorher noch nie das Vergnügen, ANDREA live zu hören. Nach ihrem gestrigen Auftritt bereue ich das zutiefst, denn mit ihrem Stil, der irgendwo zwischen Liedermacherin und Popsängerin liegen dürfte, ihrer interessanten Stimme sowie den überzeugenden Texten machte sie mich ungeheuer neugierig auf mehr als die drei gespielten Titel dieses Abends. Dennoch blieb keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, denn das Gästekarussell rotierte flugs weiter. Ein Herr, den ich sehr schätze, übernahm nun das Zepter: PETER PABST von der JONATHAN BLUES BAND sorgte für ordentliches Bluesfeeling im Saal, unterstützt an der Harp von seinem Bandkollegen Matze Stolpe, sowie natürlich MICHA BEHM an der Schießbude.

Zu meiner großen Freude wurde die Stilistik beibehalten, denn ohne lange Pause gestaltete zwei Songs später ein weiterer Blues-Hero und ehemaliger Mitstreiter von MICHA BEHM die nächsten Minuten des Programms, nämlich WALDI WEIZ. Diese beiden Herren haben einfach den Blues im Blut und sorgten dafür, dass ich mich fast schon wie auf einer reinen Blues-Mugge fühlte.

Ganz schnell jedoch platzte meine Wolke, denn nun folgte eine Band, die immer irgendwie an mir vorbei ging, die sich vor 33 Jahren auflöste, und in der MICHA BEHM von 1976 bis 1977 aktiv war: NEUE GENERATION. Prominente Namen wie Rainer Oleak zierten deren Chronik, vor allem aber HEINZ-JÜRGEN "GOTTE" GOTTSCHALK prägte das Gesicht und die Musik der Band. GOTTE stand an diesem Abend noch mehrmals auf der Bühne und zeigte, dass der Zahn der Zeit an ihm bislang kaum genagt hatte. Den gespielten Songs von NEUE GENERATION hörte man dagegen schon eher an, dass sie nicht aus der heutigen Zeit stammen. Aber was soll's, sie sind ein Stück Historie in BEHMs Musikerleben und hatten allein deshalb schon die Berechtigung, an diesem Abend dabei zu sein.

Die nächsten beiden Akteure stellten einen weiteren sehr angenehmen Farbtupfer in dem abwechslungsreichen Programm dar: IVONNE FECHNER und LIFT-Gitarrist BODO KOMMNICK. Zusammen bilden sie das Duo BLACKBIRD, über die mein Kollege Dietmar Meixner dieser Tage gerade erst einen Konzertbericht für die Deutsche Mugge verfasste (siehe HIERm). Dem ist von meiner Seite nichts hinzuzufügen, außer vielleicht, dass ich Dietmars Begeisterung jetzt absolut nachvollziehen kann.

TROMMELN OHNE ENDE
Bevor es in eine kleine Pause ging, wurde es noch einmal richtig laut. Vor der Bühne bauten sich eine Menge junge Leute auf, die allesamt in der Musikschule Weissensee von MICHA BEHM unterrichtet werden. Diverse Trommeln und Percussions ließen erahnen, was nun folgen würde, nämlich ein ungeheuer wuchtiges Rhythmusgewitter. Man fühlte sich wie auf einem brasilianischen Karnevalsumzug (wo waren die Samba-Tänzerinnen?) - phantastisch! Und schon zeigte die böse Uhr auf 22:30 Uhr, aber ein Ende war noch nicht abzusehen.

REINHARD FISSLER
Es gibt immer wieder Dinge zwischen Himmel und Erde, die selbst den abgebrühtesten Kerl nicht kalt lassen. Dazu gehörte der sehr emotionale Moment, zu dem es nach der Pause kam, als plötzlich eine etwas brüchige Stimme aus dem hinteren Teil des Saales ertönte. Mich durchzuckte es, denn das konnte nur einer sein: REINHARD FISSLER. Man hatte ihn in seinem Bett mitten ins Publikum geschoben, von wo aus er das Geschehen auf der Bühne verfolgen konnte. Zur Freude aller sang REINHARD den Klassiker "Georgia on my mind" und erntete dafür Standing Ovations. Ich bewundere diesen Kerl für seinen ungebrochenen Lebenswillen und seine unendliche Kraft, die ihn trotz der Schwere seiner Krankheit nach wie vor zu solchen Aktionen befähigen. Es war ein extrem berührender Auftritt und ich bin froh, dass ich dabei sein durfte.

FAMILIENBANDE UND ABWESENDE KOLLEGEN
Nachdem Lilli, Lisann und Marcel Behm ihren Vater stolz wie Bolle werden ließen, in dem sie der Reihe nach ein paar Songs sangen, kam ein weiteres Project von MICHA BEHM zur Vorstellung, nämlich die Arbeit mit tanzenden Kindern und Jugendlichen. Wann zum Teufel macht der MICHA das alles? Haben seine Tage 10 Stunden mehr als meine?

Selbstverständlich wurde auch ein weiterer wichtiger Abschnitt in der Karriere von MICHAEL BEHM nicht verschwiegen: seine Zugehörigkeit zur STERN-COMBO MEISSEN. Wir alle wissen, dass es im Laufe der Jahre einige unschöne Begebenheiten zwischen MICHA und dem Rest der Band gab, weshalb wohl auch kein Kollege der STERN COMBO an diesem Abend anwesend war. Ich bedauere das sehr, aber immerhin widmete MICHA diesem Teil seines Lebens drei Titel, von denen er die ersten beiden in Begleitung von vier Streichern, einem Cello und Klavierbegleitung sang. Nun ist ein Herr BEHM kein PHIL COLLINS, soll heißen, dass sein Gesang nicht unbedingt preisverdächtig ist, aber mit diesen klassisch angehauchten Arrangements erhielten die Songs eine ganz eigene Wirkung und vertrugen ohne Probleme den Vocalbeitrag von MICHA.

Neben der STERN COMBO sollte ursprünglich auch unsere unverwüstliche VERONIKA FISCHER dabei sein. Aber leider kam ihr eine Promotionveranstaltung anlässlich des Erscheinens ihres neuen Albums dazwischen, so dass improvisiert werden musste. ANDREA TIMM übernahm VRONIs Part für die zwei geplanten Songs und machte das gar nicht mal schlecht. Mit auf der Bühne stand außerdem THOMAS NATSCHINSKI, der auch jedem noch ein Begriff sein dürfte.

ZWEI STIMMGRANATEN ZUM ABSCHLUSS
Oh weh, die Uhr rutschte gnadenlos auf die mitternächtliche Stunde zu, doch zwei absolute Highlights warteten noch auf ihren Auftritt. Es begann mit BAJAZZO und ihrer unvergleichlich stimmgewaltigen Frontfrau PASCAL VON WROBLEWSKY. Also ganz ehrlich: mit Jazz kann man mich in Sekundenschnelle vom Hof jagen. Aber wenn man mir Jazz in Verbindung mit PASCAL VON WROBLEWSKY anbietet, noch dazu live, dann werfe ich ausnahmsweise mal meine Prinzipien über Bord und ergötze mich unendlich an dieser Powerfrau und ihrer wuchtigen Stimme. Einfach der pure Wahnsinn! Genauso wie der unwiderruflich letzte Act dieses langen, langen Abends. Lange hat man nichts mehr von ihm gehört, und dennoch ist er jedem noch in ewiger und bester Erinnerung mit seinen unsterblichen Balladen: HOLGER BIEGE! Ja, der Meister persönlich gab sich die Ehre und erfüllte MICHA BEHM gleich drei Musikwünsche: "An jenem Morgen", "Jessi" und schließlich "Sagte mal ein Dichter", jene Hymne, die auch noch in hundert Jahren verhindert, dass HOLGER BIEGE in Vergessenheit geraten könnte.

DER MORGEN DANACH
Kaum zu glauben, aber das Konzert kam kurz vor 1:00 Uhr doch noch zum Ende. Fast alle Zuschauer hielten bis zum Schluss durch, obwohl es ein Donnerstag war, und vermutlich die meisten am nächsten Tag wieder früh raus mussten. Aber es hat sich absolut gelohnt, eine solche klangvolle Gästeliste wird man so schnell nicht wieder erleben. MICHA BEHM selbst hielt ebenfalls tapfer durch, obwohl er ja nun wirklich das komplette Programm über auf der Bühne stand. Dieser Mann ist ein Allrounder, ein Steher, ein Vielseitigkeits-Meister, eine Persönlichkeit, vor der ich nur den Hut ziehen kann. Möge er noch ganz viele Jahre der Musik und uns erhalten bleiben! Getreu seinem selbst formulierten Motto: "Bis der Deckel knallt werde ich auch weiterhin so umtriebig wie möglich bleiben..."

Abschließend bleibt mir nur noch zu sagen, es war eine tolle Sache, die da ablief, aber ich war dann nach den fast 5 Stunden Dauermugge heilfroh, endlich nach Hause gehen zu können und wenigstens noch ein klein wenig Schlaf zu bekommen. Vielleicht wäre bei diesem Gig etwas weniger tatsächlich mehr gewesen. Aber das soll wie gesagt der Qualität des Erlebten keinen Abbruch tun.

Die nächsten Möglichkeiten, Micha trommeln zu sehen:
17.12.2011 - Stralsund (mit Andrea Timm & Band)
13.01.2012 - Berlin (mit Andrea Timm & Band)
25.02.2012 - Neuenhagen (mit Andrea Timm & Band)
20.04.2012 - Freiberg (mit Andrea Timm & Band)
nähere Infos auf der Homepage vom MB Konzerte...


Bitte beachtet auch:
- off. Homepage von MICHAEL BEHM: www.michael-behm-drums.de
- Homepage der WABE: www.wabe-berlin.de






Live-Impressionen: