Bericht:
Holger Stürenburg

Fotos:
Pressefotos






Wie es die Zeitrechnung nun mal so vorschreibt, sind die 80er Vergangenheit - aber "Alphaville" - einer der wichtigsten musikalischen Vertreter dieser Dekade - gibt es, wenn auch in veränderter, bis auf Sänger Marian Gold gänzlich erneuerter Besetzung, immer noch bzw. wieder! Knapp 26 Jahre nach "Forever Young" (die gleichnamige LP erschien eine Woche später am 27.09.1984) sind "ALPHAVILLE" derzeit auf umfangreicher Tournee, nachdem Marian Gold und die Seinen im November 2010 überraschend und unerwartet das erste Studioalbum seit 1997, "Catching Rays on Giant" (Polydor/UNIVERSAL), auf den Markt brachten, das - hier staunt der Laie und der Fachmann wundert sich - problemlos in die Top 10 einziehen konnte, obwohl viele Besserwisser schrien, der 80er-Jahre-Sound sei endgültig und ein für allemal beerdigt.


Alphaville 1984

Am Mittwoch, dem 30. März 2011, gastierten Marian Gold und seine aktuellen Mitstreiter, Martin Lister (key), David Goods (git), Jakob Kiersch (dr) und Bassistin Maja Kinn im Hamburger Club "Grünspan" auf dem Kiez, in der Großen Freiheit, nahe der Reeperbahn. Lauter eingeschworene Alt-80er, die "Forever Young" geblieben waren, nur wenige Nachgeborene, bevölkerten die kultige Konzerthalle. Es brandete lauter Jubel der rund 750 "Unverbesserlichen" auf, als gegen ca. viertel nach acht ein zwar für immer junger, aber sichtlich gereifter Marian Gold und seine Begleiter - keiner aus der Originalbesetzung - die Bühne betraten, um eine laute, schnelle, krachende Zeitreise in UNSERE Dekade zu unternehmen, ohne natürlich die besten Beiträge aus dem aktuellen Comeback-Album zu vergessen.

Wer mich kennt weiß, dass ich Neuaufnahmen, Neuarrangements alteingessenen Popkulturguts mehr als nur skeptisch gegenüberstehe - was aber "Alphaville" anno Domini 2011 aus ihren Jahrhundertshits herausgeholt haben, kann nur als genial und höchst kreativ bezeichnet werden. Meine Begleiterin Nici, wie ich auch 39 Jahre alt, ist ebenso 80er-interessiert, wie der Verfasser dieser Zeilen. Wir sitzen oft bei mir zu Hause und schauen uns Bildbände mit Photos "von früher" an. Dann sagt sie immer wieder: Und wann bauen wir die Zeitmaschine? Marian Gold und Co. haben sie uns, und all den anderen anwesenden Gästen, für um die zwei Stunden in bester, lautester, krachendster Manier gebaut. Viele der sagenumwobenen Hymnen aus jenen "Glory Days" (vgl. Springsteen, 1984) waren nicht mehr wieder zu erkennen. Gibt es so etwas wie "Synthi-Metal"?? Wenn bisher nicht, dann haben "Alphaville" denselben nun erfunden! Weitaus härter und druckvoller als auf ihrem ohnehin sehr rocklastigen Livealbum "Stark, Naked and Absolutly Live" (2000), verband die Band drastischen Gitarrenrock mit den altehrwürdigen Popkompositionen, die schon damals aus dem allgemeinen Teeniepop-Gedudel der Mitt-80er hervorstachen. Schon 20 Minuten vor eigentlichem Konzertbeginn waren die Lichter im "Grünspan" ausgegangen bzw. auf typisches 80er-Neon-Licht-Blau gedimmt. Alle warteten gespannt, die Nici fragte mich ein ums andere Mal: "Wann geht's denn endlich los?" Ich sagte, "Gute Zeitmaschinen brauchen ihre Zeit...", und dann zauberten uns Marian und Band direkt zurück dorthin, woher wir kommen!


Alphaville 1987

Die neuen Lieder reihen sich Eins zu Eins in den Hitreigen der "Zeit unseres Lebens" ein: Der schnelle, heftige "Song for No One" etwa, der rockige Antihymnus "I die for you today" (lyrisch sehr tiefgehend und überlegenswert!), der Gothic-Rock-Verschnitt "The Things I didn't do" (Grüße an "Sisters of Mercy"...), das punkige, vorausrockende Drama "Für ein wüstes Mädchen" (Zitat: Marian G.), "Gravitation Breakdown", die eher folkige, ruhige Ballade "Carry you plag" oder das (auf der CD) verhaltene "Call me down": Phantastische Klangkreationen schon in der Urfassung, erwuchsen auf der Bühne zum feurigen Gitarreninferno - "AC/DC" meets "Depeche Mode".
Bereits als Titel Numero Drei erklang der 1986er-Erfolg "Dance with me", seinerzeit erste Single aus der zweiten LP "Afternoons in Utopia", im krachenden Hardrock-Gewand. Die prickelnde 1985er-Genialität "Jet Set" - Nici und ich hatten uns die Vinyl-Maxi erst am Nachmittag vor dem Konzert mal wieder zu Gemüte geführt - moderierte Marian als "This is Rock'n'Roll" an. Man glaubte nun tatsächlich, einen vollkommen neuen Titel zu hören. Da dröhnte die Gitarre, wummerte das Schlagzeug, kreischten Keyboards und Bass - von Ferne erinnerte die 2011er-Version dieser diabolischen Parodie auf das Mitt-80er-Yuppietum an die Kooperation zwischen den US-Rappern "RUN DMC" und den Edel-Hardrockern "Aerosmith" bei einer Neuauflage von "Walk this Way" im Herbst 1986. "Jet Set" gerierte sich im "Grünspan" als Heavy-Rap, staccatohaft, von dreisten Gitarrenriffs untermalt, letztlich als eine (wohl gewollte) Konterkarierung des diskotauglichen, eher pflegeleichten 1985er-Originals.

Letztes verbliebenes Alphaville-
Urmitglied: Marian Gold

"Sounds like a Melody", schon als zweite Single im Frühjahr 1984 für Popverhältnisse recht abstrakt inszeniert und alleine aufgrund des harten Beats und des immer wieder einkehrenden Tempowechsels nicht alltäglich, schallte gleichsam Heavy-mäßig durch den Konzertsaal. Und dann... kurz vor Schluss: "FOREVER YOUNG", von einer POP-Ballade in eine ROCK-Ballade kongenial umgewandelt. Dies war für Nici und mich (und garantiert auch für all die anderen frohlockenden Gäste des Abends) DIE "Zeitmaschine", zurück zu unseren Wurzeln. Wir mussten die 90er und die "Nuller" gnadenlos über uns ergehen lassen, wir haben unsere Schicksale, unsere Lebensgeschichte - der eine wurde Außenminister (wie lange noch??), der andere vielleicht Rechtsanwalt, Arzt, Diplom-Psychologe, Radiomoderator, Schlagertexter, CDU-Fraktionsvorsitzender... - einer wurde auch schwerkrank und trotzdem anerkannter Musikexperte... wir 80er-Kinder, wir sind und bleiben "Forever Young"!!! Dazu leistet durchaus auch Marian Gold mit seiner phantastischen Hymnisierung der ewigen Jugend von uns 80ern seinen Beitrag!

Für 80er-Freaks besonders spannend war die erste Zugabe. Die B-Seite des Welthits "Big in Japan" nannte sich "Seeds" und war, zu Hochzeiten der Neuen Deutschen Welle, zunächst auf Deutsch als "Das Leben ohne Ende" angedacht, wurde später aber mit englischer Betextung veröffentlicht, kam in der raren muttersprachlichen Erstfassung zum Einsatz. Klirrendkalter NDW-Synthipop per Excellanze... Warum hat damals keine große Plattenfirma angebissen? "Major Tom" und ähnlicher Mainstream wären uns womöglich erspart geblieben! Und dann rockte uns die A-Seite "Big in Japan", derjenige Nummer-Eins-Hit, der den High-Enegry-Kracher "Relax (Don't do it)" der britischen Chaotencombo "Frankie goes to Hollywood" als Spitzenreiter in den deutschen Charts ablöste (deren damaliger Sänger Holly Johnson im übrigen vor seiner Zeit bei "FGTH" in einer Band namens "Big in Japan" tätig war, denen Marian Gold damals die Titelzeile des wegweisenden 80er-Pophits "Big in Japan" (sic!) entlieh!). Der Text deckte sich m.E. nicht mit der 1984er-Urfassung, aber, das Authentische, Verschrobene, Bizarre des Originals wurde dadurch keinesfalls geschmälert. Als letzte Zugabe diente eine Pianoversion von "Dance with me", nur begleitet von Keyboarder Martin Lister, die Marian auf Deutsch erklärte. Kryptisch meinte man zu erkennen, dass er dieses Lied für seinen verstorbenen Vater geschrieben hatte. Es ginge bei diesem Lied um einen toten Menschen und ein Denkmal, der tote Mensch könne tanzen, das Denkmal jedoch nicht, weil aus Stein gemeißelt. Eine wunderschöne, intensive und originäre Darbietung einer gänsehauterzeugenden Reminiszenz an ganz Persönliches!

Marian Gold fühlte sich im "Grünspan", ob der immensen Begeisterung des Auditoriums, unübersehbar wohl. Er genoss es, eindeutig fühlbar, an diesem Abend personifiziert "Forever Young" zu sein. Seine kraftvolle Stimme ist weiterhin tiptop; mal gibt er den exaltierten Freddie Mercury, mal erinnert sein Auftreten an die schummrige, frankophile Dekadenz eines Marc Almond; Bryan Ferry steht auch mal Pate. Herr Gold ist ein Chansonnier des "Heavy-Synthipop", ein Zeremonienmeister der untergegangenen 80er, die jedoch in unseren Herzen niemals untergehen werden!!
Seine Mitmusiker wirkten streckenweise einwenig wie Staffage und schienen, von Keyboarder Martin Lister abgesehen, nichts zu sagen zu haben. Seine nicht untalentierte Bassistin Maja setzte, nahezu den ganzen Abend lang, ständig ein (künstliches, einstudiertes) Lächeln auf; gerade, wenn Photographen vor Ort waren. Dies nervte auf Dauer, trotz ihres Könnens an ihrem Instrument und ihrer zweifellos vorhandenen Attraktivität. Ansonsten waren "Alphaville" (resp. Marian Gold & Band...) ein Hochgenuss an 80er-Jahre-Gefühlen im Hardcore-Dress. Wenn irgendwelche 80er-Relikte der Ansicht sind, mit neuer Rhythmusmaschine ihren Althits neues Leben einhauchen zu können, sollten sie sich lieber ein Beispiel an Marian und den Seinen nehmen - SO überleben die 80er auch die heutige, kaum nachvollziehbare Zeit.