|
44 Leningrad live im Kesselhaus Singwitz am 12. Februar 2011
Bericht: Gundolf Zimmermann Fotos: Gundolf Zimmermann
Meister Röhrig aus den Comics von Brösel wäre am Sonnabend im Kesselhaus Singwitz bestimmt der Schreck gehörig in die Glieder gefahren, und er hätte in seiner Not sicher Lehrling und Gesellen mit den Worten "Eckhard, Werner - ich glaub die Russen sind da" zur Hilfe gerufen. Dabei waren gar keine echten Russen da, sondern "nur" die Band 44 Leningrad aus Potsdam. Na gut, es wird sicher auch Leute geben für die Potsdam in Russland liegt, aber der Normalfall ist das nicht *grins* Aber darüber möchte ich an dieser Stelle nicht weiter philosophieren, sondern lieber einen meiner berüchtigten Konzertberichte schreiben ;-)
Mit dem "Geburtstagslied", einem in Russland sehr populären Kinderlied, legte die Band dann endlich los. Manche kennen das Lied vielleicht auch unter dem Titel "Lied des Krokodils Gena", denn es stammt aus einer Trickfilmserie. Eine deutsche Version des "Geburtstagsliedes" hat übrigens der Liedermacher Gerhard Schöne auf dem Album "Kinderlieder aus aller Welt" veröffentlicht. 44 Leningrad verliehen dem Ausgangswerk natürlich gehörig mehr Schmiss und Tempo. Das ist ja das Faszinierende an dieser Band, dass sie gerne in fremden Gewässern wildert und aus traditionellen Volksmelodien und/oder bekannten Liedern der Popgeschichte etwas völlig Neuartiges zaubert. Einige dieser wirklich originellen Stücke durften die Besucher des Kesselhauses am vergangenen Sonnabend hören. Da wurde aus "Das Model" von der Electro-Band Kraftwerk plötzlich ein russisch anmutendes Instrumentalstück mit viel Pfeffer und das ohne irgendwelche Keyboardklänge. Daran schloss sich mit "Vorn dort" gleich ein Lied mit deutschsprachigem Gesang an. Ich kannte das Teil irgendwoher und ich hatte eine leise Erinnerung, wie das Original geklungen hat. Aber ich kam erst sehr viel später mit Hilfe des allwissenden Internets darauf, dass der Titel "Von dort kam sie her" (Text: Gisela Steineckert, M.: Arndt Bause) in den siebziger Jahren vom Chanson- und Schlagersänger Jürgen Walter gesungen wurde und auf dessen ersten Amiga-LP zu finden ist. Eigentlich könnte man über nahezu jedes gespielte Lied ein paar erklärende Worte schreiben, aber das hilft nicht wirklich weiter. Diese Band muss man live erleben und ich garantiere euch, das wird zum Erlebnis.
Die Band gab aber auch wirklich Gas. Neben den für Rockmusik typischen Instrumenten Gitarre, Bass, Schlagzeug und dem Gesang sorgte besonders Ulrike "Ulli" Eisenreich mit ihrem Akkordeon für die typischen Folkloretupfer. Frontmann Thilo "Theo" Finke setzte ebensolche Tupfer mit Mandoline und Balalaika. Basser Romuald Leonhardt spielte zeitweise auch Klarinette. Das von Silvio Hoppe äußerst druckvoll gespielte Schlagzeug und die wilde E-Gitarre von Yeti machten den Sound mehr als komplett. Dazu herrschte bei der Band auf der Bühne auch Feierstimmung. Da wurde gerockt was das Zeug hielt, gab es bei "Troika" wilde Tanzeinlagen und nebenbei gab es noch den einen oder anderen witzigen Kommentar. Diese ausgelassene Partystimmung war wirklich eine Wohltat. Auch in den Liedern steckte so manche Überraschung. Bei einem Lied nahmen sie Anleihen bei "Ghostriders in the Sky", was ich gar nicht so unpassend fand, denn als Jugendliche sangen wir auf diese Melodie gerne "Es war in einer Sommernacht am Rande des Urals". Das Volkslied "Heimat" endete als Ramones-Klassiker "Sheilla is a Punkrocker". Beim Arbeiterkampflied "Warschawjanka" blitzte plötzlich Chatschaturjans "Säbeltanz" durch. Um beim Beispiel mit dem Mixer von vorhin zu bleiben, es war als hätte dieser an mancher Stelle die Zutaten nicht richtig durchgerührt und deshalb konnten sich die Zuhörer an solchen Einlagen freuen. Beim italienischen Partisanenlied "Bella Ciao" intonierten diese Havelkosaken im Mittelteil die Trauerhymne "Unsterbliche Opfer". Als 44 Leningrad auch noch das "Lied von der unruhevollen Jugend" nachlegten, stand ganz sicher wieder ein breites Grinsen in meinem Gesicht. So ein klein wenig (N-)Ostalgie im Sinne von Erinnerung an ein unbeschwertes Heranwachsen ist ja aus meiner Sicht auch nichts Verwerfliches ;-) Die allerletzte Zugabe war dann die Abendgrußmelodie vom Sandmännchen. Was bleibt abschließend zu sagen? Schön war's mal wieder mit 44 Leningrad, und das auch noch fast vor der eigenen Haustür im Kesselhaus Singwitz. Perfekter kann ein solcher Abend kaum sein.
Fotoimpressionen:
![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]()
![]() ![]() ![]() ![]() ![]()
![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]()
|