2raumwohnung zu Gast in der Kul-
turarena Jena am 15. Juli 2010



Bericht: Holger John
Fotos: Holger John


Zur Jahrtausendwende gelang Inga Humpe und Tommi Eckart etwas sehr Seltenes: Sie trafen mit einer kleinen Melodie, mit einer wie beiläufig gesummten, lakonischen Liebesgeschichte eine ganze Nation direkt ins Mark. „Wir trafen uns in einem Garten...“ träumten gefühlte zehn Millionen Menschen, liefen beglückt durch die Straßen und pflückten sich den Spätsommer aus den mobilen CD-Playern (ja, die gab es mal!). Dass sie diesen Lebens-Soundtrack einem Tabakwarenhersteller verdankten, focht Inga Humpe und Tommi Eckart keineswegs an (auch wenn sie sich vorsichtshalber das Pseudonym 2raumwohnung ausgedacht hatten).

Einmal ein solch großer Wurf ist schon bemerkenswert. Ein zweites Mal das Zeitgefühl so zielgenau zu treffen, ja selbst zu formen, das ist außergewöhnlich. Denn als Stimmen von DÖF, Neonbabies und Humpe & Humpe bzw. Produzent und Mitstreiter u.a. von Andreas Dorau standen beide in den 80ern schon einmal als NDW-Heroen mittendrin im Zentrum der Zeitgeistmaschine. Doch auch in den 90ern, als Neue Deutsche Welle, Punk und New Wave beerdigt wurden und mit dem Techno eine neue Jugendkultur das Zepter übernahm, verschwanden sie nicht einfach. Inga Humpe verbrachte einige Jahre in London, doch mit dem Fall der Mauer zog es sie wieder nach Berlin, wo sie bei den kontinentalen Vertretern des neuen Ambient House mitmischte. Derweil produzierte Lebens- und Musikpartner Tommi Eckart mit Andreas Dorau einige Alben. Das „Comeback“ als 2raumwohnung im Jahr 2000 war also eigentlich gar keines, zumindest nicht für die beiden Protagonisten. Wohl aber für ein Phänomen, das mit der Neuen Deutschen Welle beerdigt schien: der anspruchsvolle und massentaugliche deutsche Popsong.

Mittlerweile sind wir ein Jahrzehnt weiter, ein Jahrzehnt voller Erfolge und Euphorie, in dem die beiden Kreativpartner, die auf ihrem Label auch andere Künstler fördern, zur festen Größe in der deutschen Musikszene avanciert sind. Berührungsängste kennt dieses Duo wahrlich nicht. Von Songwriterjuwelen bis zum Discoinferno, von Liebesschwelgerei bis Electro-Tüftelei reicht die stilistische Palette von 2raumwohnung, die weder Kitsch noch Kunst scheuen, wenn es gilt mit sinnlich intonierten Popsongs den Alltag zu veredeln.
Jedes der vier 2raumwohnung-Studioalben wurde mindestens vergoldet, und seit 2009 liegt Numero fünf in den Läden. „Lasso“ ist 2raumwohnung pur, mit den bekannt flotten, gitarrenlastigen Popmelodien, gekontert von Inga Humpes unwahrscheinlich naher, direkter Stimme. Hinzu kommen diesmal einige Zutaten, die von bewegten Lebenswegen künden: von treibenden 70er-Trommeln über sehr deutliche Disco-Anleihen bis zu Streichern und Klarinetten ist alles dabei. Was uns sagt: Bei 2raumwohnung sollte man immer genau hinhören. Denn unter der sommerlich-beschwingten Direktheit liegt auch immer ein gehöriges Stück Eigensinn. Wie schon zu den alten NDW-Zeiten.

Am 15. Juli diesen Jahres machten 2raumwohnung Station in der seit langen ausverkauften Kulturarena in Jena. Das Festival, welches in der 19. Auflage mit jährlich zunehmendem Zuschaueransturm glänzen kann, beweist wieder einmal Fingerspitzengefühl und Klasse bei der Wahl der Künstler. Hochkaräter aller Genres, Newcomer die nach der Arena keine mehr sind und Überraschungen der ganz besonderen Art warten jeden Abend auf das Publikum, das sich immer wieder auf Experimente einlässt, Künstlern mit Neugier und Respekt begegnet, und den Sommer in Jena zu einem einzigartigen Ereignis werden lässt. So wurde an diesem Abend der und in diesem Fall die Millionste Besucherin seit Beginn der Arena gesucht und gefunden. Ein Ballwurf in die Menge, gezielt ungezielt durch den Programmchef der Arena abgefeuert, fand die Glückliche, die mit Geschenken überhäuft, strahlend die Bühne verlies und noch freudiger dem Konzert lauschte. Feinsten deutschen Elektro-Pop erlebten die 3.000 Besucher. Klassiker der Band wie „Wir trafen uns in einem Garten“, „Nimm mich mit“ oder „Ich und Elaine“ gab es dabei ebenso wie die Songs des neuen Albums „Lasso“. Die Massen tobten, und als das Duo auch noch Zuschauer zum Mittanzen auf die Bühne holten, gab es kein Halten mehr.
Glasklarer Sound, eine glockenhelle Stimme und purer Spaß auf und vor der Bühne: ein außergewöhnliches Konzert. Mit femininem Charme und maskulinem Drive auf in den Sommer, könnte das Credo sein. Pop-Sense-and-Sensibility 2010.
Das 2raumglückshormon.
Herzlichen Glückwunsch!




Fotoimpressionen:



















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