6. Rocknacht mit Tino Eisbrenner
und Berluc am 27.09.2008 in Mittweida



Bericht: Hartmut Helms
Fotos: Hartmut Helms




Gestern in Mittweida ist mir mal wieder klar geworden, daß es einem locker gelingen kann, über viele Jahre ein Vorurteil mit sich rumzuschleppen, ohne es zu merken. Tino "Jessica" EISBRENNER hatte ich immer nur reduziert auf den Sänger von "Ich beobachte dich" oder "Bring mir die Sonne". Klar, die beiden Songs hat er gestern auch gesungen, weil die Jugendlichen von damals als erwachsene Väter und Mütter sich gern erinnern. Aber gerade dieses "Ich beobachte Dich" erhielt von EISBRENNER so einen mitreizenden Swing- und Sting-Touch, daß die Daumen von ganz allein zu schnipsen begannen. So macht man Stille zu Klang. Da agierte ein gestandener Musiker mit seinem Trio, das mich (und ganz sicher auch andere) vom ersten Ton an faszinierte. Von den alten Klassikern mal abgesehen, Lieder, die ich nicht kannte, die aber berührten und fesselten. So ganz nebenbei entpuppte sich dieser Typ da oben als intelligenter Plauderer, der mit seinen kleinen Geschichten die Fabeln seiner Songs geschickt vorweg nahm. So etwa, als er die Entstehungsgeschichte eines Liedes über Chilenische Straßenkinder erzählte. Der Chilenische Volkssänger Victor Jara schrieb dieses Lied schon 1973, EISBRENNER hatte diesen Song aber als brandaktuell und in Deutschland angekommen moderiert - ob solcher Einsichten kann einem schon mal die Spuke wegbleiben!
Richtig sarkastisch wurde er beim Thema Krieg. Wie viele deutsche Söhne (Soldaten) sind eigentlich unterwegs in Afganistan und im Irak? Wieso müssen sie dort "unsere Freiheit" verteidigen? Warum beschließen "unsere" Politiker so etwas?? "Wenn das Mein Sohn wäre" stellte die Frage nach dem "Sinn" und tief in mir hörte ich Marlene Dietrich singen: "Sag' mir, wo die Blumen sind, wo sind sie geblieben...?"
EISBRENNER agierte gestern in der Liga der ganz Großen und an seiner Seite aus Jessica-Zeiten Andre Drechsler an der Gitarre. Die beiden anderen Musiker an den Tasten und Schlagzeug (sowie beide auch Gitarre) sind Chilenen. Alejandro Soto und Christian Carvacho agieren dezent und inspirierend am Piano, Percussion sowie diversen anderen Instrumenten. Für mich drängen sich Vergleiche zu anderen auf (Sting, Paul Simon, Peter Gabriel), die ebenso wie Tino EISBRENNER die Nähe zu den einfachen Dingen des Lebens und der Musik der Völker suchen. Dieser Mann gestern Abend hat mich überzeugt und in seiner Natürlichkeit angenehm überrascht. Weitere Begegnungen sind durchaus erwünscht.
Rocknacht zweiter Teil:
Dietmar Ränker ist rockendes Urgestein und seine Band BERLUC eine Institution. "Geradaus" ging die Reise in den nächsten 90 Minuten und alle, die wegen der bekannten Hits gekommen waren, wurden bestens bedient: "Glaube an dich", "Die Erde lebt" und natürlich "No Bomb", jener Song, der im Nachhinein zum Zankapfel wurde, weil er angeblich DDR-Staatsnähe bedeute. So ein Quatsch! Dieses Thema ist so aktuell, daß einem nur durch den Gedanken daran schlecht werden kann.
Mich hat vor allem der "neue" Sänger überrascht, der in Mittweida ein Heimspiel hatte, hat ihn doch die Liebe nach Hainichen verschlagen. Dieser Mann mimt nicht den Shouter, er ist einer und er lebt diese Rolle mit allen dazugehören Posen voll aus - Rock'n'Roll. Die Band im Rücken agiert souverän und präsentiert locker und flockig eine Rock-Show, die diesen gelungenen Abend erst kurz vor Mitternacht ausklingen lässt.
Ein Lob dem Veranstalter, der Risikobereitschaft bewies, die belohnt wurde. Musiker und Publikum waren sichtlich zufrieden. Freuen wir uns also auf die 7. Ausgabe der Mittweidaer Rocknacht am 26. September 2009. Dann gibt's "Blues in der Fichte" mit dem Bernd Kleinow-Trio und Engerling.




Foto Impressionen: